Montag, 21. Mai 2018

Ruhe

DAS MÄDCHEN arbeitet an drei Nachmittagen im Altenheim.
„Arbeit kann man das ja nicht gerade nennen“, hatte die Dame vom Arbeitsamt gemurmelt. Die Mutter kennt natürlich die Einschränkungen ihrer Tochter. Trotzdem hat sie ihr dies ermöglicht.
Das Mädchen sitzt in seinem Rollstuhl im Aufenthaltsraum zwischen vielen alten Damen. Einige drücken ihm immer mal wieder die Hand. Eine Dame zeigt dem Mädchen ein Fotoalbum aus ihrer Jugend. Das tut sie jede Woche. Wer das Mädchen gut kennt, sieht, dass es auf manche Fotos besonders reagiert. Gerne bauen die Damen kleine Türme oder Figuren aus Holzklötzen. Das Mädchen hilft dabei ein bisschen, so gut es geht. Viel besser kann es allerdings die Türme zum Einsturz bringen. Das ist dann immer ein großes Hallo.
Auch beim Singkreis ist das Mädchen mit dabei. Selbst singen kann es nicht. Dafür singen die Damen rechts und links besonders laut und deutlich.
Letzte Woche war das Mädchen allerdings krank. Erst heute kann es wieder ins Altenheim kommen. Die Leiterin empfängt das Mädchen und seine Mutter schon im Eingang: „Gott sei Dank sind Sie wieder da“, sagt sie, „Sie glauben nicht, was in der Woche hier los war. Alle haben gefragt, wann Sie denn endlich kommen. Und eine Unruhe war das – nicht auszuhalten!“
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Montag, 14. Mai 2018

So hübsch

Die Mutter hat sich heute kurz mit der Sonderpädagogin verabredet. Es geht um DAS MÄDCHEN, das inzwischen in der 8. Klasse ist.
In diesem Schuljahr sollte besonders das Rechnen im Hunderterraum und das Lesen kurzer Texte geübt werden. So war es vereinbart. Doch egal ob Wochenplan oder Hausaufgaben - die Mutter findet diese Übungsthemen nur sehr selten. Stattdessen gibt es immer wieder Aktivitäten, für die die Kinder mit Behinderung aus der Klasse herausgenommen werden: Für gemeinsames Kochen, Lerngänge in Zoo oder Kindermuseum oder die Proben für ein Veeh-Harfen-Musikprojekt gemeinsam mit der Sonderschule. Wenn die Mutter zuhause mit dem Mädchen üben will, schimpft es, es hätte doch schon den ganzen Tag Schule gehabt.
Das spricht die Mutter jetzt an: „Meine Tochter ist 14 Jahre alt, so viel Zeit bleibt ihr nicht mehr in der Schule, um Lesen, Schreiben und Rechnen im Rahmen ihrer Möglichkeiten zu lernen!“
Die Lehrerin beschwichtigt. Die Zusatzangebote hätten sich in der Tat in der letzten Zeit ein wenig gehäuft. Aber man müsse den Schülern mit Behinderung eben auch immer mal wieder eine Auszeit ohne Leistungsanforderungen gönnen.
Und sie klingt enttäuscht, als sie sagt: „Und ich dachte, Sie wollten mich heute sprechen, um sich zu bedanken! Ich hatte eine so aufwendige Batik-Arbeit zum Muttertag gestaltet. Wir haben so viele Stunden daran gearbeitet. Und Ihre Tochter hat Ihnen so ein hübsches Geschenk gemacht!“

