Montag, 18. November 2019

Die Voraussetzung

DER JUNGE besucht die Grundschule im Dorf.
Das Gebäude ist alt und alles andere als barrierefrei.
Aber mit gutem Willen und viel Improvisationstalent aller Beteiligten klappt es mit dem Jungen in seinem Rollstuhl gut.
Nun wird es Zeit, eine weiterführende Schule in der nächsten Stadt zu suchen.
Die Mutter hat eine Liste erstellt.
Ganz oben steht eine Schule, die erst vor einigen Jahren gebaut wurde: Nicht groß, aber top modern mit großen hellen Räumen, breiten Fluren und komplett barrierefrei mit Aufzug und Rampen.
Die Mutter ruft dort an, um einen Gesprächstermin zu vereinbaren.
„Das geht leider nicht“, sagt die Schulleiterin, „einen Schüler im Rollstuhl können wir nicht aufnehmen. Wir haben keine Behindertentoilette zur Verfügung. Den Raum mussten wir von Anfang an als Putzraum nutzen. Wir haben da einfach keine Alternative!“
Die Mutter schweigt ungläubig.
„Das tut mir ja auch wirklich leid“, rechtfertigt sich die Schulleiterin schnell, „aber, was soll ich machen, wenn die Voraussetzungen einfach nicht gegeben sind!?“
Die Mutter legt auf und streicht die Schule von der Liste.
Und denkt: Ja, an dieser Schule fehlt wirklich die wichtigste Voraussetzung!
Die Toilette meint sie dabei nicht.
Ein Raum voll mit Besen, Eimer, Wischlappen - außen ein Schild WC, aber durchgekritzelt
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Montag, 11. November 2019

Kreisspiele

DAS MÄDCHEN ist in einer integrativen berufsvorbereitenden Maßnahme.
Dafür geht es in eine spezielle Klasse mit anderen jungen Leuten mit Behinderung.
Die Klasse ist an einer Berufsschule.
Der Theorieunterricht wird allerdings von externen Sonderpädagogen gegeben, und die Schüler mit Behinderung sind dabei unter sich.
Vom Angebot ist die Mutter nicht sehr begeistert:
Weil die meisten der anderen Schüler kaum lesen oder schreiben gelernt haben, wird wieder viel mit Bildern und Fotos gearbeitet.
Auch die Themen sind eher speziell: „Mein Haustier“. Das Mädchen hat hierbei nur die Augen verdreht.
Oder die Klasse geht spazieren. Gerade für Menschen mit Behinderung, findet die Lehrerin, ist Bewegung ja so wichtig.
Umso mehr freut sich die Mutter darüber, dass der praktische Unterricht gemeinsam mit den Berufsschülern stattfindet.
Die Klasse ist einer Klasse mit angehenden Erzieherinnen und Erziehern zugeordnet.
Zuerst versteht die Mutter nicht wirklich, was das Mädchen von den praktischen Stunden berichtet.
Es dauert eine Weile, bis ihr klar ist, was dort gemacht wird:
Die angehenden Erzieher üben verschiedene Kreisspiele.
Sie selbst sind die Anleiter.
Die jungen Leute mit Behinderung sind die Kindergartenkinder.
Nixklusionsmännchen im Kreis, die sich an den Händen halten.
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Montag, 4. November 2019

Lesepaten

In der Schule DES JUNGEN gibt es Lesepaten – Ehrenamtliche, die mit Kindern lesen, die sich schwertun.
Die Mutter liest mit dem Jungen, seit er in der Schule ist. Tag für Tag. Er macht Fortschritte. Langsame Fortschritte.
Sie sieht die Ausschreibung und denkt: Ach, das wäre doch schön, wenn auch mal jemand anderes mit ihm lesen würde!
Sie fragt den Lehrer, der das ganze koordiniert, ob der Junge und sie zum ersten Treffen kommen können. Natürlich, sagt er.
Zum Termin in der Schulbibliothek sind einige Kinder, die Lesepaten, die Mutter und der Lehrer gekommen. Der Lehrer erklärt, dass die Paten sich die Kinder selbst aussuchen können.
Eine ältere Dame schaut unsicher zum Jungen hinüber: „Mit dem soll ich lesen? Das traue ich mir nicht zu. Ich bin doch schließlich keine Sonderpädagogin!“
Der Junge blättert in einem Buch. Es ist unklar, ob er den Satz gehört hat.
Nun meldet sich eine andere Dame zu Wort: „Also ich“, sagt sie, „habe schon eben mit diesen entzückenden syrischen Schwestern gesprochen. Ich werde sie nehmen. Schließlich sind ihre Eltern extra mit ihnen nach Deutschland geflohen, um ihnen gute Bildung zu ermöglichen!“
Jetzt schaut der Junge irritiert auf.
„Komm, Schatz“, sagt die Mutter, „wir gehen nach Hause!“
Ein fröhliches Nixklusionsmännchen mit einem Buch in der Hand.
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Montag, 28. Oktober 2019

