Montag, 20. Mai 2019

Praktikum

DER JUNGE geht in die 8. Klasse einer Gemeinschaftsschule. In seiner Klasse sind noch drei weitere Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf.
Nun stehen die ersten Praktika an. Dazu gibt es heute ein Elterngespräch mit der Mutter des Jungen.
„Sie hatten ja bereits im vergangenen Schuljahr gesagt“, beginnt die Sonderpädagogin, „dass Sie ein Praktikum in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung, das wir eigentlich vorgesehen hatten, ablehnen.“ Die Lehrerin verzieht ein wenig skeptisch das Gesicht: „Ihr Sohn, so hatte ich Sie verstanden, hat Interesse für Technik und soll sich auf dem ersten Arbeitsmarkt ausprobieren.“
Die Mutter nickt.
Die Sonderpädagogin fährt fort und lächelt stolz: „Ich habe jetzt die optimale Lösung für alle gefunden: Ich werde gemeinsam mit allen vier Schülern zwei Wochen lang hier im Stadtteil im Kinderhaus hospitieren!“
Die Mutter schaut sie entgeistert an. Dann widerspricht sie energisch: „Aber mein Sohn hat null Interesse an Kinderbetreuung oder Hauswirtschaft! Außerdem soll er in seinem Praktikum so selbständig wie möglich arbeiten! Wir werden ihm selbst etwas Passendes suchen.“
Die Lehrerin reagiert verschnupft: „Wenn Ihnen das, was ich anbiete, nicht gut genug ist, können Sie das natürlich tun. Aber ich verstehe Sie, ehrlich gesagt, überhaupt nicht: Das Kinderhaus ist doch eine Einrichtung des ersten Arbeitsmarktes. Und irgendwelche handwerklichen oder technischen Aufgaben hätte ich dort für ihn schon gefunden!“
Die Geschichte vorgelesen ...

Montag, 13. Mai 2019

Selbstverteidigung

DAS MÄDCHEN lernt an einer allgemeinen Schule.
Schüler mit einer Körperbehinderung seien überhaupt kein Problem, betont die Direktorin immer wieder öffentlich.
Aber das Mädchen mit Bewegungsstörungen hat es nicht leicht. Wenn es läuft, wollen seine Arme und Beine oft nicht so, wie es das Mädchen will. „Pferd“ nennen die Mitschüler es deshalb. Einer der Jungs schleicht sich regelmäßig von hinten an das Mädchen heran und kitzelt es, bis es das Gleichgewicht verliert und zu Boden geht. Niemand hilft ihr dann wieder auf.
Deshalb möchte das Mädchen einen Selbstverteidigungskurs machen. Die Eltern suchen lange, bis sie bei einer Beratungsstelle fündig werden: Ein Selbstbehauptungskurs „für Mädchen mit und ohne Behinderung“ wird angeboten. Die Kursleiterin, erfahren sie auf Nachfrage, sei sehr erfahren.
Als die Eltern ihre Tochter nach dem Kurs wieder abholen, weint sie. Was ist los?
Sie sei das einzige Mädchen mit Behinderung gewesen, berichtet sie.
Alle hatten erzählen dürfen, warum sie im Kurs sind. Aber als sie von den Vorfällen in der Schule erzählen wollte, hatte die Leiterin gesagt: „Das gehört nicht hierher! Außerdem ist deine Redezeit schon überschritten.“
Und weil das Mädchen nicht nur langsam spricht, sondern auch einige Übungen nur langsamer oder gar nicht machen konnte, hatten die anderen gelacht. „Keiner ist irgendwie auf mich eingegangen“, schluchzt das Mädchen.
Die Mutter wartet, bis die Teilnehmerinnen gegangen sind. Dann spricht sie die Kursleiterin an.
„Na ja“, sagt diese, „ich konnte doch nicht zulassen, dass Ihre Tochter erzählt, wie sie wegen ihrer Behinderung belästigt und beleidigt wird. Da hätten sich doch die anderen Mädels gleich angegriffen gefühlt!“
Und pikiert fügt sie hinzu: „Ich gebe viele Kurse an Sonderschulen, sogar für lernschwache Mädchen. Noch nie hat mir jemand etwas Ähnliches rückgemeldet! Ich glaube, Ihre Tochter ist einfach zu anspruchsvoll – oder zu empfindlich!“
Die Geschichte vorgelesen ...

