Montag, 14. Januar 2019

Der Schulranzen

DER JUNGE ist seit kurzem in einer neuen Schule.
Mittwochs ist dort AG-Tag. Dazu müssen die Kinder in ein anderes Gebäude laufen.
Davor hat der Junge große Angst. Denn er kann nur einen Arm benutzen. Und er geht etwas schleppend. Manchmal stolpert er.
„Was ist, wenn ich hinfalle?“, denkt er, „oder wenn ich mich verlaufe?“ Und dann ist da auch noch der schwere Schulranzen…
Doch nach dem ersten AG-Tag sind alle seine Ängste verflogen.
„So“, hatte eines der Mädchen aus seiner Klasse energisch gesagt, „immer einer von uns trägt deinen Ranzen. Und wir bleiben immer schön zusammen, ok?“. Alle waren einverstanden.
Lehrer waren an dieser Regelung nicht beteiligt.
Der Junge erzählt all das sofort zu Hause. „Mama“, sagt er immer noch ganz beeindruckt, „dass sie das für mich getan hat…!“
Die Geschichte vorgelesen ...

Montag, 7. Januar 2019

Nach der Schulzeit

DAS MÄDCHEN ist im Abschlussjahr.
Aber: Wie geht es dann weiter nach der Schule?
Das Arbeitsamt sagt: Eine Ausbildung kann das Mädchen nicht schaffen.
Der Fachdienst sagt: Für eine berufsvorbereitende Maßnahme ist das Mädchen zu schwach.
Die Lehrer sagen: Auf dem ersten Arbeitsmarkt sehen sie das Mädchen nicht.
Der Schulrat sagt: Eine weitere Verlängerung der Schulzeit kommt nicht in Betracht.
Alle sagen: Das Mädchen muss in die Werkstatt!
Die Mutter berichtet dies in der Elterngruppe.
Da meldet sich eine andere Mutter zu Wort: „Du musst gar nichts!“, sagt sie, „und deine Tochter auch nicht! Sie hat ihre Schulpflicht erfüllt. Sie kann gar erst mal einfach nur abhängen, so wie viele andere Kids auch. Sie kann ein Praktikum machen. Oder ins Ausland gehen. Oder ihr nehmt sie mit auf Weltreise…!“
Die Mutter lächelt und schweigt.
Dann sagt sie stockend und leise: „Das ist mir jetzt echt ein bisschen peinlich… Aber ich habe das mit dem „sie muss…“ so oft gehört, dass ich doch tatsächlich davon ausgegangen bin, dass es in Deutschland so etwas wie eine Arbeitspflicht für Behinderte gibt!“
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Montag, 31. Dezember 2018

Regeln

In diesem Jahr soll es geschehen: DER JUNGE will ausziehen. Schließlich ist er schon ein junger Mann.
Gemeinsam mit seinen Eltern schaut er sich eine Wohngruppe an.
Alle Bewohner sind in irgendeiner Weise eingeschränkt und brauchen Unterstützung. So wie der Junge auch.
Sie haben sich an einem Samstag-Vormittag mit einem der Betreuer in der Gemeinschafts-Küche verabredet.
Der Betreuer erklärt, dass es einiges an Regeln für die Wohngruppe gibt.
Während er spricht, erscheint einer der jungen Leute und nuschelt ein bisschen undeutlich, dass er „jetzt endlich sein Handy wieder haben“ will.
Der Betreuer holt einen Schlüssel, schließt einen Metallkasten auf und holt ein Handy hervor. Dabei erklärt er: „Abends schließen wir die Handys immer ein, damit die nicht die ganze Nacht daddeln.“
Die Eltern schauen sich an. Der Junge hört kaum noch zu. Seitdem er erfahren hat, dass man keinen eigenen Fernseher auf seinem Zimmer haben darf, grummelt er vor sich hin. Was wann im Fernsehen gesehen wird, entscheide die Gruppe. So sei die Regel.
Bevor die Eltern jetzt weiter fragen können, kommt ein weiterer, etwas fülliger, junger Mann in die Küche. Er setzt sich an den Tisch und will zum Brotkorb greifen.
Doch der Betreuer schüttelt energisch den Kopf: „Nein, nein! Du kennst die Regel!“ Und er zeigt auf ein Trimm-Fahrrad in der Ecke des Raumes.
„Ja,ja…“ stöhnt der junge Mann und schlurft langsam zum Fahrrad.
„Ich glaube, wir denken noch einmal ganz in Ruhe über alles nach…“, sagt der Vater, und die Familie verabschiedet sich.
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Montag, 24. Dezember 2018

