Montag, 25. Mai 2020

Voraussetzungen

DAS MÄDCHEN ist in der Abschlussklasse der allgemeinen Schule.
Wie geht es jetzt weiter?
Die Eltern schauen sich eine berufliche Maßnahme an.
Die ist ein spezielles Angebot für junge Menschen mit Behinderung.
Kooperiert wird mit einer Berufsschule.
Die Leiterin führt sie durch die Klassenzimmer und Werkstatträume.
Sie erzählt vom „inklusiven Konzept“.
Da hakt die Mutter ein: „Ja, Inklusion leben wir mit unserer Tochter von Anfang an. Da war auch ihre schwere Beeinträchtigung nie ein Thema. Aber ich lese in Ihrem Flyer immer wieder etwas von ‚Aufnahmekriterien‘? Wie passt das zusammen?“
„Natürlich holen wir die jungen Leute da ab, wo sie stehen“, erklärt die Leiterin, „aber eine hohe Eigenmotivation und eine gewisse Selbständigkeit erwarten wir schon!“
„Heißt das, Sie suchen sich die besonders leistungsstarken Schüler mit Behinderung aus einem Jahrgang aus?“, fragt der Vater noch einmal nach.
„Nein, so ist das wirklich nicht!“ Die Leiterin verneint energisch.
Und weil sie jetzt bei ihrem Rundgang gerade im Lehrerzimmer angekommen sind, zeigt sie auf zwei Männer, die dort Kaffee trinken: „Diese Eltern hier denken, wir würden die Leistung an erste Stelle setzen und nicht die Inklusion. Sagt doch mal was auch eurer Sicht dazu!“
„Klar ist unser wichtigstes Ziel die Inklusion“, beginnt einer der beiden, „also dass es die jungen Leute vielleicht mal auf eine Stelle auf dem ersten Arbeitsmarkt oder wenigstens einen Außenarbeitsplatz der Werkstatt schaffen. Allerdings müssen die natürlich schon recht fit sein und die richtigen Voraussetzungen mitbringen. Aber den entscheidenden Dreh, den bekommen sie dann bei uns.“
Der Vater schweigt eine Minute nachdenklich. Dann sagt er: „Aha …“
Und dann verabschieden sich die Eltern.

Montag, 18. Mai 2020

Zu behindert

DER JUNGE soll eingeschult werden.
Wegen seiner komplexen Behinderung wird er sonderpädagogisch überprüft.
Die Gutachterin kommt zweimal in den Kindergarten.
Anschließend setzt sie sich mit den Eltern zusammen und eröffnet ihr Gutachten:
„Ich konnte nicht wirklich testen, was Ihr Sohn kann“, sagt sie, „einmal hat er nicht besonders gut mitgemacht. Und viele der Tests passten nicht für ein Kind mit seinen Behinderungen. Manchmal habe ich ihn auch nicht gut verstanden und er mich vielleicht auch nicht.“
„Hm…“, sagt der Vater.
„Und deshalb muss ich sagen“, fährt die Gutachterin fort, „dass Ihr Kind einfach zu behindert ist, um hier im Test ein seriöses Ergebnis zu bekommen.“
„Und was heißt das jetzt?“, fragt die Mutter.
„Ich würde vorschlagen, ihn erst einmal als ‚geistig behindert‘ einstufen zu lassen. Dann gibt es eigentlich gar keine Anforderungen an ihn, und am meisten sonderpädagogische Stunden gibt es auch!“
Die Eltern schauen sich an. „Das sehen wir anders“, sagt der Vater, „wenn Sie ihn nicht testen können, dann gehen wir doch erst einmal davon aus, dass er in der Grundschule dem ganz normalen Lehrplan folgen kann. Bis das Gegenteil bewiesen ist.“
Die Gutachterin sagt lange nichts. Dann antwortet sie: „Ja, so kann man das natürlich auch sehen…“
An dieses Gespräch erinnern sich die Eltern übrigens, als ihr Sohn vier Jahre später seinen ersten Tag ins Gymnasium rollt.