Montag, 6. Mai 2019

Team

DAS MÄDCHEN wird eingeschult. Es hat, wie drei andere Kinder auch, andere Lernziele als die Grundschüler. Es gibt in diesem Jahr zwei erste Klassen an der Schule. In welche Klasse sollen die vier Kinder kommen? Das war eine leichte Entscheidung für die Schulleitung:
Die eine Lehrerin, für die Klassenleitung vorgesehen, war sich ganz sicher: Gemeinsam unterrichten kann nicht gutgehen! Außerdem sei ihr der Leistungsaspekt auch in der ersten Klasse sehr wichtig, betonte sie. Die andere Lehrerin freute sich auf das Arbeiten im Team mit der Sonderpädagogin.
Und so wird es dann auch umgesetzt: Zu zweit planen und organisieren sie jetzt schon im zweiten Jahr den Unterricht für alle Schüler gemeinsam. Oft sehen die Kollegen, wie sie im Lehrerzimmer zusammensitzen und sich absprechen. Immer haben sie viele unterschiedliche Unterrichtsmaterialien um sich herum liegen. Die Schulleitung ruft die Inklusion immer wieder bei Konferenzen als Tagesordnungspunkt auf. Und dann erzählen die beiden Lehrerinnen: Wie gut die Zusammenarbeit klappt, wie sehr sie es genießen, so oft zu zweit zu sein, dass alle Kinder profitieren. Und dass die Leistungen der Klasse kein bisschen schlechter sind als die der Parallelklasse.
Heute nun geht es wieder um eine erste Klasse, die Klassenleitung und wieder um Kinder, die inklusiv lernen werden. Da meldet sich die andere Lehrerin in der Konferenz und sagt: „Also, ich könnte mir wirklich gut vorstellen, das zu machen!“
Zwei Nixklusionsmännchen, die sich an Armen halten, viele Kinder, und ein Männchen, das ganz weit entfernt steht.

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Montag, 29. April 2019

Die Gruppe

DER JUNGE ist schon seit einigen Jahren in einer Jugendgruppe.
Weil sich die Leiter das nicht anders zutrauen, schickt die Mutter immer eine Begleitperson mit.
Manchmal meldet sich der junge Mann, der mitgeht, wenn sich etwas geändert hat –
Wenn sich die Gruppe zum Beispiel im Schwimmbad oder im Eiscafé trifft.
„Woher weiß er das eigentlich immer?“, überlegt die Mutter eines Tages und fragt ihn.
„Na, aus der WhatsApp-Gruppe!“, sagt er.
„Welche Gruppe?“, fragt die Mutter überrascht, „und warum ist der Junge da nicht drin?“
„Hat er denn ein Handy?“, fragt der junge Mann, „ich glaube, damit rechnet dort keiner…“
„Und warum nicht?“ Die Mutter schüttelt ungläubig den Kopf: „Ein Handy hat er schon seit Jahren! Er schreibt auch regelmäßig in die Klassengruppe und mit seinen Freunden!“
Sie mailt die Gruppenleiterin an und bittet sie, den Jungen auf die Liste der WhatsApp-gruppe zu setzen.
„Kein Problem“, schreibt diese kurz zurück.
Als der Junge auf der Liste ergänzt wird, sieht die Mutter den Eintrag:
„Liste erstellt vor 2,5 Jahren.“
Das Whatsapp Symbol in grün plus Nixklusionsmännchen
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Montag, 22. April 2019

Hausaufgaben

DER JUNGE geht auf eine besondere Schule.
Sein Zwillingsbruder geht auf eine normale Grundschule.
Der Junge lernt auf der besonderen Schule besondere Sachen: Einen Tag geht die Klasse zum Reiten.
Einen ganzen Vormittag wird Sport gemacht. Und es wird viel gekocht. Wenn er Blätter mit nach Hause bringt, dann sind es Ausmalblätter.
In der Klasse seines Bruders wird nicht gekocht. Es wird geschrieben, gerechnet und gelesen.
Und der Bruder hat immer viele Hausaufgaben auf.
Der Junge schaut ihm dann über die Schulter. „Ich auch!“, sagt er jeden Tag zu seiner Mutter. Er möchte auch solche Aufgaben machen. Manchmal nimmt er deshalb seinem Bruder die Hefte weg. Dann gibt es Streit zu Hause.
Die Mutter schildert in der Schule des Jungen das Problem. Sie ist verzweifelt.
„Ich verstehe Sie gut“, sagt die Lehrerin, „da müssen wir wirklich etwas ändern! Mein Vorschlag ist: Gehen Sie doch mit dem Jungen während dieser Zeit auf den Spielplatz oder wenigstens in ein anderes Zimmer!“
Die Zwillinge streiten um die Hefte
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Montag, 15. April 2019

