Donnerstag, 21. März 2019

Fördern (zum Welt-DS-Tag)

Die Mütter haben sich auf einen Kaffee verabredet.
Beide haben sie Kinder mit Down-Syndrom.
„Du“, sagt die eine zur anderen, „neulich habe ich DAS MÄDCHEN wieder einmal getroffen.“
Ihre Kinder waren mit dem Mädchen gemeinsam in der Frühförderung.
„Es spricht doch immer noch kein einziges Wort“, sagt die Mutter.
„Noch immer nicht?“, fragt die andere entsetzt, „ja war es denn nicht bei der Logopädie?“
 „Doch, ich glaube schon – aber viel zu spät. Da gehen ja ganz wichtige Zeitfenster zu, wenn man sich nicht rechtzeitig kümmert.“
Die andere Mutter nickt:  „Und es ist natürlich auch wichtig, wirklich die besten Therapeuten zu finden. Ich fahre dafür jede Woche viele Kilometer. Und zu Hause muss man ja auch noch viel machen. Es gibt so viele tolle Sprachfördermaterialien, da kommt man kaum hinterher.“
„Also, wenn das Mädchen nicht spricht, dann kann man das ja mit der Inklusion auch vergessen…“
„So ist es“, bestätigt die andere Mutter, „das war auch immer mein Ziel: Meinen Sohn so fit zu machen, dass er in eine inklusive Klasse kann.“
„Dafür ist auch Ergotherapie gut. Damit er auch bewegungsmäßig mithalten kann…“, ergänzt die Mutter.
„Ja, von nichts kommt nichts“, sagt andere Mutter, „ich habe mir da nichts vorzuwerfen!“
Und dann seufzt sie zufrieden.
Die Geschichte vorgelesen ...

Montag, 18. März 2019

Weiß

Am Elternsprechtag hört die Mutter nicht nur Positives über DEN JUNGEN.
Besserwisserisch und vorlaut sei er, findet seine Lehrerin. Und eben sehr speziell…
„Da hat er sich neulich sein T-Shirt nach dem Sportunterricht über die Augen gezogen und ist damit so herumgelaufen“, berichtet sie. „Dann hab ich ihn ermahnt: Junge, Du siehst doch gar nichts! Es ist jetzt doch alles schwarz! Nein, hat er da gesagt: Es ist jetzt alles weiß!“
Die Lehrerin schüttelt den Kopf.
Und während sie weiter erzählt, was der Junge wann gesagt oder getan hat, denkt die Mutter:
Wenn ich mir ein weißes T-Shirt über die Augen ziehe und dann sie auf mache: Dann ist wirklich alles weiß.
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Montag, 11. März 2019

Biergarten

DER JUNGE ist inzwischen ein junger Erwachsener und gerne mal abends unterwegs.
Alleine geht das nicht, denn er ist nicht mobil. Er braucht immer eine Begleitung, die ihn unterstützt – sowohl in Bussen und Bahnen, als auch beim Essen oder auf der Toilette.
Er hat für diese Assistenzleistungen ein Budget vom Sozialamt erhalten. Ein Budget für Freizeit. Damit auch er seine Freizeit so gestalten kann, wie er es möchte.
Jedes Halbjahr weist er detailliert seine Ausgaben nach.
Nun hat der Sachbearbeiter gewechselt.
Der bittet zum Gespräch. Denn er hat Nachfragen.
„Was machen Sie denn eigentlich so, wenn sie abends gemeinsam mit Ihrem Assistenten losziehen?“, will er wissen.
„Meistens essen wir irgendwo etwas“, berichtet der Junge wahrheitsgemäß, „dann bummeln wir durch die Stadt. Manchmal machen wir dann auch noch im Biergarten Halt. So auf ein zwei Bier.“
„Also“, sagt der Sachbearbeiter, „das geht natürlich gar nicht: Dass Sie auf Staatskosten saufen gehen!“
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Montag, 4. März 2019

Das Kursprogramm

Die Mutter sucht für DAS MÄDCHEN nach Freizeitaktivitäten.
Dabei stößt sie auf ein „inklusives Kursprogramm“. Auf den Fotos sind überwiegend junge Leute mit Behinderung zu sehen.
Sie blättert das Heft durch: „Wir backen gemeinsam Pizza“, „Sandwich – leicht gemacht“, „Ein Picknick im Garten unserer Einrichtung“…
Immer nur essen? Das Mädchen hat sowieso schon einige Kilo Übergewicht. Beim letzten Termin hatte auch der Arzt gesagt, dass man hier ein bisschen aufpassen solle.
Eigentlich sucht die Mutter auch etwas anderes. Etwas mit Bewegung an der frischen Luft, zum Ausgleich für die vielen Schulstunden drinnen sitzen: Wandern, klettern oder bootfahren, zum Beispiel. Das macht das Mädchen gern.
Sie ruft beim Anbieter an und fragt, ob es auch so etwas gibt.
"Nein, eigentlich nicht“, sagt die Leiterin, "so etwas wäre auch enorm aufwendig. Und ich bin skeptisch, ob das dann wirklich angenommen wird... Aber essen tun doch alle sehr gern! Da haben wir immer nur positive Rückmeldungen."