Montag, 11. Mai 2020

Die Konferenz

Die Eltern werden eingeladen.
Zu einer „Berufswegekonferenz“.
DER JUNGE ist in der 8. Klasse einer allgemeinen Schule.
Die Eltern fragen nach, was denn das genau für eine Konferenz sei.
„Da sitzen wir alle an einem Tisch und überlegen, wie es für Ihren Sohn nach der Schule weitergehen kann“, klärt die Sonderpädagogin auf. „An der Sonderschule haben wir damit sehr gute Erfahrungen gemacht!“
„Wer sind denn „wir“?“ fragt die Mutter.
Das seien die Schule, das Schulamt, das Arbeitsamt und die Eingliederungshilfe, wird den Eltern gesagt.
„Warum denn die Eingliederungshilfe?“, fragt der Vater.
„Na, die zahlt doch auch später die Werkstatt für Menschen mit Behinderte“, antwortet die Lehrerin.
„Aber da will mein Sohn ja gar nicht hin“, erwidert die Mutter, „und außerdem bleibt er doch noch zwei Schuljahre hier an der Schule! In dieser Zeit macht er weitere Praktika, um herauszufinden, was ihn interessiert und was er beruflich machen möchte. Ist denn so eine Konferenz jetzt schon vorgeschrieben?“
„Nein“, sagt die Sonderpädagogin, „vorgeschrieben ist sie nicht. Aber wir haben das schon immer so gemacht!“
„Aber wir nicht“, sagt der Vater.
Fünf Männchen mit Sprechblasen am Tisch. Ein weiteres steht nebendran und guckt nicht glücklich.
Die Geschichte vorgelesen ...

Montag, 4. Mai 2020

Mundschutz

DER JUNGE ist schon ziemlich selbständig. Vor allem geht er gerne alleine einkaufen.
Jetzt eben mit Mund-Nasen-Schutz.
Es war gar nicht so einfach, ihn dazu zu bewegen, den zu tragen.
Die Mutter übt das Einkaufen jetzt mit ihm so, dass sie sich einfach in die Schlange etwas weiter hinten an der Kasse anstellt, um zu beobachten, wie ihr Sohn alles hinbekommt.
Jetzt ist er dran.
Umständlich und langsam wie immer kramt er sein Geld aus dem Portemonnaie.
Bislang waren immer alle anderen verständnisvoll. Denn sie kannten den Jungen oder erkannten, dass er etwas anders ist als andere.
„Geht das nicht ein bisschen schneller?“, schimpft nun eine Dame hinter ihm.
Und auch die Kassiererin sieht schon ungeduldig aus.
Der Junge dreht sich um und redet wild auf die Dame ein.
Die schüttelt den Kopf und zuckt mit den Achseln.
Sie hat den Jungen nicht verstanden.
Die Mutter, seit Jahren geübt darin, ihren Sohn zu verstehen, hat all die Schimpfwörter sehr wohl gehört.
„Naja“, denkt sie, „da hat der Mundschutz doch nicht nur Nachteile!“