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Montag, 7. Mai 2018

Reden

Förderplangespräch an der Schule DES MÄDCHENS.
Die Mutter geht nicht gerne zu diesen Gesprächen. Denn da wird immer sehr ausführlich besprochen, was ihre Tochter nicht kann und was nicht gut läuft. Manchmal kamen ihr bei diesen Gesprächen deshalb die Tränen.
Ihre Tochter war noch nie bei diesen Gesprächen dabei. Diesmal haben die Lehrerinnen sie aber mit eingeladen. Schließlich sei sie langsam alt genug dafür.
Das Mädchen sitzt also mit am Tisch und malt. Immer mal wieder beziehen die Lehrerinnen es mit ein. Hauptsächlich aber sprechen sie mit der Mutter.
Irgendwann schaut das Mädchen von seiner Zeichnung auf, wartet, bis keiner mehr spricht, und sagt zu den Lehrerinnen: „Nicht so viel reden über das Mädchen. Mama weint sonst!“
Nun kommen der Mutter schon wieder die Tränen. Aber nicht wegen der Förderplanung, sondern weil sie so gerührt ist und denkt: „Nun ist sie als geistig behindert eingestuft – und hat doch so viel vom Leben verstanden!“
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Montag, 30. April 2018

Kümmern

Der JUNGE wird an die weiterführende Schule zu wechseln. Heute trifft sich die Mutter mit dem Schulleiter, der zukünftigen Klassenlehrerin und der Inklusionsbeauftragten der Schule. Es wird besprochen, welche Maßnahmen und besonderen Vorkehrungen getroffen werden müssen. Um die hatte die Mutter an der Grundschule sehr kämpfen müssen.
Der Schulleiter beginnt: „Sie hatten ja bereits im Vorgespräch angeführt,“ sagt er zur Mutter, „dass sich Ihr Sohn ab und zu auf einer Liege ausruhen muss. Wir haben überlegt, dass wir das hintere Zimmer der Bibliothek dafür nutzen könnten.“ Die Mutter nickt. Eine einfache Liege reicht.
„Und zur Turnhalle führen zwei Stufen hoch“, fährt der Schulleiter fort, „das ist natürlich nicht günstig. Da würde eine kleine Rampe den geringen Höhenunterschied ausgleichen.“
„Das ist alles sehr gut,“ fasst die Mutter zusammen, „dann habe ich also Ihre Zustimmung, eine Liege im Bibliotheksraum aufzustellen und mich zu erkundigen, wie wir am besten eine Rampe installieren lassen können… ?“
„Nein“, sagt die Inklusionsbeauftragte lächelnd, „darum kümmere ich mich natürlich. Das ist doch mein Job!“
Die Mutter ist verblüfft: „Und ich muss gar nichts tun?“, fragt sie ungläubig.
Nun lächelt auch der Schulleiter: „Oh doch,“ antwortet er, „Sie unterstützen Ihren Sohn beim Lernen zu Hause, wo immer er das braucht. Das ist doch schon genug Arbeit, oder?“
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Montag, 23. April 2018

Gar nicht

DAS MÄDCHEN fährt mit der Straßenbahn zur Schule. Die Schulbegleiterin fährt mit. Sie sitzt immer schon in der Bahn, wenn das Mädchen einsteigt.
Heute aber sitzt die Schulbegleiterin nicht drin. Sie hat die Bahn verpasst.
Also fährt das Mädchen ganz alleine in die Schule. Es geht auch alleine in die Klasse und begrüßt fröhlich seine Lehrerin und die anderen Kinder.
In der Pause ruft die Lehrerin die Mutter an:
Auf keinen Fall dürfe das Mädchen das Schulgebäude alleine betreten!
„Gar nicht?“, fragt die Mutter.
„Gar nicht!“, betont die Lehrerin.
Die Mutter seufzt.
Mittags kommt das Mädchen aufgeregt nach Hause. Stolz und glücklich erzählt es, dass es ganz alleine zur Schule gefahren ist.
„Ich jetzt immer alleine fahren!“, sagt es bestimmt.
Die Mutter seufzt und nimmt das Telefon.
Sie muss jetzt versuchen, mit der Schulbegleitung zu vereinbaren, dass sie das Mädchen immer erst direkt vor dem Schulgebäude trifft.
Und zwar so sicher, dass das nicht schiefgehen kann.
Und zwar gar nicht.


