Montag, 20. Januar 2020

Probleme

Die JUNGE FRAU arbeitet seit einiger Zeit in einem Büro.
Die Eltern sind sehr glücklich über diesen Arbeitsplatz.
Jetzt hat der Chef die Mutter zum Gespräch gebeten.
Es gebe Probleme.
Tatsächlich hatte sich die junge Frau in letzter Zeit immer wieder darüber beklagt, dass die Arbeit zu langweilig sei.
Jetzt sitzt die Mutter mit flauem Gefühl beim Chef.
Sie fürchtet Vorwürfe, ihre Tochter würde nicht mehr engagiert und gut genug arbeiten.
Den ganzen Tag schon hatte sie darüber nachgedacht, wie sie diplomatisch rüberbringen könne, dass ihre Tochter mehr Abwechslung und zusätzliche Aufgaben braucht.
„Ich habe das Gefühl, dass Ihre Tochter zur Zeit etwas unzufrieden mit Ihrer Arbeit bei uns ist“, eröffnet der Chef das Gespräch, „meinen Sie nicht auch?“
Die Mutter beginnt, zu antworten: „Ja, doch, irgendwie, ich denke, vielleicht ist…“
Da unterbricht sie der Chef auch schon: „Wir haben deshalb im Team überlegt, was denn das Problem sein könnte. Wir glauben, der Arbeitsablauf ist zu eintönig. Und wir haben uns auch schon überlegt, wie wir das ändern könnten. Soll ich Ihnen einfach mal unsere Ideen erzählen?“
„Ja, gerne“, sagt die Mutter. Und sie ist sehr erleichtert.
Zwei Nixklusionsmännchen. Eines mit Sprechblase, eins guckt traurig.
Die Geschichte vorgelesen ...

Montag, 13. Januar 2020

Immer

DAS MÄDCHEN soll eingeschult werden.
Die Eltern haben es an der Sonderschule für geistige Entwicklung in einer kooperativen Klasse angemeldet:
Die Klasse ist an eine Grundschule ausgelagert.
Was das genau bedeutet, erfahren die Eltern beim ersten Elternabend.
Zu diesem haben die Sonderpädagoginnen schon vor der Einschulung eingeladen.
Er findet an der Sonderschule statt.
Die Lehrerinnen erzählen: Soviel wie möglich wird mit der Grundschulklasse gemeinsam gelernt. Und es wird getrennt unterrichtet, wo es nötig ist.
„Nach Weihnachten trennen wir in Deutsch und Mathe“, erklärt eine der Lehrerinnen. „Dann kommen ihre Kinder nicht mehr mit.“
Die Eltern schauen sich an. Die Mutter meldet sich: „Aber Sie haben meine Tochter doch noch gar nicht kennen gelernt!“
„Das muss ich auch nicht“, antwortet die Lehrerin, „das machen wir immer so.“
„Und wenn sie nun doch weiter mitkommt…“, fragt die Mutter nach.
„Das wird sie nicht. Das ist immer so“, sagt die Lehrerin bestimmt.
Schulehaus, li im Zimmer viele bunte NIxklusionsmännchen. Im rechten Zimmer drei graue.

Montag, 6. Januar 2020

Berufe

DER JUNGE geht in die allgemeine Schule.
Er hat viel gelernt: Lesen, Schreiben und ein bisschen rechnen.
Bald steht der Übergang in die Berufswelt an.
Deshalb besucht er mit seinen Eltern eine von der Schule organisierte Messe.
Viele Ausbildungsbetriebe stellen sich dort vor. Auch Organisationen, die die jungen Menschen bei der Berufswahl beraten.
An einem dieser Stände zieht der Junge eine Kugel aus einer Lostrommel. In der Kugel befindet sich ein Zettel: „Hilfst Du gerne im Garten und arbeitest an der frischen Luft?“ steht darauf.
„Oh nein!“, sagt der Junge laut. „Schade,“ sagt die Dame vom Stand und schaut zur Mutter: „Da gibt es ja immer mal wieder Möglichkeiten für, na ja, Sie wissen schon…“
Die Familie zieht weiter. An einem der nächsten Stände drückt ihnen ein junger Mann einen Flyer in die Hand: „Bei uns kann man auch Gärtner lernen!“. Der Mitarbeiter schaut den Jungen erwartungsvoll an. Doch der verdreht nur die Augen.
„Ich gehe noch mal rum“, schlägt der Vater vor, „irgendwas werde ich für Dich schon finden. Theoriereduzierte Ausbildungen oder besondere Berufsbildungsmaßnahmen…“
Nachdem der Junge und die Mutter eine Weile am Waffelstand gewartet haben, kommt der Vater zurück.
„Absolut nichts“, sagt er. Und leise zur Mutter: „Unser Sohn ist hier nirgendwo mitgedacht.“
Und weil der Junge keine Waffeln mag, gehen die drei unverrichteter Dinge nach Hause.
Mitgenommen haben sie einen kleinen Klebe-Block von der Bundeswehr. Auf jedem Blatt oben steht: „Tagesbefehl“.
Und einen Bleistiftanspitzer von der Müllabfuhr in Form einer kleinen braunen Mülltonne.
Drei Nixklusionsmännchen vor Stellwänden, eins daneben, das traurig guckt.
Die Geschichte vorgelesen ...