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Montag, 25. Februar 2019

Der Pfarrer

DER JUNGE ist erwachsen.
Immer wieder sterben im seinem Umfeld Menschen.
Er hat gelernt, in einfacher Sprache für sie zu beten.
Das ist inzwischen ein Ritual, das er sehr liebt.
Manchmal geht er gemeinsam mit seinem Assistenten in die Kirche zu einem Gottesdienst.
Das ist nicht immer ganz einfach.
Denn er ist sehr spontan:
Er beschwert sich lautstark über „das blöde Aufstehen“.
Wenn jemand die Kirche verlässt, ruft er ihm freundlich „Auf Wiedersehen“ hinterher.
In der vergangenen Woche ist wieder jemand gestorben, den er kannte.
Heute sitzt der Junge im Gottesdienst und wartet ungeduldig auf das Ende.
Sofort nach dem Segen rennt er nach vorne. Sein Assistent rennt hinterher.
„Ich will beten“, bestürmt er den Pfarrer, der gerade in die Sakristei gehen will.
„Gerne“, sagt der Pfarrer. Er hatte den jungen Mann zwar immer schon mal in der Kirche gesehen, aber noch nie mit ihm gesprochen.
Der Junge und sein Assistent beten jetzt laut, so wie es der Junge gelernt hat.
Derweil leert sich die Kirche.
Der Pfarrer lässt sich davon nicht beirren, sondern hört aufmerksam zu.
Als der Junge fertig ist, spricht der Pfarrer noch ein abschließendes „Vater Unser“ und sagt:
 „Der liebe Gott passt auf alle auf: auf die Toten im Himmel und die Lebenden hier auf der Erde.“
Der Junge nickt und ist sehr zufrieden.
„Auf Wiedersehen“, ruft er freundlich, dreht sich um und rennt aus der Kirche.
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Montag, 18. Februar 2019

Sportunterricht 2

DER JUNGE besucht eine allgemeine Schule.
Seine Körperbehinderung spielt im Unterricht keine große Rolle.
Ausnahme: Der Sportunterricht.
Weil er im vergangenen Halbjahr bei vielem nicht mitmachen durfte und deshalb auch nicht benotet wurde, hatte die Mutter das Gespräch mit der Lehrerin gesucht.
Die Lehrerin versprach, den Sportunterricht künftig „inklusiv“ zu gestalten.
Als die Mutter den Jungen eine Woche später fragte, ob er denn jetzt immer noch auf der Bank sitzen müsse, schüttelte der den Kopf: Nein, nein…
Die Mutter war beruhigt. Dann gab es Zeugnisse. „Sport: ausreichend“, stand da.
Eine Vier? Weshalb denn das? Die Mutter schüttelt den Kopf.
Wieder spricht sie mit der Lehrerin und lässt sich erklären, wie der Sportunterricht jetzt läuft:
Wenn die anderen Fußball spielen, schießt der Junge Soft-Bälle auf eine Torwand.
Wenn die anderen einen Parcours machen, absolviert der Junge seinen leichten Parcours am Rand.
Und wenn die anderen turnen, macht er alleine seine Übungen an der Sprossenwand.
„Na ja“, sagt die Lehrerin abschließend, „und eine Vier habe ich ihm gegeben, weil er bei all dem wirklich nicht sehr motiviert war!“
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Montag, 11. Februar 2019

Sportunterricht 1

DER JUNGE besucht eine allgemeine Schule.
Seine Körperbehinderung spielt im Unterricht keine große Rolle.
Ausnahme: Der Sportunterricht.
Denn er kann nicht richtig rennen, er kann keinen Ball fangen, und springen kann er auch nicht.
Er prellt mit einer Hand und bewegt sich sonst eher langsam und vorsichtig.
Was macht denn der Junge im Sportunterricht?
Wenn die Mutter mittags sein Sportzeug auspackt, ist es niemals durchgeschwitzt.
Manchmal ist es auch noch so gefaltet, dass man denken könnte, der Junge hat es gar nicht getragen.
Nach ein paar Wochen fragt sie den Jungen direkt.
„Naja, viel mache ich nicht mit“, sagt dieser vorsichtig.
„Was heißt das?“, fragt die Mutter nach.
„Wenn etwas gemacht wird, was ich nicht kann, muss ich mich auf die Bank setzen.“
Die Mutter ist sprachlos.
„Aber… hast du das nicht mal angesprochen? Da lässt sich doch sicherlich auch etwas finden, was du machen kannst…“
„Nein, hat die Lehrerin gesagt. Und: Damit musst du dich einfach abfinden.“
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Montag, 4. Februar 2019

