Montag, 19. November 2018

Die Hauptsache

Die Familie fährt U-Bahn. Die Mutter steht mit DEM JUNGEN im Gang. Er ist noch ganz klein und liegt im Kinderwagen.

Seine beiden großen Brüder sitzen neben zwei älteren Damen. Die Damen unterhalten sich sehr nett mit ihnen.

Als sie aussteigen müssen, zeigt eine der Damen auf den Kinderwagen und sagt zur Mutter:

"Na, da haben Sie jetzt hoffentlich ein Mädchen drin!"

Die Mutter lacht. "Nein, auch einen Jungen! Das kann man sich ja nicht aussuchen!"

"Da haben Sie recht", sagt die Frau, "Hauptsache gesund!"

Dann schaut sie in den Kinderwagen. Dann sagt sie nichts mehr. Sie murmelt nur noch etwas.

Sie zieht die andere Dame mit sich, und beide steigen sehr schnell aus.
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Montag, 12. November 2018

Der Maßstab

DER JUNGE ist jetzt erwachsen. Neben der Suche nach einem Job gilt es jetzt, seine Freizeit zu organisieren.
Er hat viele Ideen.
Doch für diese Aktivitäten braucht er Assistenz.
Die Mutter spricht darüber mit dem zuständigen Sachbearbeiter beim Sozialamt.
„Er möchte zum Schwimmen und zum Klettern gehen“, trägt sie vor. „Und natürlich auch mal einfach so in die Stadt zum Eisessen oder Bummeln. Und am Wochenende zum Tanzen…“
„Na, ja“, sagt der Sachbearbeiter zögerlich, „das ist ja eine ganze Menge...“
„Das finde ich nicht“, antwortet die Mutter, „meine anderen Kinder sind auch mindestens dreimal die Woche nachmittags oder abends weg und wollen natürlich auch am Wochenende nicht zu Hause sitzen.“
„Die sind aber nicht der Maßstab!“, sagt der Sachbearbeiter bestimmt, „der Maßstab sind nicht die ganz normalen anderen Menschen. Der Maßstab sind die ganz normalen anderen Behinderten!“
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Montag, 5. November 2018

Im Fitness-Studio

DER JUNGE geht regelmäßig mit seinem Vater ins Fitness-Studio.
Als er heute an den Geräten trainiert, klopft es an die Glasscheibe: Draußen steht ein kleines Mädchen und winkt. Der Junge sieht, wie es mit seiner Mutter aufgeregt spricht und dann verschwindet.
Kurz darauf steht es im Studio. Es läuft auf den Jungen zu und umarmt ihn.
Die Mutter folgt ihm und sagt zum Vater: „Meine Tochter kennt Ihren Sohn aus der Schule. Sie hat immer ganz begeistert von ihm erzählt. Dass er so nett zu den kleineren Schülern ist. Seit er seinen Abschluss gemacht hat und nicht mehr da ist, vermisst sie ihn total!“
Das Mädchen kommt wieder zu seiner Mutter. Sie verabschieden sich und gehen zum Ausgang.
Der Junge wirft den beiden noch eine Kusshand zu.
Die Trainer, die das ganze beobachten, lachen.
„Normalerweise kommen die Damen hier nicht einfach so herein marschiert und sehen den Jungs beim Training zu“, sagt einer von ihnen, „vielleicht solltest du bei uns im Studio mal ein Flirt-Seminar anbieten!“
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Montag, 29. Oktober 2018

Universität

Naturwissenschaften mag DER JUNGE ganz besonders.
Vor allem Biologie und Physik, jetzt in der Abschlussklasse. Er macht alles begeistert mit, was er kann.
Deshalb freut er sich auch ganz besonders, als die Lehrerin eine Exkursion ankündigt: Zur Universität, in ein technisches Labor. An dieser Universität studiert auch der Bruder des Jungen.
Aufgeregt erzählt er zu Hause davon. „Vielleicht treff ich Dich da ja sogar!“, sagt er zu seinem Bruder. Aufgeregt macht er sich am Tag der Exkursion auf zur Schule.
Dort nimmt die Lehrerin ihn und seinen Schulbegleiter zur Seite und sagt: „Ihr beide bleibt heute hier und arbeitet am Wochenplan!“ Und zum Jungen gewandt: „Das an der Universität ist nix für Dich! Das verstehst Du eh nicht!“
Als der Junge mittags nach Hause kommt, fragt ihn die Mutter neugierig: „Und, Schatz, wie war’s?“
Der Junge schaut sie nur traurig an. Kein Wort sagt er.
Dann läuft er in sein Zimmer und schlägt die Tür hinter sich zu.
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Montag, 22. Oktober 2018