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Montag, 16. April 2018

Die Katastrophe

DER JUNGE geht in die erste Klasse der örtlichen Grundschule.
Seine Kindergartenzeit war schwierig. Wenn es stressig wurde, hatte er immer mal wieder Spielsachen auf den Boden geworfen oder ein anderes Kind gehauen.
Das steht alles in seiner Akte.
Die haben die Lehrer, der Sonderpädagoge und die Rektorin natürlich gelesen.
Am ersten Schultag weist die Klassenlehrerin die Schulbegleitung an: „Bitte halten Sie sich nie weiter als eine Armlänge vom Jungen entfernt.“
Dem Jungen fällt es schwer, Kontakt zu seinen Mitschülern zu bekommen. Nur bei Bewegung und Spiel lässt er sich auf gemeinsame Aktionen ein. Sport ist sein Lieblingsfach.
Doch der Sonderpädagoge sieht gerade den Sportunterricht kritisch. Zu unstrukturiert, zu unübersichtlich – Gift für ein Kind mit der Diagnose des Jungen.
Deshalb werden die Einzelförderstunden des Jungen auf die Zeiten des Sportunterrichts gelegt. Und auch sonst nimmt der Sonderpädagoge ihn so oft wie möglich aus der Klasse heraus.
Der Junge mag das nicht. Als der Sonderpädagoge ihn im Musiksaal auffordert, mit ihm  zu kommen, reagiert er nicht. Als der ihn am Arm ziehen will, schubst er ihn weg. Der Sonderpädagoge stolpert gegen ein Xylophon. Klangstäbe und Schlägel purzeln auf den Boden. Einige Kinder springen erschrocken auf.
Am nächsten Tag müssen die Eltern zur Rektorin kommen. „Eine Katastrophe“ sei das mit dem Jungen, sagt sie. Die Musiklehrerin weigere sich, ihn weiter zu unterrichten. Und auch andere Lehrer hätten nach dem Vorfall gestern schwere Bedenken.
„Ich habe schon mit dem Schulamt gesprochen“, sagt sie abschließend, „wir haben wirklich alles probiert. Aber so macht Inklusion keinen Sinn! Alles andere als die Sonderschule kommt für Ihren Sohn pädagogisch überhaupt nicht in Frage!“
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Montag, 9. April 2018

Die Präsentation

Gruppenarbeit in Biologie.
Immer zwei Kinder arbeiten zusammen.
Es geht um Ernährung.
DER JUNGE ist mit einem Mädchen, das er sehr mag, ein Team.
Das Mädchen lernt auf einem anderen Niveau als er.
Denn anders als er wird es später einen mittleren Schulabschluss machen.
Der Junge ist laut sonderpädagogischem Gutachten „geistig behindert“.
Sie teilen sich die Arbeit auf und bereiten eine Präsentation vor.
Die sollen sie in der nächsten Woche der Klasse vorstellen.
Doch in der nächsten Woche ist der Junge krank. Richtig krank.
„Oh, nein“, sagt er, „dann kann ich ja gar nicht zu Bio!“
Schnell schickt er dem Mädchen eine Whatsapp-Sprachnachricht.
„Oh, nein“, schreibt es zurück, „dann muss ich ja die Präsentation ganz alleine machen!
Aber ich schaff das schon! Ich werde versuchen, eine gute Note für uns rauszuholen!“
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Montag, 2. April 2018

Gleich

Die Mutter des JUNGEN trifft ein bekanntes Elternpaar. Deren Tochter ist so alt wie der Junge und hat die gleiche Diagnose.
Sie besucht eine Sonderschule. Ihre Mutter fragt nach, ob denn der Junge an der allgemeinen Schule überhaupt  genug gefördert werde.
Die Mutter des Jungen berichtet vom detaillierten Förderplan und von den Fortschritten beim Lesen. Die andere Mutter stellt viele Fragen. Schließlich möchte sie wissen: "Da sind ja viel mehr Mitschüler ohne Behinderung als welche mit Behinderung. Vermisst dein Junge da nicht Gleichgesinnte?"
In der Klasse des Jungen gibt es tatsächlich nur noch zwei weitere Mitschüler mit Förderbedarf.
Die Mutter überlegt:
Eine ganze Reihe der Mitschüler hat genau wie ihr Sohn alle Teile von „Star Wars“ schon mehrmals gesehen.
In der Klasse teilen viele Jugendliche und auch der Klassenlehrer die Begeisterung des Jungen für den örtlichen Fußballverein. 
Fast alle Mitschüler schauen jeden Samstag „Deutschland sucht den Superstar“, schon die Xte Staffel.
Und genau wie alle anderen aus seiner Klasse lässt der Junge in der Mensa den Gemüseauflauf stehen und entscheidet sich lieber für Spagetti mit Tomatensoße.
Die Mutter des Jungen lächelt ihre Bekannte an und sagt:
"Nein, wir sind sicher, dass unser Sohn in der Schule mitten unter Gleichgesinnten ist!"