Montag, 30. Dezember 2019

Eine Katastrophe (Teil 2)

Nur vier Wochen durfte DER JUNGE in der ersten Klasse der allgemeinen Schule bleiben.
Dann geschah „eine Katastrophe“: (Hier nachzulesen, Geschichte vom April 2018)
Die Eltern hatten keine Chance, sich gegen die Umschulung auf die Sonderschule zu wehren.
Das ganze Schuljahr war ihr Sohn jetzt dort.
Die Eltern erfahren nur wenig über den Unterricht. 
Sie bemerken nur, dass ihr Sohn zu Hause nie mehr schreibt oder rechnet.
Dabei hatte er in der Grundschule schon viele Buchstaben gelernt. Und das Rechnen hatte ihm besonders viel Spaß gemacht.
Hausaufgaben gibt es an der neuen Schule aber nie.
Jetzt kommt das Zeugnis:
Ihr Sohn sei sehr selbständig, steht da. Er könne Obst schneiden, duschen und sich anziehen.
All das konnte er allerdings schon vor der Einschulung. Genauso wie Fahrrad fahren, was an der Schule geübt wird.
Über Lesen und Schreiben steht im Zeugnis nichts.
Allerdings ist zu lesen, dass der Junge oft, wenn er sich langweilt, Blödsinn macht. Und dass er die Laute der Kinder mit schweren Behinderungen imitiert.
Die Mutter lässt das Zeugnisblatt sinken und sagt zu ihrem Mann:
„DAS ist jetzt wirklich eine Katastrophe!“
Eine große 2 und das Bild aus der alten Geschichte: Ein NIxklusionsmännchen, das über allerlei Zeugs stolpert. Ein anderes, das traurig guckt. Beide fassen sich am Arm.
Die Geschichte vorgelesen ...

Montag, 23. Dezember 2019

Das Krippenspiel

In der Kirche wird für den Heiligabend ein Krippenspiel eingeübt.
Es haben sich einige Kinder gefunden, die es proben wollen.
Drei Eltern leiten sie an.
Auch DER JUNGE ist dabei. Er ist der kleinste Hirte.
Weil er noch nicht so gut sprechen kann, hat er nur einen Satz.
Wenn die Hirten die Engel sehen, sagen sie:
„Habt ihr gehört: Der Retter ist geboren!“
„Waren das wirklich Engel?“
„Das kann doch gar nicht sein“, sagt dann der Junge.
Und ein weiterer Hirte ruft: „Wir müssen sofort los!“
In der ersten Probe ist der Junge sehr aufgeregt. So aufgeregt, dass er keinen Satz herausbekommt.
Anschließend spricht die Mutter mit den Leitern.
Vielleicht könnten die anderen Hirten den Jungen anschauen, wenn er dran ist.
Oder ihm das erste Wort des Satzes leise vorsagen.
Dann ist die zweite Probe. Die Mutter hört wieder zu.
Der Junge hat seinen Satz zu Hause noch einmal geübt.
Doch er kommt nicht dazu, ihn zu sagen.
Einer der Hirten hat seinen Satz zusätzlich übernommen.
Der Junge steht verwirrt auf der Probe-Bühne.
Am Ende fragt die Mutter die Leiter, was denn das jetzt war.
„Na ja,“ sagen die, „wir müssen doch sicherstellen, dass in der Aufführung kein Text fehlt. Es ist sehr wichtig, dass das Krippenspiel ein Erfolg wird. Vor allem für die Kinder. Wir alle haben da viel Arbeit reingesteckt!“
„Ich dachte eigentlich“, erwidert die Mutter nachdenklich, „dass es an Weihnachten um etwas anderes geht…“

Drei Nixklusionsmännchen-Hirten. Über ihnen in Orange ein Engel.