Tanzen

DER JUNGE tanzt. Hip Hop. Eine nette Gruppe, eine nette Trainerin.
Aber seit den Ferien tanzt er nicht mehr mit.
Er steht nur am Rand und schaut zu.
Die Trainerin ist besorgt. Was ist denn los?
Der Junge zuckt nur mit den Achseln.
Die Mutter sagt: „Lassen Sie ihm Zeit! Das wird schon wieder…“
Auch in der Schule, bei der Musik und schon früher im Kindergarten gab es diese Phasen.
„Der ist ganz klar überfordert“, sagten damals die einen.
„Der müsste in eine Gruppe für Kinder mit speziellen Bedürfnissen“, sagten andere.
„Die Schere zu den normalen Kindern geht eben immer mehr auf“, sagten die nächsten.
Und die Mutter sagte das, was sie auch jetzt sagt: „Haben Sie bitte Geduld!“
Nun steht eine Tanzaufführung bevor.
Nur noch zweimal Tanztraining…
„Unglaublich!“, sagt die Trainerin, als die Mutter den Jungen abholt, „heute hat er sich sofort zu den anderen gestellt und alles mitgemacht! Und er konnte alles!“
Dann lacht sie: „Na ja, lange genug angeschaut hatte er sich die Tanzschritte ja auch.“
Die Mutter lächelt.
Und dann sieht sie es bei der Aufführung selbst: Wie der Junge alles fröhlich mittanzt. Nur manchmal sind seine Arme nicht da, wo sie hingehören.
Immer dann, wenn er der Mutter zuwinkt.
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Montag, 28. Januar 2019

Kleiner Bruder

Die Familie war eine Zeitlang im Ausland. Nun gehen DER JUNGE und sein kleiner Bruder wieder in eine deutsche Schule.
Der Junge besucht eine der oberen Klassen, sein kleiner Bruder wird noch einmal in die 1. Klasse gesetzt.
Das funktioniert nicht besonders gut.
Der Bruder weigert sich, noch einmal das Alphabet zu lernen. Das hatte er schon in seiner alten Schule. Außerdem kann er schon längst kleine Bücher lesen.
Auch die Mathe-Arbeitsblätter zum Zahlenraum bis 10 zerreißt er regelmäßig.
Es dauert nicht lange, da bittet die Lehrerin die Mutter zum Gespräch.
„So kann es nicht weitergehen“, sagt sie, „natürlich habe ich für seine Situation Verständnis…“
„Was meinen Sie genau?“, fragt die Mutter.
„Naja, ich weiß, dass er es nicht leicht hat. Aber ich kann ihm trotzdem nicht alles durchgehen lassen…“
Die Mutter runzelt fragend die Stirn.
„…nur weil er mit einem behinderten Bruder aufwachsen muss!“

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Montag, 21. Januar 2019

In der Freizeit

Die Mutter DES JUNGEN trifft eine andere Mutter. Beide haben sich lange nicht mehr gesehen.
Die Tochter der anderen Mutter war einige Zeit mit dem Jungen in einer Klasse, bis er in die allgemeine Schule wechselte.
Seit kurzem lebt sie in einem Wohnheim für Menschen mit Behinderung.
„Sie fühlt sich dort sehr wohl“, berichtet ihre Mutter, „auch in der Freizeit wird dort einiges angeboten.“
„Ach, das ist ja interessant“, fragt die Mutter des Jungen nach, „was denn so?“
„Manchmal wird gemeinsam gekocht oder ein Kinoabend organisiert. Sogar bei einem Fußballspiel waren sie neulich“, berichtet die Mutter.
„Ich weiß nicht, ob das was für meinen Sohn wäre“, gibt die Mutter des Jungen zu bedenken, „er geht ja regelmäßig ins Fitness-Studio. Und am Wochenende ist es zumindest im Winter sein größtes Glück, wenn er Ski fahren kann!“
„Ts, ts…“ – die andere Mutter legt die Stirn in Falten und schüttelt den Kopf:
„Du hast aber auch immer Ansprüche!“
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