Montag, 18. Juni 2018

Vier Reisen

DER JUNGE ist erst vor kurzem aus einem anderen Bundesland zugezogen. Das Gymnasium hatte ihn wegen seines Rollstuhls nur widerwillig aufgenommen – obwohl dem Jungen das Lernen leicht fällt und er dabei ist, ein sehr gutes Abitur zu machen.
Doch jetzt geht es erst einmal um die Planungen für die Abiturfahrt: Kultur, Shopping und Clubs in verschiedenen europäischen Metropolen steht jedes Jahr auf dem Programm. Auch für diesen Jahrgang. „Wir haben wieder ganz tolle Reiseziele gefunden!“ Stolz präsentiert die Leiterin der Oberstufe sie an einem Informationsabend: "Côte d' Azur mit Cannes, Nizza, und Monaco" - "Berühmte Bauten und das Nachtleben in Barcelona" oder:"Dublin zwischen Guinness und Klippen".
„Ach ja“, ergänzt sie dann, „wie ihr wisst, müssen wir diesmal auch eine barrierefreie Reise anbieten. Das kann natürlich keine Flugreise ins Ausland sein. Daher ist die vierte Möglichkeit: Berlin mit Reichstag und deutschem Theater.“
Und dann erklärt sie den weiteren Ablauf:
"Bis in vier Wochen müsst ihr euren Reisewunschzettel ausgefüllt abgeben. Die drei Reisen, die die meisten Stimmen bekommen haben, könnt ihr dann anschließend verbindlich buchen. Viel Spaß beim Aussuchen!"
Dann geht sie schnell zum Jungen und sagt zu ihm: „Das hast du verstanden, oder? Du brauchst natürlich keinen Zettel auszufüllen!“
„Das verstehe ich nicht“, sagt der Junge, „warum gehen denn Flugreisen nicht? Ich war sogar schon in Amerika!“
„Nein“, sagt die Lehrerin bestimmt, „das haben wir alles schon im Team besprochen. Wir können fürs Ausland unmöglich alles vorher abklären. Wie willst du denn hochkommen, wenn da irgendwo plötzlich Treppen sind? Falls die barrierefreie Reise zustande kommt, kannst du die dann ja buchen!“

Montag, 11. Juni 2018

Der Ausritt

DAS MÄDCHEN reitet für sein Leben gern.
„Die Pferde tun ihr gut!“, sagt die Reitlehrerin zur Mutter.
Bei der Reiterfreizeit machen die Kinder täglich Ausritte in Kleingruppen.
Eines der Pferde ist dabei nicht sehr beliebt: Es hält immer wieder an, um zu fressen. Die ungeübten Kinderreiter haben dann das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren. Darum wird es nur von geübten Reitern oder der Reitlehrerin selbst geritten. Oder es muss im Stall bleiben.
Aber das Mädchen möchte dieses Pferd unbedingt reiten. Heute bettelt es so lange, bis die Reitlehrerin nachgibt. Die Reitlehrerin wollte heute ohnehin nicht mitreiten, sondern nebendran laufen und denkt, das klappt dann schon.
Als die Gruppe zurückkommt, hat das Pferd mit dem Mädchen auf dem Rücken kein einziges Mal gefressen oder gebockt.
„Ich muss da noch etwas ergänzen“, sagt die Reitlehrerin zur Mutter: „Die Pferde tun nicht nur dem Mädchen gut, sondern auch umgekehrt: Das Mädchen tut auch den Pferden gut!“

Montag, 4. Juni 2018

Fähig

DER JUNGE ist in der achten Klasse. Seit Beginn des Schuljahres ist eine neue Lehrerin an die Schule gekommen. Sie macht einen frischen und engagierten Eindruck.
Auch die Mutter freut sich. In seinem letzten Schuljahr soll der Junge noch einiges für seinen weiteren Lebensweg lernen und mitnehmen.
Doch nach ein paar Wochen beginnt sie sich zu wundern. Der Junge bekommt recht wenig Aufgaben. Und wenn er Arbeitsblätter bekommt, sind es immer Wiederholungen. Oft wird er auch mit anderen Aufgaben betraut: Er soll Muster abmalen oder ausschneiden, die Tafel abwischen oder er darf sich auf dem Schulhof austoben. Dort ist dann sein Schulbegleiter bei ihm. Im Unterricht hat der auch nicht mehr wirklich etwas zu tun.
Die Mutter vereinbart einen Termin mit der Lehrerin und spricht es an.
„Das haben Sie alles richtig beobachtet“, sagt die Sonderpädagogin, „und das hat auch seinen guten Grund. Der Kollege, der vor mir hier in der Klasse war, hat mit mir ja ein ausführliches Übergabegespräch geführt und es mir auch noch einmal schriftlich gegeben: „Die Grenze der Förderfähigkeit des Jungen ist erreicht!“
Die Geschichte vorgelesen ...