Die Geschichte vorgelesen ...

Montag, 16. Dezember 2019

Langsam

DER JUNGE hat wieder einmal ein Praktikum gemacht.
Gemeinsam mit seiner Anleiterin war er in der Woche viel unterwegs.
Denn sie hatte an unterschiedlichen Einsatzorten zu tun.
Sie sind überall hin zu Fuß gegangen oder mit dem Bus gefahren.
Quer durch die ganze Stadt.
Als die Mutter nach dem Praktikum um eine Rückmeldung bittet, sagt die Anleiterin:
„Das war natürlich manchmal ein bisschen viel Hin und Her für ihn. Er ist ja doch recht gemütlich unterwegs!“
Die Mutter lacht: „Das haben Sie sehr nett ausgedrückt. Natürlich weiß ich, dass er wirklich sehr langsam ist. Vielleicht zu langsam für Sie und Ihren Job.“
„Nein, so würde ich das gar nicht sagen“, antwortet die Anleiterin, „er hat mich in dieser Woche wirklich sehr entschleunigt! Und das hat doch auch seine Qualität!“
Zwei gehende Nixklusionsmännchen, ein kleines, ein großes.
Die Geschichte vorgelesen ...

Montag, 9. Dezember 2019

Seufzen

DAS MÄDCHEN besucht die 8. Klasse an der allgemeinen Schule.
Es kann einfache, kurze Sätze lesen und im Bereich bis 20 rechnen.
Die Lehrer müssen den Lernstoff der Klasse stark anpassen, damit das Mädchen gemeinsam mit den anderen lernen kann.
Eine sonderpädagogische Lehrkraft kommt stundenweise, unterstützt und gibt auch Einzelförderung.
Dieses Schuljahr ist ein neuer Sonderpädagoge vor Ort.
Mit den anderen Lehrern arbeitet er nicht zusammen. Stattdessen sitzt er in den gemeinsamen Stunden neben dem Mädchen und hört einfach nur zu.
Für die Einzelförderung bringt er Leselernhefte mit. Doch die Aufgaben sind zu leicht für das Mädchen. Es kann alles erraten.
Beim Rechnen verbietet er dem Mädchen, mit den Fingern zu rechnen. Das hatte es seit Jahren geübt und damit viele kleine Fortschritte erzielt.
Jetzt macht das Mädchen Rückschritte, sowohl beim Lesen, als auch beim Rechnen.
Ein Gespräch der Eltern mit dem Sonderpädagogen ändert nichts: „Ich glaube nicht daran, dass geistig Behinderte wirklich lesen und rechnen lernen können“, sagt dieser.
Die Mutter kennt die Schulleiterin der Sonderschule und ruft sie hilfesuchend an.
Nachdem sie alles geschildert hat, hört sie lange nichts. Dann ein tiefes Seufzen.
„Das tut mir wirklich leid für Ihre Tochter“, sagt die Schulleiterin schließlich, „aber ich kann und will mich nicht in die Unterrichtsgestaltung meiner Lehrer einmischen. Sie wissen doch: Pädagogische Freiheit…“
rotes Nixklusionsmännchen mit Handy. Aus Handy Sprechblase mit "Seufz"
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Montag, 2. Dezember 2019

Auf dem Weihnachtsmarkt


Ausflug in Klasse 9 der Hauptschule. Die Klasse DES JUNGEN hat sich für einen gemeinsamen Kinobesuch plus Weihnachtsmarkt entschieden. Die Schüler sollen Geld für den Eintritt und einen kleinen Imbiss auf dem Weihnachtsmarkt mitbringen.

Der Junge kann nur wenig rechnen. Deshalb ist der Umgang mit Geld für ihn schwer. Die Mutter bespricht mit ihm immer schon zu Hause, was er kaufen will und wieviel Geld er dafür braucht.