Montag, 27. April 2020

Grundrechte

Die Mutter des MÄDCHENS trifft beim Spazierengehen eine Bekannte.
Die fängt gleich, als sie die Mutter sieht, heftig an zu klagen:
Eine schlimme Zeit sei das – nicht treffen dürfe man sich, nicht einkaufen und die Kids könnten nicht in die Schule. Schwerwiegende Grundrechtseingriffe seien das ja alles:
„Nun hatten wir so ein schönes Gymnasium gefunden. Und nun darf er da nicht hin!“
„Damit kenne ich mich aus“, sagt die Mutter, „seit Jahren schon. Meine Tochter durfte auch nicht in die Schule gehen, in die sie gerne wollte.“
„Wieso denn das nicht?“, fragt die Bekannte, „ich denke, die Sonderschulpflicht ist abgeschafft.“
„Das schon“, erklärt die Mutter, „aber wenn man sich für Inklusion entscheidet, sucht das Schulamt die Schule aus. Wir entscheiden das nicht.“
„Und das ist rechtmäßig…?“, wundert sich die Bekannte und fährt dann fort: „Na ja, aber die Situation ist natürlich jetzt viel krasser: Die Kids sitzen zu Hause und dürfen in gar keine Schule!“
„Kenn ich auch“, sagt die Mutter, „auch das ist für uns nichts Neues.“
„Wie – das auch nicht?“ Nun ist die Bekannte völlig verwirrt.
„Wenn unser Schulbegleiter krank ist, darf unsere Tochter auch nicht in die Schule. Dann sitzt sie auch zu Hause.“
„Naja, das sind ja sicherlich nur ein paar Tage…“, murmelt die Bekannte und muss dann auch schon weiter.
Vielleicht hört sie noch, wie die Mutter sagt:
„Das letzte Mal waren es vier Wochen.“

Montag, 20. April 2020

Im Prinzip

DER JUNGE beginnt eine berufsvorbereitende Maßnahme.
Sie soll in eine Tätigkeit auf dem ersten Arbeitsmarkt münden.
Sie findet an einer Berufsschule statt. Doch die Sonderschule zeichnet für den Lehrplan verantwortlich und stellt auch die Lehrer.
Beim ersten Elternabend wird alles noch einmal genau erklärt.
„Wir arbeiten hier völlig ergebnisoffen“, sagt einer der Lehrer, „wie es hiernach weitergeht, entscheiden Sie und Ihre Kinder allein.“
„Aber es geht schon um Alternativen zur Werkstatt für Behinderte, oder?“, meldet sich ein Vater.
„Ja, natürlich. Im Prinzip“, antwortet der Lehrer, „aber nicht alle werden eine finden.“
Die Eltern des Jungen schauen sich an.
Die Mutter meldet sich. „Genau deshalb sind wir aber hier. Weil wir uns eine Werkstatt für unseren Sohn eben nicht vorstellen können. Und auch er möchte dort nicht hin.“
Die zweite Lehrerin mischt sich ein: „Ja, das sagen viele der jungen Leute. Aber nach einem Praktikum dort, das auch Bestandteil dieses Jahres und der Berufsvorbereitung ist, sehen das viele anders. Und Sie dürfen natürlich nicht vergessen: Im Prinzip ist ein Job auf dem ersten Arbeitsmarkt toll. Aber die Werkstatt ist, was die soziale Sicherung angeht, immer noch unschlagbar!“

Montag, 13. April 2020

Zu bedenken

Die Mutter DES MÄDCHENS steht am Gartenzaun, und hört, wie sich zwei
Nachbarinnen über die Gartengrenzen hinaus unterhalten.
Eine davon ist, das weiß sie, Lehrerin an einer Sonderschule. Die andere
hat zwei Kinder in einer weiterführenden allgemeinen Schule.
"Ich weiß gar nicht, wo mir der Kopf steht", sagt letztere.
"Homeoffice, immer diese Einkaufsschlacht im Supermarkt und beide Kids
haben wirklich jede Menge Aufgaben, vieles auch online. Dann blockieren
sie stundenlang die Rechner."
"Das kann ich mir vorstellen", sagt die Sonderpädagogin", da bin ich
froh, dass das bei meinen Schülern nicht so ist."
"Bekommen die keine Aufgaben von Dir?", fragt die andere Nachbarin.
"Doch schon", sagt die Sonderpädagogin, "aber online läuft da natürlich
nix. Ich habe ihnen ein paar Arbeitsblätter kopiert. Die sind
freiwillig."
"Aber irgendetwas müssen die doch auch lernen in diesen Wochen, oder",
wirft die Nachbarin ein.
"Ja, natürlich! Aber Du musst doch bei allem immer bedenken: Die sind
behindert!"

