Montag, 16. Juli 2018

Ein Detail

DER JUNGE soll nach den Sommerferien an eine weiterführende Schule wechseln.
Es war gar nicht so einfach, überhaupt eine zu finden: Die Unterrichtsräume müssen mit dem Rollstuhl erreichbar und die Verbindung mit dem öffentlichen Nahverkehr muss wenigstens zu den Hauptverkehrszeiten barrierefrei sein. Gut, dass die Familie in der Stadt wohnt. Da gibt es wenigstens eine Schule, die diese Voraussetzungen erfüllt.
Die Mutter und auch der Junge hatten sich mehrmals mit dem Schulleiter getroffen, viele Gespräche geführt und alle Details geklärt. Der Schulleiter hatte viele Bedenken, die aber nach und nach ausgeräumt werden konnten.
Endlich weiß der Junge – viel später als seine Freunde und Klassenkameraden – wo er weiter zur Schule geht. Er ist sehr erleichtert.
Morgen ist nun endlich der vereinbarte Anmeldetermin. Am Abend zuvor klingelt das Telefon. Der Schulleiter ist dran:
"Ich muss Ihnen leider sagen, dass das mit der Anmeldung morgen nichts wird“, sagt er.
"Aber warum“, fragt die Mutter völlig überrascht, "es war doch schon alles besprochen!" 
"Wir haben ein sehr wichtiges Detail übersehen", erklärt der Schulleiter, "im Brandfall dürfen die Aufzüge nicht benutzt werden. Und wie kommt Ihr Sohn dann aus dem Gebäude?"
Da ist die Mutter auch zunächst einmal überfragt. "Aber wir können ihn doch morgen anmelden, und dann machen Sie einen Termin mit der Stadt, um diese Frage zu klären. In allen öffentlichen Gebäuden gibt es doch Rettungskonzepte…“, schlägt sie vor.
"Das geht natürlich nicht“, entgegnet der Schulleiter fast empört: "Sie denken da nur an Ihr eigenes Kind! Aber ich trage die Verantwortung für alle. Wenden Sie sich an die Feuerwehr, an den Bürgermeister oder eine übergeordnete Stelle im Ministerium. Und sobald Sie eine Lösung gefunden haben, melden Sie sich wieder bei mir. Dann können wir gerne noch einmal über die Aufnahme Ihres Sohnes sprechen!"
Die Geschichte vorgelesen ...

Montag, 9. Juli 2018

Vier Reisen, Teil 2

auf besonderen Wunsch unserer LeserInnen heute unsere erste Fortsetzungsgeschichte überhaupt:
(Fortsetzung von https://kirstenmalzwei.blogspot.com/2018/06/vier-reisen.html) 

In vier Wochen steht das Ergebnis fest: Die meisten der Schüler wollen nach Barcelona, viele auch an die Côte d' Azur oder nach Dublin. Nach Berlin will nur eine Handvoll. Die Berlin-Reise wird gestrichen.
Als die verbindlichen Anmeldezettel ausgeteilt werden, wählt DER JUNGE die Reise an die Côte d' Azur.
Am nächsten Tag wird er zum Direktor gerufen. Dort sitzt bereits die Oberstufenleiterin. „Wir hatten das doch schon besprochen“, sagt sie streng, „du kannst diese Reisen nicht buchen!“
„Meine Eltern haben schon beim Amt nachgefragt“, sagt der Junge, „ich könnte auf die Reise auch eine Schulbegleitung mitnehmen!“
„Die kann dich ja schlecht die Stufen hochtragen“, erwidert die Lehrerin, „das Quartier, in das wir schon seit Jahren fahren, ist nicht barrierefrei.“
„Ein paar aus meinem Französisch-Kurs haben angeboten, mit anzupacken, wenn es nötig ist“, antwortet der Junge.
„Nein“, mischt sich jetzt der Direktor ein, „das geht nicht. Auch versicherungstechnisch nicht. Wir haben uns da erkundigt.“
„Wo denn…?“, fragt der Junge.
„Nun hören Sie doch endlich auf“, fällt ihm der Direktor ins Wort, „nur weil wir hier jetzt einmal einen Schüler im Rollstuhl haben, können wir nicht die ganze Schule umkrempeln. So schlimm ist es doch nicht, mal eine Woche zu Hause zu bleiben. Sie müssen auch mal Rücksicht auf uns nehmen! Inklusion ist ja schließlich keine Einbahnstraße.“

Die Geschichte vorgelesen ...