Unerfahren

In diesem Schuljahr steht ein Schulpraktikum an.
Drei Tage soll es sein. DER JUNGE braucht einen Praktikumsplatz.
Die Mutter bespricht mit ihm, was ihn interessiert, und hängt sich ans Telefon.
Denn selber kann der Junge solche Telefonate nicht führen.
Sie landet bei einer kleinen Firma, die von drei Partnern gleichberechtigt geführt wird.
„Wir nehmen nur Praktikanten ab 18“, sagt ihr einer der Chefs, den sie erreicht.
„Ach, das ist ja schade“, antwortet die Mutter, „warum denn?“
„Das weiß ich, wenn ich ehrlich bin, auch nicht genau. Da müsste ich die anderen mal fragen. Und außerdem: Wir haben überhaupt keine Erfahrung mit Menschen mit Behinderung!“
„Das muss kein Nachteil sein“, lacht die Mutter. Dann erzählt sie ein bisschen von ihrem Sohn.
Sie verabreden, dass die Mutter am nächsten Tag noch einmal anrufen soll.
Als sie den Chef wieder am Telefon hat, sagt dieser: „Ich habe mich noch einmal mit meinen Partnern besprochen. Wir konnten uns beim besten Willen nicht mehr daran erinnern, warum es uns immer wichtig war, dass unsere Praktikanten 18 sind. Und was das Thema Behinderung angeht. Wir haben uns darauf geeinigt: Wir sind zwar unerfahren, aber unerschrocken! Ich hoffe, das ist ok für Sie. Wann können wir denn Ihren Sohn einmal kennen lernen?“
re oben in einem Haus drei lachende Männchen. Links eine Mutter, daneben ein Sohn, sein Arm reicht bis zum Haus.
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Montag, 21. Oktober 2019

Das Tablet

DER JUNGE geht seit einem Jahr in den Kindergarten.
Weil er da ist, konnte der Kindergarten eine zusätzliche Kraft einstellen.
Der Junge spricht nicht mit dem Mund. Er kommuniziert über ein Tablet. Auf das Tablet ist eine besondere App geladen.
Dreimal hat die Mutter die Erzieherinnen in die Benutzung eingewiesen. Auch eine Beraterin für Unterstützte Kommunikation war schon da.
Trotzdem wird das Tablet kaum benutzt.
Wenn die Mutter nachfragt, warum nicht, hört sie:
„Heute waren wir nur zu zweit.“
„Das Tablet geht ja immer wieder aus…“
oder
„Wir haben heute nur draußen gespielt, da stört es.“
Vor den Ferien gab es wieder einmal ein ausführliches Gespräch darüber, wie wichtig das Tablet für den Jungen ist. Denn nur so kann er sich ausdrücken.
Nun sind die Ferien vorbei und die Mutter ist gut erholt und guter Dinge. Sie bringt ihren Sohn in die Gruppe und legt das Tablet auf den Erzieherinnen-Tisch.
Eine Erzieherin, die zusätzliche Kraft, schaut mit großen Augen erst auf das Tablet, dann auf die Mutter und sagt:
„Also, ob wir das mit dem Tablet diese Woche schaffen, kann ich nicht garantieren. Wir gewöhnen jetzt doch die neuen Kinder ein!“
Nixklusionsmännchen, fröhlich, auf Stuhl. Daneben ein Tisch. Auf dem Tisch ein schwarzer Kasten.
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Montag, 14. Oktober 2019

