Montag, 31. Dezember 2018

Regeln

In diesem Jahr soll es geschehen: DER JUNGE will ausziehen. Schließlich ist er schon ein junger Mann.
Gemeinsam mit seinen Eltern schaut er sich eine Wohngruppe an.
Alle Bewohner sind in irgendeiner Weise eingeschränkt und brauchen Unterstützung. So wie der Junge auch.
Sie haben sich an einem Samstag-Vormittag mit einem der Betreuer in der Gemeinschafts-Küche verabredet.
Der Betreuer erklärt, dass es einiges an Regeln für die Wohngruppe gibt.
Während er spricht, erscheint einer der jungen Leute und nuschelt ein bisschen undeutlich, dass er „jetzt endlich sein Handy wieder haben“ will.
Der Betreuer holt einen Schlüssel, schließt einen Metallkasten auf und holt ein Handy hervor. Dabei erklärt er: „Abends schließen wir die Handys immer ein, damit die nicht die ganze Nacht daddeln.“
Die Eltern schauen sich an. Der Junge hört kaum noch zu. Seitdem er erfahren hat, dass man keinen eigenen Fernseher auf seinem Zimmer haben darf, grummelt er vor sich hin. Was wann im Fernsehen gesehen wird, entscheide die Gruppe. So sei die Regel.
Bevor die Eltern jetzt weiter fragen können, kommt ein weiterer, etwas fülliger, junger Mann in die Küche. Er setzt sich an den Tisch und will zum Brotkorb greifen.
Doch der Betreuer schüttelt energisch den Kopf: „Nein, nein! Du kennst die Regel!“ Und er zeigt auf ein Trimm-Fahrrad in der Ecke des Raumes.
„Ja,ja…“ stöhnt der junge Mann und schlurft langsam zum Fahrrad.
„Ich glaube, wir denken noch einmal ganz in Ruhe über alles nach…“, sagt der Vater, und die Familie verabschiedet sich.
Die Geschichte vorgelesen ...

Montag, 24. Dezember 2018

Das Praktikum

DER JUNGE macht ein Schülerpraktikum.
Am ersten Tag fährt die Mutter ihn dort hin.
Der Firmenchef bittet die beiden, noch kurz auf einen Kaffee Platz zu nehmen.
Dann erklärt er ein bisschen, wie die nächsten Tage ablaufen werden.
Der Junge hört aufmerksam zu.
Dann stehen alle auf und die Mutter verabschiedet sich.
Der Junge geht zum Chef, legt ihm die Hand auf den Arm und sagt:
„Ich mag Dich!“
Der Chef zögert kurz. Dann lächelt er und sagt:
„Ich mag Dich auch!“
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Montag, 17. Dezember 2018

Die Rollstuhl-Toilette

Bald ist es soweit: DAS MÄDCHEN wechselt auf die weiterführende Schule. Die Eltern haben sich schon lange erkundigt, welche denn in Frage kommt. Denn es ist klar, dass das Mädchen eine Rollstuhl-Toilette braucht.
Gut, dass in der Nähe vor ein paar Jahren eine barrierefreie Schule gebaut wurde. Bei der Anmeldung war der Rektor allerdings merkwürdig zurückhaltend und hatte die Familie aufs Schulamt verwiesen. Er könne letztlich gar nichts entscheiden.
Heute nun ruft der zuständige Schulrat endlich zurück. „Ich habe eine passende Schule gefunden“, sagt er freundlich, „die ist etwas weiter weg. Aber das ist ja kein Problem, denn Ihre Tochter hat ja zum Glück einen Anspruch auf Beförderung!“
Die Mutter ist irritiert. „Aber weshalb kann sie nicht auf die Schule hier im Viertel gehen?“, fragt sie, „dort gibt es doch eine Rollstuhl-Toilette, oder?“
„Im Prinzip ja…“. Der Schulrat druckst ein bisschen herum, „die Installationen sind in dem Raum schon alle vorhanden. Aber weil es dort noch nie einen Schüler im Rollstuhl gab, hat man die sanitären Anlagen gar nicht eingebaut, sondern den Raum als Kopierraum genutzt…“
„Ja, und…?“, fragt die Mutter.
„Und jetzt habe ich sehr lange mit dem Rektor gesprochen: Die Schule kann sich überhaupt nicht vorstellen, den Raum wieder herzugeben. Denn sie weiß dann einfach nicht, wo die Kopierer stehen sollen. Und eine Schule ohne Kopien – die können Sie sich doch sicherlich auch nicht vorstellen, oder?“
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Montag, 10. Dezember 2018