Kolleginnen

DAS MÄDCHEN ist in einer ganz normalen Grundschulklasse.
Die Klassenlehrerin gibt sich große Mühe. Sie hat viele kleine extra Aufgabenheftchen für das Mädchen vorbereitet.
Immer, wenn die Sonderpädagogin in die Klasse kommt, arbeitet das Mädchen daran.
Die anderen lesen vor, hören zu, sprechen Englisch oder arbeiten an der Sachunterrichtswerkstatt.
Das Mädchen beschäftigt sich währenddessen mit seinen Heften. Oder auch nicht. Es wird immer unwilliger.
Die Klassenlehrerin ist frustriert.
„Lass es doch einfach mitmachen“, schlägt die Sonderpädagogin vor.
„Ich schaffe es aber nicht, alle Arbeitsblätter zu differenzieren“, seufzt die Klassenlehrerin.
„Das ist auch gar nicht nötig“, „erklärt die Kollegin, „oft reichen auch nur kleine Hilfen. Das Mädchen wird andere Ergebnisse liefern als die anderen. Das ist doch aber in Ordnung.“
Die beiden Lehrerinnen verständigen sich, dass jetzt erst einmal im Mittelpunkt steht, dass das Mädchen wirklich überall mitmacht. Und die Klassenlehrerin versucht es.
Als die Sonderpädagogin das nächste Mal kommt, zeigt ihr die Lehrerin mit Tränen in den Augen eine Geschichte, die das Mädchen geschrieben hat.
Und sie berichtet strahlend, dass es sich gemeldet und vor der Klasse etwas vorgelesen hat. An der Wand hängt ein Plakat aus dem Sachunterricht, zu dem auch das Mädchen etwas beigetragen hat.
Die Sonderpädagogin freut sich und ermutigt ihre Kollegin: „Weiter, so!“
„Mach ich!“, sagt diese und fügt hinzu: „Weißt du, wenn ich ehrlich bin: So schwer war das alles nicht!“
Die verzweifelte Lehrerin und die Sozialpädagogin mit Kindern
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Montag, 8. April 2019

Die Einladung

Die Patentante des MÄDCHENS ist bei einem neuen Kollegen eingeladen.
Es gibt Kaffee und Kuchen.
Eine kleine Runde, auch die Frau des Kollegen ist dabei.
Sie erzählt: Von ihren drei Kindern und ihrer vollen Stelle.
Sie ist Sonderpädagogin.
„Komm, nimm noch mal vom Kirschkuchen“, sagt sie lachend, „sonst kann ich morgen keinen neuen backen und muss noch mehr Kirschmarmelade einkochen!“
„Wie Du das alles schaffst…!“ Die Patentante ist beeindruckt. „Du musst doch sicher auch noch die ganze Unterrichtsvorbereitung am Wochenende machen!“
Sie weiß aus der Familie des Mädchens, dass es dort viel um passgenaues Fördermaterial geht und es viel Zeit und Mühe kostet, dies zu finden.
„Ach, halb so schlimm“, wehrt die Frau des Kollegen ab „weißt du: Ich mach‘ mir das Leben nicht unnötig schwer! Ich schau‘ immer, dass ich eine unserer Klassen für geistig behinderte Schüler bekomme. Ich hab da Einiges an fertigem Material für Vorschulkinder. Irgendwas davon passt immer. Und ich lasse meine Schüler viele Mandalas malen, gehe mit ihnen auf den Schulspielplatz, oder wir machen zusammen Pudding. Diese Kinder sind ja schon mit ganz einfachen Dingen so zufrieden!“
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Montag, 1. April 2019

Gute Gründe

Die Mutter des JUNGEN MANNES trifft sich endlich mal wieder mit einer guten Freundin.
„Und“, fragt sie, „wie geht es eurem Sohn? Habt ihr ihn inzwischen aus der Einrichtung abgemeldet?“
„Nein“, sagt die Freundin, „mein Mann und ich haben uns doch anders entschieden. Er hat da alles, was er braucht: Unterstützung beim Wohnen, verschiedene Freizeitangebote, eine Arbeit, die er nie verlieren kann - das ist ja wie ein ganzes Dorf: ohne Hektik, ohne Leistungszwang, so ganz anders als bei uns!“
Die Mutter wundert sich: „Aber vor ein paar Wochen wart ihr doch noch ganz sicher, dass euer Sohn dort unterfordert ist! Du meintest, mit ein bisschen Unterstützung könne er in eine eigene Wohnung ziehen und eine Stelle auf dem ersten Arbeitsmarkt bekommen.“
„Ja, das stimmt natürlich immer noch.“ Die Freundin nickt. „Aber ein Gespräch mit dem Einrichtungsleiter hat uns die Augen geöffnet. Er hat ganz klar gesagt: Sie würden unseren Sohn nur ungern gehen lassen, aus Fürsorgegründen, denn so ein selbständiger Weg beinhalte ja auch das Risiko, zu scheitern. Dort in der Werkstatt ist unser Sohn einer der leistungsstärksten. Wenn er normal arbeitet, sieht das ganz anders aus. Und die wirtschaftliche Absicherung ist natürlich auch unschlagbar. Unser Sohn verdient zwar so gut wie nichts, aber er muss ja auch nichts bezahlen. Alles was er braucht, gibt es dort! Und schon nach zwanzig Jahren kann er eine gute Rente beantragen!“
„Hmm“, sagt die Mutter nachdenklich.
„Ja, und: Unser Sohn ist der einzige Bewohner dort mit Führerschein. Er fährt immer seine ganze Außenarbeitsgruppe zum Einsatzort. Das hat der Leiter noch einmal extra betont. Das ist doch auch wirklich schön, oder?“
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Montag, 25. März 2019