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Montag, 26. März 2018

Sehen

DAS MÄDCHEN ist körperlich stark behindert.
Und es trägt eine Brille wegen Kurzsichtigkeit.
In der örtlichen Grundschule kommt es einigermaßen zurecht. Eine Sonderpädagogin unterstützt es und ein anderes Kind.
Doch es fällt dem Mädchen immer schwerer, von der Tafel abzuschreiben oder abzumalen.
Die Mutter bekommt mit, dass die Lehrerinnen etwas von „vielleicht doch geistig behindert“ tuscheln.
Was ist denn bloß los? Aus dem Mädchen selbst nicht so recht etwas herauszubekommen.
Routinemäßig geht es wieder einmal zum Augenarzt. Als der Arzt seiner Sprechstundenhilfe die Werte diktiert, horcht die Mutter auf. Sehfähigkeit bei nur 2 Prozent?
Sie fragt nach. „Ja, ungefähr 2 Prozent“, bestätigt der Arzt.
„Können Sie mir die Werte auf einem Attest bestätigen?“, bittet die Mutter.
Denn jetzt ist ihr klar, dass ihre Tochter auch Unterstützung durch eine Lehrkraft braucht, die sich mit Sehbehinderungen auskennt.
Der Arzt schaut sie verständnislos an: „Was wollen Sie denn mit den Werten? Bei so einer schweren Körperbehinderung kommt es doch auf das Sehvermögen sowieso nicht mehr an!“
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Mittwoch, 21. März 2018

Rechnen

(zum Welt-Down-Syndrom-Tag)

DER JUNGE lernt rechnen.
In der Grundschule wurde zuerst mit roten und blauen Holzplättchen addiert.
Der Junge mochte aber keine Farben und hatte immer alles in grau in sein Heft gemalt. Verstanden hatte er es auf diese Art nicht wirklich.
Später rechnete er dann mit dem Abakus. Das ging ganz gut. Bis zehn konnte er auch ziemlich sicher mit den Fingern rechnen.
Die Mutter hatte den Lehrern einmal das „Yes-we-can“-Material vorgeschlagen. „Das haben wir uns schon angeschaut“, sagten diese, „aber das fanden wir nicht so toll.“
Jetzt, an der weiterführenden Schule hat er eine Lehrerin aus einem anderen Bundesland. An ihrer alten Schule wurde ganz spezielles Rechenmaterial entwickelt. Das möchte sie jetzt auch mit dem Jungen machen. Der Abakus verschwindet im Schrank. Doch nach einem Schuljahr lässt sie sich an eine andere Schule versetzen.
Die nächste Mathelehrerin ist ein großer Fan von Montessori-Material. Sie schafft erst einmal Rechenperlen an. Doch mit denen spielt der Junge lieber als er rechnet.
Gut, dass bald schon wieder ein neuer Sonderpädagoge kommt. Bei ihm wird grundsätzlich mit dem Zahlenstrahl gerechnet. Fingerrechnen ist verpönt. Der Junge bekommt nur dann ein Lob, wenn er ohne Finger gerechnet hat. Leider versteht der Junge nicht, dass er bei „Minus“ auf dem Strahl in die andere Richtung rücken muss. Mit den Fingern hatte das immer gut geklappt. Doch als die Mutter es mit ihm zu Hause so machen will, schüttelt er den Kopf: „Keine Finger!“, sagt er streng.
Die Mutter gibt schließlich auf, setzt sich aufs Sofa und blättert in einer Fachzeitschrift. Dort fällt ihr Blick auf einen Artikel, in dem ein Experte zitiert wird. Er sagt: „Die meisten Kinder mit Down-Syndrom sind in Mathematik eben doch sehr sehr schwach“. 
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