Montag, 2. Juli 2018

Schon lange

DER JUNGE und sein bester Freund kennen sich schon lange.
Sie waren schon gemeinsam im integrativen Kindergarten.
Inzwischen sind sie in einer Klasse der weiterführenden Schule.
Dass nur einer von ihnen eine Behinderung hat, stört sie nicht.
Auch in der Freizeit unternehmen sie immer mal wieder etwas zusammen.
Beim Blättern in den Fotoalben stößt der Junge auf ein Kindergartengruppenbild, auf dem beide zu sehen sind. Es ist von 2008. Er überredet die Mutter, es einzuscannen und auszudrucken.
Am nächsten Tag nimmt er es mit in die Schule und schenkt es seinem Freund.
Der schaut es lange an. Dann lacht er:
„Schau mal, wie klein wir da noch waren! Und wie blond!“
Beides sind sie jetzt nicht mehr.
Dann geht er mit dem Jungen zusammen ins Klassenzimmer. Er legt ihm den Arm um die Schulter und sagt: „Dieses Jahr haben wir beide Zehnjähriges!“
Die Geschichte vorgelesen ...

Montag, 25. Juni 2018

Die Ausstellung

DAS MÄDCHEN malt und zeichnet schon, seit es klein ist. Auch zwei seiner Freunde tun das. Die Mutter möchte deshalb aus den Bildern eine Ausstellung machen und öffentlich präsentieren.
Sie hängt sich ans Telefon, um Ausstellungsorte zu finden.
„Nein“, sagt die Verantwortliche einer großen Stadtbücherei“, wir sind hier ein so begehrter Ausstellungsort. Mit Kinderkunst und Behinderten können wir uns da nicht abgeben!“
Die Mutter versucht es weiter.
Auch bei einer Stadtverwaltung hat man Bedenken: „Es geht Ihnen ja nur darum, für Inklusion zu werben…“, sagt die Zuständige zweifelnd, „die Behinderten können doch gar nicht zeichnen, oder?“
Ein weiterer Versuch. Die Mutter bietet diesmal an, dass die drei Künstler bei einer Vernissage den Besuchern auch selbst ihre Werke zeigen und erklären können. Der Kurator stockt: „Wie? Ich dachte, zwei sind auch geistig behindert. Die können SPRECHEN…?“
Doch die Mutter gibt nicht auf und findet am Ende sogar mehrere Rathäuser, in denen die Ausstellung gezeigt wird. Sie ist ein großer Erfolg.
Die jungen Künstler sind stolz und glücklich.
Und die Mutter ist es auch.
Die Geschichte vorgelesen ...

Montag, 18. Juni 2018

Vier Reisen

DER JUNGE ist erst vor kurzem aus einem anderen Bundesland zugezogen. Das Gymnasium hatte ihn wegen seines Rollstuhls nur widerwillig aufgenommen – obwohl dem Jungen das Lernen leicht fällt und er dabei ist, ein sehr gutes Abitur zu machen.
Doch jetzt geht es erst einmal um die Planungen für die Abiturfahrt: Kultur, Shopping und Clubs in verschiedenen europäischen Metropolen steht jedes Jahr auf dem Programm. Auch für diesen Jahrgang. „Wir haben wieder ganz tolle Reiseziele gefunden!“ Stolz präsentiert die Leiterin der Oberstufe sie an einem Informationsabend: "Côte d' Azur mit Cannes, Nizza, und Monaco" - "Berühmte Bauten und das Nachtleben in Barcelona" oder:"Dublin zwischen Guinness und Klippen".
„Ach ja“, ergänzt sie dann, „wie ihr wisst, müssen wir diesmal auch eine barrierefreie Reise anbieten. Das kann natürlich keine Flugreise ins Ausland sein. Daher ist die vierte Möglichkeit: Berlin mit Reichstag und deutschem Theater.“
Und dann erklärt sie den weiteren Ablauf:
"Bis in vier Wochen müsst ihr euren Reisewunschzettel ausgefüllt abgeben. Die drei Reisen, die die meisten Stimmen bekommen haben, könnt ihr dann anschließend verbindlich buchen. Viel Spaß beim Aussuchen!"
Dann geht sie schnell zum Jungen und sagt zu ihm: „Das hast du verstanden, oder? Du brauchst natürlich keinen Zettel auszufüllen!“
„Das verstehe ich nicht“, sagt der Junge, „warum gehen denn Flugreisen nicht? Ich war sogar schon in Amerika!“
„Nein“, sagt die Lehrerin bestimmt, „das haben wir alles schon im Team besprochen. Wir können fürs Ausland unmöglich alles vorher abklären. Wie willst du denn hochkommen, wenn da irgendwo plötzlich Treppen sind? Falls die barrierefreie Reise zustande kommt, kannst du die dann ja buchen!“