Basketball

DER JUNGE liebt Sport. Trotz seiner starken Sehbehinderung probiert er alles aus. Er möchte Basketball spielen. Groß genug ist er ja.
Die Mutter ruft beim Sportverein an. „Kommen Sie einfach mal vorbei“, lädt der Trainer ein, „wir haben zwar keine Erfahrung mit Behinderungen, aber wir schauen mal.“
Beim ersten Termin hatte der Trainer einen Spieler aus der Jugendmannschaft um Unterstützung gebeten. Doch schon beim zweiten Mal macht er alles alleine. Er sagt zur Mannschaft: "Schaut, ich habe noch knallrote Leibchen gefunden, die zieht ihr bei den Wurfübungen über eure T-Shirt, dann kann der Junge euch besser erkennen." Im Spiel rufen die Spieler beim Anspiel den Namen des Jungen. Der weiß dann gleich, aus welcher Richtung der Ball kommt. Und der Trainer hat neue Basketbälle gekauft: schwarze, im Kontrast zum hellen Hallenboden.
Beim Grillfest spricht er mit den Eltern: „Ich glaube, Ihr Sohn fühlt sich bei uns sehr wohl. Ich will ihn unbedingt zum Freundschaftsturnier nächste Woche mitnehmen. Ich habe schon mit den Trainern der anderen Vereine gesprochen und ihnen erklärt, was sie beachten müssen, damit alles gut klappt.“ Die Eltern sind einverstanden und sehr glücklich.
„Nun habe ich aber noch eine Frage“, fährt der Trainer fort, „ich lese immer wieder von gesellschaftlicher Inklusion in der Zeitung. Was ist das eigentlich genau? Ich sollte das vielleicht wissen, wenn Ihr Sohn jetzt fest in meiner Mannschaft ist“, sagt er lachend.
Nun lacht auch die Mutter: „Das hier ist Inklusion“, sagt sie und zeigt auf die Jungs, die sich schon wieder Bälle zuwerfen. Und der Junge -  mittendrin im Spieler-Knäuel.
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Donnerstag, 21. März 2019

Fördern (zum Welt-DS-Tag)

Die Mütter haben sich auf einen Kaffee verabredet.
Beide haben sie Kinder mit Down-Syndrom.
„Du“, sagt die eine zur anderen, „neulich habe ich DAS MÄDCHEN wieder einmal getroffen.“
Ihre Kinder waren mit dem Mädchen gemeinsam in der Frühförderung.
„Es spricht doch immer noch kein einziges Wort“, sagt die Mutter.
„Noch immer nicht?“, fragt die andere entsetzt, „ja war es denn nicht bei der Logopädie?“
 „Doch, ich glaube schon – aber viel zu spät. Da gehen ja ganz wichtige Zeitfenster zu, wenn man sich nicht rechtzeitig kümmert.“
Die andere Mutter nickt:  „Und es ist natürlich auch wichtig, wirklich die besten Therapeuten zu finden. Ich fahre dafür jede Woche viele Kilometer. Und zu Hause muss man ja auch noch viel machen. Es gibt so viele tolle Sprachfördermaterialien, da kommt man kaum hinterher.“
„Also, wenn das Mädchen nicht spricht, dann kann man das ja mit der Inklusion auch vergessen…“
„So ist es“, bestätigt die andere Mutter, „das war auch immer mein Ziel: Meinen Sohn so fit zu machen, dass er in eine inklusive Klasse kann.“
„Dafür ist auch Ergotherapie gut. Damit er auch bewegungsmäßig mithalten kann…“, ergänzt die Mutter.
„Ja, von nichts kommt nichts“, sagt andere Mutter, „ich habe mir da nichts vorzuwerfen!“
Und dann seufzt sie zufrieden.
Die Geschichte vorgelesen ...