Montag, 28. Mai 2018

Außen


DER JUNGE soll eingeschult werden. Aber wo?
Die Mutter möchte, dass er an einer normalen Grundschule lernt. Vielleicht in einer ausgelagerten Sonderschulklasse? Die fünf Kinder bringen ihren eigenen Sonderpädagogen mit und lernen in Kooperation mit einer Grundschulklasse.
Sehen ist besser als nur davon hören, denkt sich die Mutter und macht einen Hospitationstermin in einer solchen Klasse aus.
Als sie wie verabredet um 8:30 Uhr kommt, fahren die Kinder mit Behinderung gerade mit dem Bus vor. Die Grundschulkinder lesen. Sie sind schon um 7:45 Uhr gekommen.
Die Kinder der „Außenklasse“ gehen in ihr eigenes Klassenzimmer, das neben dem der Grundschüler liegt. Sie frühstücken jetzt erst einmal. Dann holen sie ihre Arbeitsmaterialien heraus und arbeiten an ihren Förderplänen.
In der dritten Stunde gehen sie in das andere Klassenzimmer. Dort steht jetzt Religion auf dem Lehrplan – neben Sport das einzige Fach mit „gemeinsamem Unterricht“. Die Kinder mit Behinderung malen ein Bild, während die Religionslehrerin mit der Grundschulklasse über christliche Feste spricht.
Die Mutter ist ein bisschen irritiert. Die Sonderpädagogin beruhigt sie: Das sei ganz normal, schließlich sei man schon in der 4. Klasse und jetzt werde es für die Grundschüler ja bald „ernst“. Und bei den Leistungen müsse man bedenken: „Die Schere geht immer mehr auf.“
Jetzt ist erst einmal Mittagspause. Die Mutter steht auf und will in die Mensa gehen. Doch die Sonderpädagogin hält sie zurück: „Wir essen immer hier im Klassenzimmer. Die Mensa ist zu groß und laut. Da haben wir auch nicht alle Platz. Hier ist es doch viel gemütlicher!“
Die Mutter möchte nicht mehr länger bleiben. Bevor sie geht, nimmt die Sonderpädagogin sie noch einmal zur Seite: „Sie sehen nicht so begeistert aus“, sagt sie, „aber glauben Sie mir: Gerade die mongoloiden Kinder profitieren von dieser Klasse immer ganz besonders!“
Die Geschichte vorgelesen ...

Montag, 21. Mai 2018

Ruhe

DAS MÄDCHEN arbeitet an drei Nachmittagen im Altenheim.
„Arbeit kann man das ja nicht gerade nennen“, hatte die Dame vom Arbeitsamt gemurmelt. Die Mutter kennt natürlich die Einschränkungen ihrer Tochter. Trotzdem hat sie ihr dies ermöglicht.
Das Mädchen sitzt in seinem Rollstuhl im Aufenthaltsraum zwischen vielen alten Damen. Einige drücken ihm immer mal wieder die Hand. Eine Dame zeigt dem Mädchen ein Fotoalbum aus ihrer Jugend. Das tut sie jede Woche. Wer das Mädchen gut kennt, sieht, dass es auf manche Fotos besonders reagiert. Gerne bauen die Damen kleine Türme oder Figuren aus Holzklötzen. Das Mädchen hilft dabei ein bisschen, so gut es geht. Viel besser kann es allerdings die Türme zum Einsturz bringen. Das ist dann immer ein großes Hallo.
Auch beim Singkreis ist das Mädchen mit dabei. Selbst singen kann es nicht. Dafür singen die Damen rechts und links besonders laut und deutlich.
Letzte Woche war das Mädchen allerdings krank. Erst heute kann es wieder ins Altenheim kommen. Die Leiterin empfängt das Mädchen und seine Mutter schon im Eingang: „Gott sei Dank sind Sie wieder da“, sagt sie, „Sie glauben nicht, was in der Woche hier los war. Alle haben gefragt, wann Sie denn endlich kommen. Und eine Unruhe war das – nicht auszuhalten!“
Die Geschichte vorgelesen ...