Das Praktikum

DER JUNGE macht ein Schülerpraktikum.
Am ersten Tag fährt die Mutter ihn dort hin.
Der Firmenchef bittet die beiden, noch kurz auf einen Kaffee Platz zu nehmen.
Dann erklärt er ein bisschen, wie die nächsten Tage ablaufen werden.
Der Junge hört aufmerksam zu.
Dann stehen alle auf und die Mutter verabschiedet sich.
Der Junge geht zum Chef, legt ihm die Hand auf den Arm und sagt:
„Ich mag Dich!“
Der Chef zögert kurz. Dann lächelt er und sagt:
„Ich mag Dich auch!“
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Montag, 17. Dezember 2018

Die Rollstuhl-Toilette

Bald ist es soweit: DAS MÄDCHEN wechselt auf die weiterführende Schule. Die Eltern haben sich schon lange erkundigt, welche denn in Frage kommt. Denn es ist klar, dass das Mädchen eine Rollstuhl-Toilette braucht.
Gut, dass in der Nähe vor ein paar Jahren eine barrierefreie Schule gebaut wurde. Bei der Anmeldung war der Rektor allerdings merkwürdig zurückhaltend und hatte die Familie aufs Schulamt verwiesen. Er könne letztlich gar nichts entscheiden.
Heute nun ruft der zuständige Schulrat endlich zurück. „Ich habe eine passende Schule gefunden“, sagt er freundlich, „die ist etwas weiter weg. Aber das ist ja kein Problem, denn Ihre Tochter hat ja zum Glück einen Anspruch auf Beförderung!“
Die Mutter ist irritiert. „Aber weshalb kann sie nicht auf die Schule hier im Viertel gehen?“, fragt sie, „dort gibt es doch eine Rollstuhl-Toilette, oder?“
„Im Prinzip ja…“. Der Schulrat druckst ein bisschen herum, „die Installationen sind in dem Raum schon alle vorhanden. Aber weil es dort noch nie einen Schüler im Rollstuhl gab, hat man die sanitären Anlagen gar nicht eingebaut, sondern den Raum als Kopierraum genutzt…“
„Ja, und…?“, fragt die Mutter.
„Und jetzt habe ich sehr lange mit dem Rektor gesprochen: Die Schule kann sich überhaupt nicht vorstellen, den Raum wieder herzugeben. Denn sie weiß dann einfach nicht, wo die Kopierer stehen sollen. Und eine Schule ohne Kopien – die können Sie sich doch sicherlich auch nicht vorstellen, oder?“
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Montag, 10. Dezember 2018

Beim Schwimmen

DER JUNGE ist in einer Schwimmgruppe. Die Mutter bringt ihn dorthin. Sich umziehen kann er ganz alleine. Weil sich aber die Schränke so schwer abschließen lassen, packt er seine Sachen immer in einem offenen Schrank direkt neben der Umkleidekabine.
Nun war eine lange Schwimmpause wegen der Ferien. Beim ersten Schwimmtag denkt die Mutter: Jetzt schau ich mal, ob das alles mit dem Umziehen noch klappt.
Als der Junge schon in der Halle ist, geht sie zur Umkleidekabine und sieht seine Schuhe dort noch stehen. Von den anderen Klamotten keine Spur. „Ich wusste es doch…“, denkt sie.
Sie geht zur Hallentür, ruft den Jungen zu sich und fragt: „Wo sind denn all Deine Sachen?“
„In 102“, sagt der Junge.
„Sicher?“, fragt die Mutter.
„Ja, sicher“, sagt der Junge, „in Schrank 102.“
Die Mutter geht wieder in den Umkleidebereich und sucht den Schrank 102. Er ist in der hintersten Ecke. Und ordentlich gefaltet liegen die Anziehsachen des Jungen darin.
Als das Schwimmen zu Ende ist, kommt ihr ein gut gelaunter Junge entgegen. Er hat alle seine Sachen wieder an, auch die Schuhe.
Sie nimmt ihn in den Arm und geht mit ihm zum Auto. Dabei schüttelt sie ein bisschen den Kopf. Über sich selbst.
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Montag, 3. Dezember 2018