Montag, 11. Juni 2018

Der Ausritt

DAS MÄDCHEN reitet für sein Leben gern.
„Die Pferde tun ihr gut!“, sagt die Reitlehrerin zur Mutter.
Bei der Reiterfreizeit machen die Kinder täglich Ausritte in Kleingruppen.
Eines der Pferde ist dabei nicht sehr beliebt: Es hält immer wieder an, um zu fressen. Die ungeübten Kinderreiter haben dann das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren. Darum wird es nur von geübten Reitern oder der Reitlehrerin selbst geritten. Oder es muss im Stall bleiben.
Aber das Mädchen möchte dieses Pferd unbedingt reiten. Heute bettelt es so lange, bis die Reitlehrerin nachgibt. Die Reitlehrerin wollte heute ohnehin nicht mitreiten, sondern nebendran laufen und denkt, das klappt dann schon.
Als die Gruppe zurückkommt, hat das Pferd mit dem Mädchen auf dem Rücken kein einziges Mal gefressen oder gebockt.
„Ich muss da noch etwas ergänzen“, sagt die Reitlehrerin zur Mutter: „Die Pferde tun nicht nur dem Mädchen gut, sondern auch umgekehrt: Das Mädchen tut auch den Pferden gut!“

Montag, 4. Juni 2018

Fähig

DER JUNGE ist in der achten Klasse. Seit Beginn des Schuljahres ist eine neue Lehrerin an die Schule gekommen. Sie macht einen frischen und engagierten Eindruck.
Auch die Mutter freut sich. In seinem letzten Schuljahr soll der Junge noch einiges für seinen weiteren Lebensweg lernen und mitnehmen.
Doch nach ein paar Wochen beginnt sie sich zu wundern. Der Junge bekommt recht wenig Aufgaben. Und wenn er Arbeitsblätter bekommt, sind es immer Wiederholungen. Oft wird er auch mit anderen Aufgaben betraut: Er soll Muster abmalen oder ausschneiden, die Tafel abwischen oder er darf sich auf dem Schulhof austoben. Dort ist dann sein Schulbegleiter bei ihm. Im Unterricht hat der auch nicht mehr wirklich etwas zu tun.
Die Mutter vereinbart einen Termin mit der Lehrerin und spricht es an.
„Das haben Sie alles richtig beobachtet“, sagt die Sonderpädagogin, „und das hat auch seinen guten Grund. Der Kollege, der vor mir hier in der Klasse war, hat mit mir ja ein ausführliches Übergabegespräch geführt und es mir auch noch einmal schriftlich gegeben: „Die Grenze der Förderfähigkeit des Jungen ist erreicht!“
Die Geschichte vorgelesen ...

Montag, 28. Mai 2018

Außen


DER JUNGE soll eingeschult werden. Aber wo?
Die Mutter möchte, dass er an einer normalen Grundschule lernt. Vielleicht in einer ausgelagerten Sonderschulklasse? Die fünf Kinder bringen ihren eigenen Sonderpädagogen mit und lernen in Kooperation mit einer Grundschulklasse.
Sehen ist besser als nur davon hören, denkt sich die Mutter und macht einen Hospitationstermin in einer solchen Klasse aus.
Als sie wie verabredet um 8:30 Uhr kommt, fahren die Kinder mit Behinderung gerade mit dem Bus vor. Die Grundschulkinder lesen. Sie sind schon um 7:45 Uhr gekommen.
Die Kinder der „Außenklasse“ gehen in ihr eigenes Klassenzimmer, das neben dem der Grundschüler liegt. Sie frühstücken jetzt erst einmal. Dann holen sie ihre Arbeitsmaterialien heraus und arbeiten an ihren Förderplänen.
In der dritten Stunde gehen sie in das andere Klassenzimmer. Dort steht jetzt Religion auf dem Lehrplan – neben Sport das einzige Fach mit „gemeinsamem Unterricht“. Die Kinder mit Behinderung malen ein Bild, während die Religionslehrerin mit der Grundschulklasse über christliche Feste spricht.
Die Mutter ist ein bisschen irritiert. Die Sonderpädagogin beruhigt sie: Das sei ganz normal, schließlich sei man schon in der 4. Klasse und jetzt werde es für die Grundschüler ja bald „ernst“. Und bei den Leistungen müsse man bedenken: „Die Schere geht immer mehr auf.“
Jetzt ist erst einmal Mittagspause. Die Mutter steht auf und will in die Mensa gehen. Doch die Sonderpädagogin hält sie zurück: „Wir essen immer hier im Klassenzimmer. Die Mensa ist zu groß und laut. Da haben wir auch nicht alle Platz. Hier ist es doch viel gemütlicher!“
Die Mutter möchte nicht mehr länger bleiben. Bevor sie geht, nimmt die Sonderpädagogin sie noch einmal zur Seite: „Sie sehen nicht so begeistert aus“, sagt sie, „aber glauben Sie mir: Gerade die mongoloiden Kinder profitieren von dieser Klasse immer ganz besonders!“
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Montag, 21. Mai 2018