Das Orchester

Die Erzieherinnen hatten viele Ängste und Vorbehalte. Doch die Mutter hatte sie überzeugt: DAS MÄDCHEN durfte in den Dorfkindergarten.
Der Einschulung an der Grundschule war eine monatelange Auseinandersetzung vorausgegangen. Die Schulzeit selbst war geprägt von ständigen Diskussionen über Lernziele und Förderung.
All die Jahre hatte sich die Mutter auch noch um die Freizeit ihrer Tochter gekümmert: Beim Ballett war sie, in der kirchlichen Jugendgruppe und konnte beim örtlichen Reitverein mitmachen.
Jetzt ist aus dem Mädchen eine junge Frau geworden.
Die Mutter hat ihre alte Begeisterung fürs Geigenspiel wiederentdeckt.
Das Mädchen arbeitet in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung. Bald wird es in eine Wohngruppe ziehen.
Die Mutter sagt, dass es ihrer Tochter in der Einrichtung ganz gut gefällt.
Die Mutter spielt mittlerweile in einem inklusiven Orchester.
Sie freut sich über die Reisen und genießt die Auftritte sehr.
Sie sagt: Das Orchester ist wichtig, um Inklusion voranzubringen. Weil es Menschen mit Behinderung ermöglicht, sich auch einmal in der Welt außerhalb von Werkstatt und Wohneinrichtung zu bewegen.
Sie sagt, dass sie das Unverkrampfte und die Leichtigkeit in diesem Projekt liebt.
Die Mutter sagt nicht, dass sie keine Kraft mehr hat, weiter für ihre Tochter zu kämpfen.
Nixklusionsmännchen mit Geige.
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Montag, 7. Oktober 2019

Urlaub

Die Mutter DER JUNGEN FRAU sitzt mit ihren Kolleginnen zusammen.
Alle erzählen von ihren Urlaubsplänen: Teneriffa, Sardinien, Griechenland.
Die Mutter hört zu. Dann wird sie gefragt, wo sie denn hinfährt.
„Wir bleiben zu Hause“, sagt sie.
„Gut fürs Klima“, lobt eine der Kolleginnen sie.
„Das hat weniger mit Klimarettung, als mit Geld zu tun.“ Die Mutter wehrt lachend ab. „Unsere Tochter ist doch jetzt erwachsen und wollte endlich mal ohne Mama und Papa in den Urlaub. Nun fliegt sie all-inclusiv für eine Woche an den Goldstrand nach Bulgarien. Das kostet uns fast 3.000 Euro!“
„Ich dachte, das ist ein besonders günstiges Reiseland …“, wundert sich die Kollegin.
„Ja, Hotel und Flug sind auch günstig“, antwortet die Mutter, „aber sie ist mit einem speziellen Reiseveranstalter unterwegs: Unsere Tochter braucht ja viel Betreuung und Unterstützungsleistungen. Die machen es so teuer.“
„Na ja – beides geht halt nicht“, schaltet sich eine Kollegin mit leicht schnippischem Ton ein, „man muss sich eben entscheiden: Will man seinem Kind einen Luxusurlaub finanzieren oder sich selber etwas gönnen!“
Nixklusionsmännchen sonnen sich am Strand und toben im Wasser. Oben eine dicke Sonne.
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Montag, 30. September 2019