Kindergärten

DER JUNGE wird bald drei Jahre alt. Die Mutter sucht für ihn einen Kindergartenplatz.
„Behinderte sind hier natürlich willkommen“, sagt die Leiterin einer immer wieder in den Medien gelobten inklusiven Einrichtung. Aber sie verweist auf die nötige Beantragung einer Integrationshilfe. Das könne lange dauern. Und 15 Stunden müssten schon mindestens bewilligt werden.
Willkommen sind Kinder mit Behinderung auch im Kinderladen eines Elternvereins. Allerdings werden dort wohl im nächsten Jahr nur Geschwisterkinder aufgenommen. Da hat der Junge Pech, denn er hat nur eine kleine Schwester.
Willkommen sind Kinder mit Behinderung auch in einem kirchlichen Kindergarten. „Allerdings“, sagt die Leiterin, „nehmen wir die grundsätzlich nur zur Probe auf. Wir wissen ja nie, wie das läuft. Ein Kind hat uns hier erst einmal das ganze Spielzeug zerlegt.“
Willkommen sind Kinder mit Behinderung auch in einem anderen Kindergarten. Drei Stunden pro Tag – das ist dort die Regel: „Die sind ja sonst auch schnell überfordert.“
Die Mutter ist jetzt ziemlich ratlos.
Nun bleibt ihr nur noch ein Kindergarten im Stadtteil.
„Kinder mit Behinderung sind hier willkommen!“, sagt die Leiterin. Die Mutter wartet, was jetzt noch kommt. Aber es kommt nichts mehr.
Die Mutter füllt die Anmeldeformulare aus und geht wieder nach draußen. Dann weint sie erst einmal sehr lange.
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Montag, 26. November 2018

Fußball-Cracks

Grillfest in der Klasse DES JUNGEN.
Die Mutter beobachtet ihren Sohn. Natürlich hat er wieder ein Fußball-Shirt an. Genau wie der Junge neben ihm. Andere Shirts ziehen beide selten an.
„Na, dein Sohn ist ja wohl ein richtiger Fußball-Crack“, spricht sie die Mutter des anderen Jungen an, „in welcher Mannschaft spielt er denn?“
Die andere Mutter lacht: „Ja, ein Crack wäre er gerne! Aber seine Fußball-Karriere war nur kurz. Er ist eigentlich immer nur an der Außenlinie auf- und abgelaufen. Ballkontakte: Null! Zweikämpfe um den Ball waren echt nicht sein Ding.“
Nun lacht auch die Mutter: „Bei meinem war das ähnlich: Er ist immer hinter den anderen her gelaufen und wollte ihnen gelbe und rote Karten zeigen. ‚Das war Foul‘, hat er immer gerufen. Damit hat er sich natürlich keine Freunde gemacht. Und wenn ein Ball kam,  ist er abgehauen. Ich hab‘ immer gedacht, das hätte was mit seiner Behinderung zu tun!“
„Wohl eher nicht“, sagt die andere Mutter lächelnd. Dann schaut sie zu den beiden Jungs und sagt: „Aber in den Trikots machen sie echt eine gute Figur!“
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Montag, 19. November 2018

Die Hauptsache

Die Familie fährt U-Bahn. Die Mutter steht mit DEM JUNGEN im Gang. Er ist noch ganz klein und liegt im Kinderwagen.

Seine beiden großen Brüder sitzen neben zwei älteren Damen. Die Damen unterhalten sich sehr nett mit ihnen.

Als sie aussteigen müssen, zeigt eine der Damen auf den Kinderwagen und sagt zur Mutter:

"Na, da haben Sie jetzt hoffentlich ein Mädchen drin!"

Die Mutter lacht. "Nein, auch einen Jungen! Das kann man sich ja nicht aussuchen!"

"Da haben Sie recht", sagt die Frau, "Hauptsache gesund!"

Dann schaut sie in den Kinderwagen. Dann sagt sie nichts mehr. Sie murmelt nur noch etwas.

Sie zieht die andere Dame mit sich, und beide steigen sehr schnell aus.
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Montag, 12. November 2018

Der Maßstab

DER JUNGE ist jetzt erwachsen. Neben der Suche nach einem Job gilt es jetzt, seine Freizeit zu organisieren.
Er hat viele Ideen.
Doch für diese Aktivitäten braucht er Assistenz.
Die Mutter spricht darüber mit dem zuständigen Sachbearbeiter beim Sozialamt.
„Er möchte zum Schwimmen und zum Klettern gehen“, trägt sie vor. „Und natürlich auch mal einfach so in die Stadt zum Eisessen oder Bummeln. Und am Wochenende zum Tanzen…“
„Na, ja“, sagt der Sachbearbeiter zögerlich, „das ist ja eine ganze Menge...“
„Das finde ich nicht“, antwortet die Mutter, „meine anderen Kinder sind auch mindestens dreimal die Woche nachmittags oder abends weg und wollen natürlich auch am Wochenende nicht zu Hause sitzen.“
„Die sind aber nicht der Maßstab!“, sagt der Sachbearbeiter bestimmt, „der Maßstab sind nicht die ganz normalen anderen Menschen. Der Maßstab sind die ganz normalen anderen Behinderten!“
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