Fünf

„Hallo! Erinnern Sie sich noch an mich…?“
Natürlich erinnert sich die Mutter DES MÄDCHENS an den Jungen, der jetzt in der S-Bahn auf sie zukommt. Die Kinder waren früher in einer Klasse. Jetzt sind sie erwachsen.
Der junge Mann erzählt, dass er in der Werkstatt arbeitet. Aber da sei es total langweilig.
Die Mutter nickt. Der Junge war ihr früher schon immer als besonders neugierig und wissbegierig aufgefallen. Sie hatte sich oft gefragt, warum er eigentlich auf dieser Schule war…
„Aber ich arbeite jetzt immer einen Tag in der Woche in einem Café in der Stadt“, erzählt der junge Mann mit Stolz und Begeisterung in der Stimme. „Da darf ich bedienen und sogar kassieren!“
Ja, auch rechnen konnte er immer gut.
„Am liebsten wäre ich jeden Tag dort!“
„Ja, und warum können Sie nicht dorthin wechseln?“, fragt die Mutter.
„Die Chefs in der Werkstatt haben gesagt: Alle würden dort gerne arbeiten. Deshalb sind wir fünf, die sich abwechseln müssen. Jeder darf nur einen Tag.“
„Hm…“, sagt die Mutter nachdenklich.
„Und meine Mutter sagt auch“, ergänzt der junge Mann, „es wäre ja gemein, wenn ich da jemandem den Platz wegnehme!“
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Montag, 15. Oktober 2018

Das Video

Die Klasse DES JUNGEN besucht eine Lungenklinik. Alle Realschulklassen machen das einmal in ihrer Schulzeit. Als Aufklärung und Abschreckung gegen das Rauchen.
Ob der Junge wohl viel verstehen wird, fragt sich die Mutter? Die Ankündigung des Ausflugs war schon in ziemlich schwerer Sprache.
Doch als er zurückkommt, ist er ganz aufgeregt. Ein tolles Video hätten sie gesehen, sagt er. Das gebe es auch im Internet, er wolle es unbedingt noch einmal sehen.
„Ein Video – worüber denn?“, fragt die Mutter.
„Da war so ein langes Ding, und dann ein Bild, und alles konnte man ganz genau sehen“, erzählt der Junge, „wie eine Fahrt durch einen Tunnel!“
Die Mutter überlegt. Dann googelt sie gemeinsam mit dem Jungen. Lungenklinik – Untersuchungen – Filme…
„Da ist es!“, ruft der Junge. Es ist der Film über eine Bronchoskopie, eine Lungenspiegelung.
Der Junge ist begeistert! Dreimal sieht er den kurzen Film.
Am nächsten Tag trifft die Mutter eines der Mädchen aus der Klasse des Jungen.
„Und wie fandst Du es in der Klinik?“, fragt sie.
„Total langweilig“, stöhnt das Mädchen.
„Aber der Film war doch ganz spannend, oder?“
„Von dem hab ich kaum was mitbekommen“, sagt das Mädchen, „ich hatte ja zum Glück mein Handy dabei!“
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Montag, 8. Oktober 2018

Excel

DAS MÄDCHEN lernt an der Hauptschule in einer ausgelagerten Klasse der Sonderschule, gemeinsam mit drei Jungs und zwei anderen Mädchen. Sie sind in der Abschlussklasse.
 Ihre Lehrerin, die von der Sonderschule mitgekommen ist, legt viel Wert auf lebenspraktische Fähigkeiten. Sozusagen im Endspurt. Vor allem um diese Fähigkeiten dreht sich deshalb auch das Förderplangespräch mit der Mutter.
„Und dann möchte ich mit Ihnen noch im Zusammenhang mit der Sauberkeitserziehung über den Toilettengang sprechen“, sagt die Lehrerin ziemlich am Ende. Die Mutter nickt und antwortet: „Ja, das wollte ich auch schon ansprechen. Mir fällt auf, dass meine Tochter nie mehr in der Schule zum Klo geht. Das ist natürlich vor allem, wenn sie ihre Tage hat, nicht so günstig.“
„Das sehe ich auch so“, sagt die Lehrerin und beginnt zu erklären:
Die drei Mädchen haben, anders als die drei Jungs, in der Hauptschule eine extra Toilette. Draußen sind deren Fotos auf die Tür geklebt. Damit sie nicht aus Versehen mal auf die „normale“ Mädchen-Toilette gehen.
„Und drinnen“, erklärt die Lehrerin, „habe ich drei Excel-Tabellen an die Wand geklebt. Einen Menstruationskalender! Da trägt dann jedes Mädchen ein, wann und wie lange es seine Tage hat.“
Die Mutter ist sprachlos.
„Und meine Tochter…“, beginnt sie vorsichtig, „trägt sie da auch etwas ein?“
„Nein“, sagt die Lehrerin seufzend, „sie will nicht! Aber das kennen wir ja schon: Sie ist eben immer wieder sehr bockig!“
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Montag, 1. Oktober 2018