Der neue Sachbearbeiter

Hospitation und Runder Tisch in der Schule DES MÄDCHENS.
Das Sozialamt möchte sich ein Bild über den Einsatz der Schulbegleiter machen.
Ein neuer Sachbearbeiter ist gekommen.
Er schaut eine Schulstunde zu, dann folgt das Gespräch mit der Lehrerin und der Mutter.
„Haben Sie eigentlich schon mal darüber nachgedacht, ob ihre Tochter auf der Sonderschule nicht viel besser aufgehoben wäre?“, fragt er die Mutter.
Die ist völlig perplex. Auch die Lehrerin zuckt zusammen.
„Nein…“, sagt die Mutter schließlich, „es gibt im Schulgesetz das Recht auf Inklusion, und ich habe von meinem Wahlrecht sorgfältig Gebrauch gemacht!“
„Na ja, ich wollte auch nur mal fragen…“, rudert der Sachbearbeiter zurück.
Nach dem Gespräch ist die Lehrerin ganz zerknirscht:
„War mein Unterricht so schlecht?“, fragt sie.
„Bestimmt nicht“, sagt die Mutter, „Sie machen das doch toll!“
Am nächsten Tag klingelt bei der Mutter das Telefon.
Es ist der Sachbearbeiter des Sozialamts.
„Ich habe da nur noch ein paar kleine Nachfragen wegen meines Berichts“, sagt er.
„Welche Informationen brauchen Sie denn noch?“, fragt die Mutter freundlich.
„Bevor wir dazu kommen, wollte ich Sie fragen, ob Sie denn noch mal über die Sonderschule nachgedacht haben.“
„NEIN!“, antwortet die Mutter nun laut und energisch.
Der Sachbearbeiter schweigt kurz. Dann sagt er:
„Also wenigstens anschauen könnten Sie sich die doch mal!“

Drei Männchen am Runden Tisch. Eins reißt die Arme hoch, eins hat den Mund nach unten gebogen.
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Montag, 23. September 2019

Kennenlernen

DAS MÄDCHEN geht in die 6. Klasse.
Gemeinsam mit Kindern mit Behinderung und Kindern ohne Behinderung.
Nun steht der Wechsel in die nächste Stufe an. Dort wird jahrgangsübergreifend gelernt.
Das heißt: Das Mädchen wird künftig mit einigen ihrer jetzigen Mitschüler und mit einigen, die bereits in der nächsten Stufe sind, gemeinsam in eine Klasse gehen.
Ein großer Wechsel. Das Mädchen macht sich viele Gedanken.
Auch die Lehrer machen sich Gedanken – und organisieren einen Kennenlern-Vormittag.
Am Morgen des Kennenlernens springt das Mädchen fröhlich sehr früh aus dem Bett.
Es zieht seine schönsten Sachen an, frühstückt blitzschnell und ist pünktlich um 8 Uhr in der Schule.
Die Mutter holt es mittags wieder ab.
Und schaut in große traurige Augen. Ihre Tochter hat die Lippen vor Ärger zusammengekniffen.
Was ist los?
Bevor sie fragen kann, sieht sie es:
Aus der jetzigen Klasse des Mädchens ist nur ein Junge dabei – ein Junge mit Behinderung.
Die Führung durch die neuen Räume und Fachräume hatte eine Schülerin mit Behinderung aus der neuen Stufe gemacht.
Andere Schülerinnen und Schüler aus der Klasse des Mädchens waren gar nicht eingeladen gewesen.
Als die Lehrerin auftaucht, flüstert die Mutter ihr zu: „Warum sind denn nur die Schüler mit Behinderung hier?“
„Na, nur die haben es doch nötig!“, flüstert die Lehrerin zurück.
Männchen, lacht, rein ins Haus. Kommt mit heruntergezogenen Mundwinkeln wieder raus.
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Montag, 16. September 2019

Wie es ist

DAS MÄDCHEN geht in die allgemeine Schule.
Die Mutter hat dort neulich eine Arbeitsgemeinschaft geleitet. Eltern bieten solche AGs regelmäßig an.
Jetzt sitzt sie in der Mensa und wartet auf ihre Tochter.
„Hallo“, spricht sie ein Schüler an, der in ihrer AG war, „ich wusste neulich gar nicht, dass Sie die Mutter des Mädchens sind…“
„Ja, das bin ich.“
„Ist es nicht schwer mit… naja, …“, der Junge sucht nach Worten, „…mit so einem Kind zu leben?“
Die Mutter ist von der Frage überrascht, so dass sie nicht gleich antwortet.
Da antwortet der Junge selbst: „Ne, was rede ich! Ist doch eigentlich normal. Sie ist ja auch immer hier, und wir finden es auch normal. Kann also nicht viel anders sein, oder?“
Die Mutter lächelt. Dann sagt sie: „Genauso ist es. Das hast Du schön gesagt.“
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