Montag, 6. April 2020

Freitag um fünf

Freitags um fünf Uhr tanzt DAS MÄDCHEN.
Es ist schon lange in der Tanzgruppe des örtlichen Sportvereins.
Das Mädchen ist inzwischen die Älteste in der Gruppe.
Einmal schon hat es in eine Gruppe mit jüngeren Kindern gewechselt.
Nicht immer geht das Mädchen gern dorthin.
Oft muss die Mutter ihre Tochter drängeln, bevor sie sich umzieht.
Manchmal stöhnt sie.
Oder sie kommt mit schlechter Laune in der Sporthalle an.
Vielleicht ist diese inklusive Gruppe doch mehr nicht das Richtige für sie, fragt sich die Mutter manchmal.
Nun sind alle Freizeitaktivitäten gestrichen.
Alle müssen zu Hause bleiben. Schon die dritte Woche.
Auch das Mädchen.
Am Freitag kurz vor fünf kommt das Mädchen zur Mutter in die Küche.
„Tanzen?“, fragt es.
„Nein, leider nicht“, sagt die Mutter.
Das Mädchen guckt traurig.
„Vermisst Du es?“, fragt die Mutter.
Das Mädchen nickt: „Ganz doll“, sagt es leise.
Tanzendes Nixklusionsmännchen, durchgestrichen.
Die Geschichte vorgelesen ...

Montag, 30. März 2020

Drei Tage

DAS MÄDCHEN hat die Schule schon hinter sich und braucht einen Job.
Im letzten Schuljahr hatten die Lehrer für das Mädchen das Schwerpunktfach „Hauswirtschaft“ ausgesucht.
„Da bist du wirklich sehr geschickt“, sagten sie.
„Ich mag nicht“, sagte das Mädchen.
In einer Großküche hat es dann auch ein Praktikum gemacht.
Die Mutter hatte es besorgt.
„Die waren wirklich sehr zufrieden mit Dir!“, freute sich die Mutter.
„Ich nicht!“, sagte das Mädchen.
Am Ende der Schulzeit nun bietet sich wirklich ein Arbeitsplatz in der Küche.
„Das ist eine große Chance für Dich“, sagt die Dame vom Arbeitsamt, „die bekommt nicht jeder!“
Das Mädchen verdreht die Augen.
Nun sind alle Formalitäten geklärt: Die staatlichen Förderungen, der Arbeitsvertrag, das Jobcoaching.
Das Mädchen arbeitet einen Tag in der Küche.
Das Mädchen arbeitet einen zweiten Tag in der Küche.
Am dritten Tag sagt es zur Mutter: „Ich geh‘ da nicht mehr hin!“
Alles Zureden hilft nichts.
Seitdem ist das Mädchen zu Hause.
„Na ja“, sagt der Herr vom Integrationsfachdienst, „mit Behinderten auf dem ersten Arbeitsmarkt ist das eben nicht so einfach!“

Montag, 23. März 2020

Dabei

Die Schulen schließen.
Alles wird hektisch vorbereitet: Arbeitsblätter, Dateien in der Internet-Plattform, Klassenchats.
Die Mutter fragt sich, was das für DEN JUNGEN bedeutet.
Vor allem ist ihr wichtig, dass er beim regelmäßigen Austausch mit der Klasse dabei ist.
Denn die Wochen zu Hause werden lang.
Sie schreibt die Lehrerin an.
„Natürlich wird er das sein“, schreibt diese zurück, „er ist Teil der Klasse wie alle anderen auch.“
Dann ist der erste Tag ohne Schule in der Schule.
Auch für den Jungen gibt es viele Arbeitsblätter.
Auch er findet passende Materialien in der Klassengruppe auf der Plattform.
Und als die Lehrerin die Klasse morgens anschreibt und fragt, ob alle denn jetzt im Schlafanzug am PC sitzen, liest der Junge das auch.
Und kichert.
Nixklusionssmännchen, das mit vier Corona-Viren jongliert.
Die Geschichte vorgelesen ...