Montag, 17. September 2018

Noch eine Abschlussfeier

Abschlussfeier in der Hauptschule.
Auch DER JUNGE geht hier zur Schule, in eine Partnerklasse, die die Sonderschule hierhin ausgelagert hat.
Alle Schülerinnen und Schüler sitzen in der großen Aula und sind gespannt auf das Programm der Feier. Auch die Schüler mit Behinderung sitzen in einer Reihe. Alle sind festlich gekleidet und haben sich richtig schick gemacht. Auch die Eltern des Jungen sind heute hier.
Nach und nach werden alle Klassen auf die Bühne gerufen. Die Kinder erhalten ihre Abschlusszeugnisse. „Wann kommen denn die Schüler der Partnerklasse?“, fragt sich die Mutter des Jungen.
Dann singt der Chor. Der Schulleiter verabschiedet die Hauptschüler und zeichnet die Jahrgangsbesten aus. Die Schüler der Partnerklasse werden nicht erwähnt.
Die Mutter denkt: „Gleich platze ich! Ich geh nach vorne, schnapp mir das Mikrophon und sag was!“
Nur der warnende Blick ihres Mannes hält sie davon ab.
Dann ist die Feier zu ende.
„Komm, wir gehen jetzt wie besprochen schön essen“ sagt die Mutter zum Jungen und nimmt ihn in den Arm.
„Warum hast Du das denn nicht mit den Lehrern vorher besprochen?“, raunt der Vater ihr beim Rausgehen zu.
„Weil ich nie im Leben auf den Gedanken gekommen wäre, dass unsere Kinder heute überhaupt nicht berücksichtigt werden!“, raunt die Mutter zurück.
Die Geschichte vorgelesen ...

Montag, 10. September 2018

Eine Abschlussfeier

Abschlussfeier in der Hauptschule mit der Klasse DES MÄDCHENS. Das Programm wird geplant.
„Ich will dort singen!“, sagt das Mädchen.
„Hmm“. Die Mutter hat Bedenken. Vielleicht könnte sie gemeinsam mit einigen Mädchen aus der Klasse singen. „Nein, alleine!“, sagt das Mädchen, „ich schaffe das!“
Ihre Gesangslehrerin wird angefragt, ob sie das Mädchen begleiten kann.
„Hmm“. Die Gesangslehrerin hat Bedenken. Was würde wohl ein missglückter Auftritt beim Mädchen auslösen? „Ich schaffe das“, sagt das Mädchen.
„Hmm“, sagen die Lehrerinnen und bestehen auf einer Generalprobe. Sie möchten sicher gehen, dass sich das Mädchen auch auf die Bühne traut, vor so vielen Menschen. Das Mädchen schafft die Probe gut.
Als es bei der Abschlussfeier ans Mikrophon geht und mit sicherer Stimme seinen Lieblings-Popsong anstimmt, springen die Klassenkameraden auf und schwenken die Rose, die sie bekommen haben, im Takt. Das Mädchen singt jetzt nicht nur. Es performt sein Lied.
Und als es zu Ende ist, gibt es vom ganzen Saal Standing Ovations.
Das Mädchen verbeugt sich viele Male und strahlt.
„Hmm“, denkt die Mutter, „vielleicht schaffe ich es ja beim nächsten Mal, ihr es gleich zuzutrauen!“
Die Geschichte vorgelesen ...

Montag, 23. Juli 2018

Fieber

Englisch-Unterricht. Alle Kinder bereiten sich auf eine kleine Präsentation vor.
Auch DER JUNGE. Er bastelt ein Plakat, schreibt, was er kann und lernt gemeinsam mit seinem Schulbegleiter den Text von den Karteikarten.
Zu Hause sagt er zu seiner Mutter: „Ich habe Englisch-Fieber!“
Es dauert eine ganze Weile, bis klar wird, was er genau hat: Er hat Lampenfieber.
Auch seine Lehrerin spürt das.
Sie stellt eine kleine Gruppe aus sechs Schülern zusammen, die der Junge besonders mag.
Vor ihnen hat der Junge gestern seine Präsentation geübt.
Heute war er dann vor der ganzen Klasse dran.
„Ich hatte Angst“, sagt er zu Hause. Und er sagt auch: „Ich hatte viel Mut!“
Vom Schulbegleiter erfährt die Mutter, dass der Junge seine Präsentation fast ganz alleine gehalten hat.
„Und alle haben geklatscht“, erzählt der Junge. „Zweimal. Am Anfang und am Ende!“
Die Geschichte vorgelesen ...

Montag, 16. Juli 2018

Ein Detail

DER JUNGE soll nach den Sommerferien an eine weiterführende Schule wechseln.
Es war gar nicht so einfach, überhaupt eine zu finden: Die Unterrichtsräume müssen mit dem Rollstuhl erreichbar und die Verbindung mit dem öffentlichen Nahverkehr muss wenigstens zu den Hauptverkehrszeiten barrierefrei sein. Gut, dass die Familie in der Stadt wohnt. Da gibt es wenigstens eine Schule, die diese Voraussetzungen erfüllt.
Die Mutter und auch der Junge hatten sich mehrmals mit dem Schulleiter getroffen, viele Gespräche geführt und alle Details geklärt. Der Schulleiter hatte viele Bedenken, die aber nach und nach ausgeräumt werden konnten.
Endlich weiß der Junge – viel später als seine Freunde und Klassenkameraden – wo er weiter zur Schule geht. Er ist sehr erleichtert.
Morgen ist nun endlich der vereinbarte Anmeldetermin. Am Abend zuvor klingelt das Telefon. Der Schulleiter ist dran:
"Ich muss Ihnen leider sagen, dass das mit der Anmeldung morgen nichts wird“, sagt er.
"Aber warum“, fragt die Mutter völlig überrascht, "es war doch schon alles besprochen!" 
"Wir haben ein sehr wichtiges Detail übersehen", erklärt der Schulleiter, "im Brandfall dürfen die Aufzüge nicht benutzt werden. Und wie kommt Ihr Sohn dann aus dem Gebäude?"
Da ist die Mutter auch zunächst einmal überfragt. "Aber wir können ihn doch morgen anmelden, und dann machen Sie einen Termin mit der Stadt, um diese Frage zu klären. In allen öffentlichen Gebäuden gibt es doch Rettungskonzepte…“, schlägt sie vor.
"Das geht natürlich nicht“, entgegnet der Schulleiter fast empört: "Sie denken da nur an Ihr eigenes Kind! Aber ich trage die Verantwortung für alle. Wenden Sie sich an die Feuerwehr, an den Bürgermeister oder eine übergeordnete Stelle im Ministerium. Und sobald Sie eine Lösung gefunden haben, melden Sie sich wieder bei mir. Dann können wir gerne noch einmal über die Aufnahme Ihres Sohnes sprechen!"
Die Geschichte vorgelesen ...