Montag, 14. Mai 2018

So hübsch

Die Mutter hat sich heute kurz mit der Sonderpädagogin verabredet. Es geht um DAS MÄDCHEN, das inzwischen in der 8. Klasse ist.
In diesem Schuljahr sollte besonders das Rechnen im Hunderterraum und das Lesen kurzer Texte geübt werden. So war es vereinbart. Doch egal ob Wochenplan oder Hausaufgaben - die Mutter findet diese Übungsthemen nur sehr selten. Stattdessen gibt es immer wieder Aktivitäten, für die die Kinder mit Behinderung aus der Klasse herausgenommen werden: Für gemeinsames Kochen, Lerngänge in Zoo oder Kindermuseum oder die Proben für ein Veeh-Harfen-Musikprojekt gemeinsam mit der Sonderschule. Wenn die Mutter zuhause mit dem Mädchen üben will, schimpft es, es hätte doch schon den ganzen Tag Schule gehabt.
Das spricht die Mutter jetzt an: „Meine Tochter ist 14 Jahre alt, so viel Zeit bleibt ihr nicht mehr in der Schule, um Lesen, Schreiben und Rechnen im Rahmen ihrer Möglichkeiten zu lernen!“
Die Lehrerin beschwichtigt. Die Zusatzangebote hätten sich in der Tat in der letzten Zeit ein wenig gehäuft. Aber man müsse den Schülern mit Behinderung eben auch immer mal wieder eine Auszeit ohne Leistungsanforderungen gönnen.
Und sie klingt enttäuscht, als sie sagt: „Und ich dachte, Sie wollten mich heute sprechen, um sich zu bedanken! Ich hatte eine so aufwendige Batik-Arbeit zum Muttertag gestaltet. Wir haben so viele Stunden daran gearbeitet. Und Ihre Tochter hat Ihnen so ein hübsches Geschenk gemacht!“

Die Geschichte vorgelesen ...

Montag, 7. Mai 2018

Reden

Förderplangespräch an der Schule DES MÄDCHENS.
Die Mutter geht nicht gerne zu diesen Gesprächen. Denn da wird immer sehr ausführlich besprochen, was ihre Tochter nicht kann und was nicht gut läuft. Manchmal kamen ihr bei diesen Gesprächen deshalb die Tränen.
Ihre Tochter war noch nie bei diesen Gesprächen dabei. Diesmal haben die Lehrerinnen sie aber mit eingeladen. Schließlich sei sie langsam alt genug dafür.
Das Mädchen sitzt also mit am Tisch und malt. Immer mal wieder beziehen die Lehrerinnen es mit ein. Hauptsächlich aber sprechen sie mit der Mutter.
Irgendwann schaut das Mädchen von seiner Zeichnung auf, wartet, bis keiner mehr spricht, und sagt zu den Lehrerinnen: „Nicht so viel reden über das Mädchen. Mama weint sonst!“
Nun kommen der Mutter schon wieder die Tränen. Aber nicht wegen der Förderplanung, sondern weil sie so gerührt ist und denkt: „Nun ist sie als geistig behindert eingestuft – und hat doch so viel vom Leben verstanden!“
Die Geschichte vorgelesen ...

Montag, 30. April 2018

Kümmern

Der JUNGE wird an die weiterführende Schule zu wechseln. Heute trifft sich die Mutter mit dem Schulleiter, der zukünftigen Klassenlehrerin und der Inklusionsbeauftragten der Schule. Es wird besprochen, welche Maßnahmen und besonderen Vorkehrungen getroffen werden müssen. Um die hatte die Mutter an der Grundschule sehr kämpfen müssen.
Der Schulleiter beginnt: „Sie hatten ja bereits im Vorgespräch angeführt,“ sagt er zur Mutter, „dass sich Ihr Sohn ab und zu auf einer Liege ausruhen muss. Wir haben überlegt, dass wir das hintere Zimmer der Bibliothek dafür nutzen könnten.“ Die Mutter nickt. Eine einfache Liege reicht.
„Und zur Turnhalle führen zwei Stufen hoch“, fährt der Schulleiter fort, „das ist natürlich nicht günstig. Da würde eine kleine Rampe den geringen Höhenunterschied ausgleichen.“
„Das ist alles sehr gut,“ fasst die Mutter zusammen, „dann habe ich also Ihre Zustimmung, eine Liege im Bibliotheksraum aufzustellen und mich zu erkundigen, wie wir am besten eine Rampe installieren lassen können… ?“
„Nein“, sagt die Inklusionsbeauftragte lächelnd, „darum kümmere ich mich natürlich. Das ist doch mein Job!“
Die Mutter ist verblüfft: „Und ich muss gar nichts tun?“, fragt sie ungläubig.
Nun lächelt auch der Schulleiter: „Oh doch,“ antwortet er, „Sie unterstützen Ihren Sohn beim Lernen zu Hause, wo immer er das braucht. Das ist doch schon genug Arbeit, oder?“
Die Geschichte vorgelesen ...