Hilfe

Die Grundschulzeit DES JUNGEN hatte gut begonnen: Mit der Lehrerin, die er in den ersten zwei Jahre hatte, kam er gut zurecht. Vieles fiel ihm schwer, doch die Lehrerin half ihm immer, wo es nötig war.
Die Lehrerin der 3. Klasse war anders. „Jetzt müssen wir richtig loslegen!“, hatte sie gleich zu Beginn gesagt. Und es dauerte nicht lange, da kam der Junge nicht mehr richtig mit.
Die Lehrerin hatte daraufhin seine Mutter in die Schule bestellt. „Wie Sie wissen, braucht Ihr Sohn überall viel Hilfe“, hatte sie gesagt, „da gibt es eine Schule, in der er viel besser gefördert wird. Eine Förderschule. Sie müssen sich das so vorstellen: Das ist eine Schule mit ganz viel Nachhilfe!“
Die Mutter fand das gut. Denn Nachhilfestunden konnte sie sich für den Jungen bislang nicht leisten. Sie hatte mal ein paar Institute angerufen, aber die waren viel zu teuer.
Also wurde die Umschulung beschlossen. Die Mutter musste dafür nur ein paar Formulare unterschreiben.
Nach einigen Monaten trifft die Mutter zufällig die Lehrerin, die der Junge in den ersten Klassen hatte. Sie erzählt von der neuen Schule. „Dadurch ist er viel besser gerüstet für den Übergang auf die Hauptschule“, sagt sie, „oder vielleicht schafft er es dann sogar auf die Realschule!“
Die Lehrerin schluckt. Zögernd sagt sie:
„Ihr Sohn kann nach der vierten Klasse gar nicht auf die Haupt- oder Realschule wechseln. Dazu muss das Schulamt erst wieder den Förderbedarf aufheben. Aber das wird schwer, weil die Anforderungen ja jetzt sehr viel geringer sind.“
„Das stimmt“, antwortet die Mutter, „ich habe mich schon gewundert: Keine Diktate mehr, keine kleinen Aufsätze, keine Hausaufgaben…“
„… deshalb gibt es an dieser Schule auch keine regulären Schulabschlüsse, sondern später nur ein Abgangszeugnis“, fährt die Lehrerin fort.
Die Mutter schüttelt den Kopf: „Aber wie will er damit eine Lehrstelle finden?“
Die Lehrerin schweigt einen Moment. Dann fragt sie: „Hat Ihnen das alles denn noch nie jemand erklärt?“
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Montag, 24. September 2018

Feedback

Die Schüler sollen ein Feedback geben.
Zum Religionsunterricht im vergangenen Schuljahr.
Die einen geben zu, dass ihnen oft langweilig war.
Manche beklagen die vielen Fremdwörter, die sie nicht kannten.
Einige schreiben auch von Streit, der aber geschlichtet werden konnte.
Hätte man die Mutter gefragt, dann wären ihr die vielen Arbeitsblätter eingefallen, die für DEN JUNGEN nicht differenziert, und damit viel zu schwer waren.
Die Mühe, die sie hatte, ihm zu erklären, warum die Juden nicht zu Jesus beten.
Und die armen Länder, die sie gemeinsam mit ihm auf dem Globus gesucht hat, damit er weiß, wo die besprochenen kirchlichen Projekte stattfinden. 
Der Junge hat auf seinen Feedback-Bogen nur einen Satz geschrieben:
„Alles war schön.“
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Montag, 17. September 2018

Noch eine Abschlussfeier

Abschlussfeier in der Hauptschule.
Auch DER JUNGE geht hier zur Schule, in eine Partnerklasse, die die Sonderschule hierhin ausgelagert hat.
Alle Schülerinnen und Schüler sitzen in der großen Aula und sind gespannt auf das Programm der Feier. Auch die Schüler mit Behinderung sitzen in einer Reihe. Alle sind festlich gekleidet und haben sich richtig schick gemacht. Auch die Eltern des Jungen sind heute hier.
Nach und nach werden alle Klassen auf die Bühne gerufen. Die Kinder erhalten ihre Abschlusszeugnisse. „Wann kommen denn die Schüler der Partnerklasse?“, fragt sich die Mutter des Jungen.
Dann singt der Chor. Der Schulleiter verabschiedet die Hauptschüler und zeichnet die Jahrgangsbesten aus. Die Schüler der Partnerklasse werden nicht erwähnt.
Die Mutter denkt: „Gleich platze ich! Ich geh nach vorne, schnapp mir das Mikrophon und sag was!“
Nur der warnende Blick ihres Mannes hält sie davon ab.
Dann ist die Feier zu ende.
„Komm, wir gehen jetzt wie besprochen schön essen“ sagt die Mutter zum Jungen und nimmt ihn in den Arm.
„Warum hast Du das denn nicht mit den Lehrern vorher besprochen?“, raunt der Vater ihr beim Rausgehen zu.
„Weil ich nie im Leben auf den Gedanken gekommen wäre, dass unsere Kinder heute überhaupt nicht berücksichtigt werden!“, raunt die Mutter zurück.
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