Ruhe

DAS MÄDCHEN arbeitet an drei Nachmittagen im Altenheim.
„Arbeit kann man das ja nicht gerade nennen“, hatte die Dame vom Arbeitsamt gemurmelt. Die Mutter kennt natürlich die Einschränkungen ihrer Tochter. Trotzdem hat sie ihr dies ermöglicht.
Das Mädchen sitzt in seinem Rollstuhl im Aufenthaltsraum zwischen vielen alten Damen. Einige drücken ihm immer mal wieder die Hand. Eine Dame zeigt dem Mädchen ein Fotoalbum aus ihrer Jugend. Das tut sie jede Woche. Wer das Mädchen gut kennt, sieht, dass es auf manche Fotos besonders reagiert. Gerne bauen die Damen kleine Türme oder Figuren aus Holzklötzen. Das Mädchen hilft dabei ein bisschen, so gut es geht. Viel besser kann es allerdings die Türme zum Einsturz bringen. Das ist dann immer ein großes Hallo.
Auch beim Singkreis ist das Mädchen mit dabei. Selbst singen kann es nicht. Dafür singen die Damen rechts und links besonders laut und deutlich.
Letzte Woche war das Mädchen allerdings krank. Erst heute kann es wieder ins Altenheim kommen. Die Leiterin empfängt das Mädchen und seine Mutter schon im Eingang: „Gott sei Dank sind Sie wieder da“, sagt sie, „Sie glauben nicht, was in der Woche hier los war. Alle haben gefragt, wann Sie denn endlich kommen. Und eine Unruhe war das – nicht auszuhalten!“
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Montag, 14. Mai 2018

So hübsch

Die Mutter hat sich heute kurz mit der Sonderpädagogin verabredet. Es geht um DAS MÄDCHEN, das inzwischen in der 8. Klasse ist.
In diesem Schuljahr sollte besonders das Rechnen im Hunderterraum und das Lesen kurzer Texte geübt werden. So war es vereinbart. Doch egal ob Wochenplan oder Hausaufgaben - die Mutter findet diese Übungsthemen nur sehr selten. Stattdessen gibt es immer wieder Aktivitäten, für die die Kinder mit Behinderung aus der Klasse herausgenommen werden: Für gemeinsames Kochen, Lerngänge in Zoo oder Kindermuseum oder die Proben für ein Veeh-Harfen-Musikprojekt gemeinsam mit der Sonderschule. Wenn die Mutter zuhause mit dem Mädchen üben will, schimpft es, es hätte doch schon den ganzen Tag Schule gehabt.
Das spricht die Mutter jetzt an: „Meine Tochter ist 14 Jahre alt, so viel Zeit bleibt ihr nicht mehr in der Schule, um Lesen, Schreiben und Rechnen im Rahmen ihrer Möglichkeiten zu lernen!“
Die Lehrerin beschwichtigt. Die Zusatzangebote hätten sich in der Tat in der letzten Zeit ein wenig gehäuft. Aber man müsse den Schülern mit Behinderung eben auch immer mal wieder eine Auszeit ohne Leistungsanforderungen gönnen.
Und sie klingt enttäuscht, als sie sagt: „Und ich dachte, Sie wollten mich heute sprechen, um sich zu bedanken! Ich hatte eine so aufwendige Batik-Arbeit zum Muttertag gestaltet. Wir haben so viele Stunden daran gearbeitet. Und Ihre Tochter hat Ihnen so ein hübsches Geschenk gemacht!“

Die Geschichte vorgelesen ...