So vorbereitet klappt es seit langem gut, dass er alleine einkaufen geht. Auch bei allen Schulausflügen hat er so sein eigenes Geld verwaltet. Der Junge freut sich sehr auf den Ausflug.

Nachmittags kommt er dann aber mit sehr schlechter Laune nach Hause. Die Mutter versteht nur nach und nach, was er sagt: „Der neue Lehrer hat mir mein Geld gestohlen!“

Die Mutter schüttelt ratlos den Kopf. Das kann doch nicht sein!

Sie schickt dem Sonderpädagogen, der erst seit wenigen Wochen in der Klasse unterrichtet, eine Mail.

Der antwortet sofort und schreibt:

„Wie Sie wissen, kann Ihr Sohn weder Wechselgeld nachzählen, noch Preise vergleichen oder gar ein Preis-Leistungs- Verhältnis realistisch abschätzen. Daher betrachte ich es als Teil meiner Aufsichtspflicht, das Geld an mich zu nehmen und dafür zu sorgen, dass es bestimmungsgemäß ausgegeben wird. Selbstverständlich erhalten Sie Quittungen und Restgeld bei unserem bereits vereinbarten Termin zur Förderplanung nächste Woche.“
Nixklusionsmännchen mit Spitzhut, ausgebreitete Arme und vielen Münzen auf den Armen. Zwei fallen runter.


Montag, 25. November 2019

Am Fahrradständer


Einmal in der Woche fährt DER JUNGE mit dem Fahrrad zur Schule.
Seine Mutter begleitet ihn, weil der Weg für ihn alleine noch zu schwierig ist.
Er stellt sein Fahrrad immer gleich am ersten Fahrradständer vor der Schule ab und geht dann noch ein kleines Stück zu Fuß.
Die meisten anderen Kinder fahren direkt vor die Schule, mitten hinein ins Getümmel.
Als die Mutter den Jungen mittags wieder abholt, steht ein Klassenkamerad mit seinem Fahrrad am Fahrradständer.
Er ist ein guter Freund des Jungen.
Ob er etwas von mir will? fragt sich die Mutter.
Aber der Klassenkamerad spricht sie nicht an.
Erst als der Junge kommt, wird er munter.
Er hilft ihm, das Fahrrad aufzuschließen.
Und dann geht es auch schon ab:
Er und der Junge sausen los. Die Mutter hinterher.
Jetzt wird ihr auch klar, warum der Klassenkamerad zum Fahrradständer gekommen ist:
Er möchte mit seinem Freund ein Stück des Weges gemeinsam zurückfahren. 
Rotes Fahrrad, Nixklusionsmännchen sitzt drauf. Ein anderes Männchen steht daneben und gibt ihm lächelnd die Hand.
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Montag, 18. November 2019

Die Voraussetzung

DER JUNGE besucht die Grundschule im Dorf.
Das Gebäude ist alt und alles andere als barrierefrei.
Aber mit gutem Willen und viel Improvisationstalent aller Beteiligten klappt es mit dem Jungen in seinem Rollstuhl gut.
Nun wird es Zeit, eine weiterführende Schule in der nächsten Stadt zu suchen.
Die Mutter hat eine Liste erstellt.
Ganz oben steht eine Schule, die erst vor einigen Jahren gebaut wurde: Nicht groß, aber top modern mit großen hellen Räumen, breiten Fluren und komplett barrierefrei mit Aufzug und Rampen.
Die Mutter ruft dort an, um einen Gesprächstermin zu vereinbaren.
„Das geht leider nicht“, sagt die Schulleiterin, „einen Schüler im Rollstuhl können wir nicht aufnehmen. Wir haben keine Behindertentoilette zur Verfügung. Den Raum mussten wir von Anfang an als Putzraum nutzen. Wir haben da einfach keine Alternative!“
Die Mutter schweigt ungläubig.
„Das tut mir ja auch wirklich leid“, rechtfertigt sich die Schulleiterin schnell, „aber, was soll ich machen, wenn die Voraussetzungen einfach nicht gegeben sind!?“
Die Mutter legt auf und streicht die Schule von der Liste.
Und denkt: Ja, an dieser Schule fehlt wirklich die wichtigste Voraussetzung!
Die Toilette meint sie dabei nicht.
Ein Raum voll mit Besen, Eimer, Wischlappen - außen ein Schild WC, aber durchgekritzelt
Die Geschichte vorgelesen ...