Montag, 23. April 2018

Gar nicht

DAS MÄDCHEN fährt mit der Straßenbahn zur Schule. Die Schulbegleiterin fährt mit. Sie sitzt immer schon in der Bahn, wenn das Mädchen einsteigt.
Heute aber sitzt die Schulbegleiterin nicht drin. Sie hat die Bahn verpasst.
Also fährt das Mädchen ganz alleine in die Schule. Es geht auch alleine in die Klasse und begrüßt fröhlich seine Lehrerin und die anderen Kinder.
In der Pause ruft die Lehrerin die Mutter an:
Auf keinen Fall dürfe das Mädchen das Schulgebäude alleine betreten!
„Gar nicht?“, fragt die Mutter.
„Gar nicht!“, betont die Lehrerin.
Die Mutter seufzt.
Mittags kommt das Mädchen aufgeregt nach Hause. Stolz und glücklich erzählt es, dass es ganz alleine zur Schule gefahren ist.
„Ich jetzt immer alleine fahren!“, sagt es bestimmt.
Die Mutter seufzt und nimmt das Telefon.
Sie muss jetzt versuchen, mit der Schulbegleitung zu vereinbaren, dass sie das Mädchen immer erst direkt vor dem Schulgebäude trifft.
Und zwar so sicher, dass das nicht schiefgehen kann.
Und zwar gar nicht.


Die Geschichte vorgelesen ...

Montag, 16. April 2018

Die Katastrophe

DER JUNGE geht in die erste Klasse der örtlichen Grundschule.
Seine Kindergartenzeit war schwierig. Wenn es stressig wurde, hatte er immer mal wieder Spielsachen auf den Boden geworfen oder ein anderes Kind gehauen.
Das steht alles in seiner Akte.
Die haben die Lehrer, der Sonderpädagoge und die Rektorin natürlich gelesen.
Am ersten Schultag weist die Klassenlehrerin die Schulbegleitung an: „Bitte halten Sie sich nie weiter als eine Armlänge vom Jungen entfernt.“
Dem Jungen fällt es schwer, Kontakt zu seinen Mitschülern zu bekommen. Nur bei Bewegung und Spiel lässt er sich auf gemeinsame Aktionen ein. Sport ist sein Lieblingsfach.
Doch der Sonderpädagoge sieht gerade den Sportunterricht kritisch. Zu unstrukturiert, zu unübersichtlich – Gift für ein Kind mit der Diagnose des Jungen.
Deshalb werden die Einzelförderstunden des Jungen auf die Zeiten des Sportunterrichts gelegt. Und auch sonst nimmt der Sonderpädagoge ihn so oft wie möglich aus der Klasse heraus.
Der Junge mag das nicht. Als der Sonderpädagoge ihn im Musiksaal auffordert, mit ihm  zu kommen, reagiert er nicht. Als der ihn am Arm ziehen will, schubst er ihn weg. Der Sonderpädagoge stolpert gegen ein Xylophon. Klangstäbe und Schlägel purzeln auf den Boden. Einige Kinder springen erschrocken auf.
Am nächsten Tag müssen die Eltern zur Rektorin kommen. „Eine Katastrophe“ sei das mit dem Jungen, sagt sie. Die Musiklehrerin weigere sich, ihn weiter zu unterrichten. Und auch andere Lehrer hätten nach dem Vorfall gestern schwere Bedenken.
„Ich habe schon mit dem Schulamt gesprochen“, sagt sie abschließend, „wir haben wirklich alles probiert. Aber so macht Inklusion keinen Sinn! Alles andere als die Sonderschule kommt für Ihren Sohn pädagogisch überhaupt nicht in Frage!“
Die Geschichte vorgelesen ...