Montag, 5. Juni 2017

Die Geburtstagsfeier

Die Mutter ist eingeladen.
Ein Bekannter aus dem Tennisclub wird 50.
Das ganze Haus ist voll. In jedem Zimmer sitzt ein schwatzendes Grüppchen.
Die Mutter kennt nur wenige Gäste. Ein bisschen unschlüssig steht sie da mit ihrem Glas in der Hand.
Im Stimmengewirr hört sie dies: „Und dann hab ich zu den Eltern gesagt: Sie können ganz beruhigt sein. Wenn das hier nichts wird an der Grundschule, kann Ihr Kind jederzeit wieder zu uns an die Sonderschule wechseln.“
Die Mutter horcht auf. Die Stimmen kommen aus dem Nebenzimmer.
„Immer wieder erzähle ich den Eltern im Förderplangespräch“, hört sie weiter, „was an der Sonderschule alles geboten wird. Aber die wollen das noch nicht einmal hören“, empört sich ein anderer. Das Ende des Satzes geht im Gegrummel  der anderen unter.
„Und jedes Mal, wenn ich im Auto sitze und zur Schule fahre“, sagt eine weibliche Stimme jetzt noch etwas lauter, „denke ich darüber nach, wie ich es bloß schaffe, die Eltern davon zu überzeugen, ihre Tochter doch an die Sonderschule zu geben.“
Es ist die Sonderpädagogin DES MÄDCHENS.
Jetzt hat der Gastgeber die Mutter entdeckt. „Na, dann will ich dich mal den Kollegen meiner Frau vorstellen“, sagt er fröhlich und zieht sie in den Raum. Vier Frauen und ein Mann sitzen am Couchtisch.
„Hallo“, sagt die Mutter.
„Hallo“, sagen die anderen, auch die Sonderpädagogin des Mädchens.
Danach springt sie auf und sagt aufgekratzt: „Na, dann will ich mir doch noch mal was von der leckeren Erdbeer-Bowle holen!“

Die Geschichte vorgelesen ...

5 Kommentare:

  1. Wenn man Sonderpädagogen in die Inklusion einbezieht, läuft es eben so, wie in der Geschichte beschrieben.
    Wenn wundert's?
    Es ist wie in diesem bekannten Sprichwort:
    "Wenn du einen Teich trocken legen willst, darfst du nicht die Frösche fragen!"

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  2. Die erste Frage noch vor dem sonderpädagogischen Gutachten meines Kindes vor ein paar Wochen war : “Würden Sie auch eine Sonderschule in Erwägung ziehen?“

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  3. Fan des Illustrators05.06.2017, 14:21:00

    Super, wie der Illustrator die Gefühle der außerhalb "des schwatzenden Grüppchens" stehenden Mutter zum Ausdruck bringt: Nicht einen entspanntes Lachen mit Feierlaune, sondern ein ziemlich verkniffenes, verlegenes Lächeln zeichnet er ihr ins Gesicht.
    Schrecklich, wenn die Mutter auch noch auf Parties Menschen trifft, die missionarisch unterwegs sind... und auch noch um ihrer selbst willen...

    Denn wer möchte all das, was an einer Sonderschule "geboten" wird, nicht missen? Die Schüler oder die Sonderpädagogen selbst?

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  4. Witzig. ;)
    Wir hören das von allen Sonderpädagogen noch vor der Einschulung.
    "Wir können ihrem Sohn hier nicht gerecht werden"
    In der "Inklusion" will man es wenigstens versuchen.

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  5. Es ist, wie ich oft feststellen muss, immer das gleiche. Jahrzehntelang lag die föderalistische, deutsche Bildungspolitik in sanftem Dornröschenschlaf, Ressourcenkürzungen allerorten und am Ende?: kaputt gespart.
    Dann noch Inklusion...
    Nun sind alle unsanft aufgewacht! Hier rächt sich jahrelange Inkompetenz in der jeweils ländereigenen Bildungspolitik.
    Die Kinder und viele Eltern an unserer Schule wissen es besser: Inklusion macht Spaß!!!
    Und das: trotz der mageren Ressourcen für die Inklusion, trotz des Lehrermangels, trotz der Unterversorgung an Lehrerstunden, trotz des Mangels an Sonderpädagogen (von denen wir schon zwei 'wegschicken' mussten, ->weil die Experten waren leider "Frösche im Teich"), trotz der hohen Gewaltbereitschaft in Brennpunktschulen und all den weiteren zahlreichen Problemen im Schulalltag.
    Inklusion ist für Eltern von Kindern mit Behinderungen, für die Sonderpädagogen und Lehrer und für alle Akteure ein steiniger Weg aber, es macht Sinn und Spaß und gelingt auch!!!
    Nicht aufgeben, weitermachen bitte!!!

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