Beim Schwimmen

DER JUNGE ist in einer Schwimmgruppe. Die Mutter bringt ihn dorthin. Sich umziehen kann er ganz alleine. Weil sich aber die Schränke so schwer abschließen lassen, packt er seine Sachen immer in einem offenen Schrank direkt neben der Umkleidekabine.
Nun war eine lange Schwimmpause wegen der Ferien. Beim ersten Schwimmtag denkt die Mutter: Jetzt schau ich mal, ob das alles mit dem Umziehen noch klappt.
Als der Junge schon in der Halle ist, geht sie zur Umkleidekabine und sieht seine Schuhe dort noch stehen. Von den anderen Klamotten keine Spur. „Ich wusste es doch…“, denkt sie.
Sie geht zur Hallentür, ruft den Jungen zu sich und fragt: „Wo sind denn all Deine Sachen?“
„In 102“, sagt der Junge.
„Sicher?“, fragt die Mutter.
„Ja, sicher“, sagt der Junge, „in Schrank 102.“
Die Mutter geht wieder in den Umkleidebereich und sucht den Schrank 102. Er ist in der hintersten Ecke. Und ordentlich gefaltet liegen die Anziehsachen des Jungen darin.
Als das Schwimmen zu Ende ist, kommt ihr ein gut gelaunter Junge entgegen. Er hat alle seine Sachen wieder an, auch die Schuhe.
Sie nimmt ihn in den Arm und geht mit ihm zum Auto. Dabei schüttelt sie ein bisschen den Kopf. Über sich selbst.
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Montag, 3. Dezember 2018

Kindergärten

DER JUNGE wird bald drei Jahre alt. Die Mutter sucht für ihn einen Kindergartenplatz.
„Behinderte sind hier natürlich willkommen“, sagt die Leiterin einer immer wieder in den Medien gelobten inklusiven Einrichtung. Aber sie verweist auf die nötige Beantragung einer Integrationshilfe. Das könne lange dauern. Und 15 Stunden müssten schon mindestens bewilligt werden.
Willkommen sind Kinder mit Behinderung auch im Kinderladen eines Elternvereins. Allerdings werden dort wohl im nächsten Jahr nur Geschwisterkinder aufgenommen. Da hat der Junge Pech, denn er hat nur eine kleine Schwester.
Willkommen sind Kinder mit Behinderung auch in einem kirchlichen Kindergarten. „Allerdings“, sagt die Leiterin, „nehmen wir die grundsätzlich nur zur Probe auf. Wir wissen ja nie, wie das läuft. Ein Kind hat uns hier erst einmal das ganze Spielzeug zerlegt.“
Willkommen sind Kinder mit Behinderung auch in einem anderen Kindergarten. Drei Stunden pro Tag – das ist dort die Regel: „Die sind ja sonst auch schnell überfordert.“
Die Mutter ist jetzt ziemlich ratlos.
Nun bleibt ihr nur noch ein Kindergarten im Stadtteil.
„Kinder mit Behinderung sind hier willkommen!“, sagt die Leiterin. Die Mutter wartet, was jetzt noch kommt. Aber es kommt nichts mehr.
Die Mutter füllt die Anmeldeformulare aus und geht wieder nach draußen. Dann weint sie erst einmal sehr lange.
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Montag, 26. November 2018

Fußball-Cracks

Grillfest in der Klasse DES JUNGEN.
Die Mutter beobachtet ihren Sohn. Natürlich hat er wieder ein Fußball-Shirt an. Genau wie der Junge neben ihm. Andere Shirts ziehen beide selten an.
„Na, dein Sohn ist ja wohl ein richtiger Fußball-Crack“, spricht sie die Mutter des anderen Jungen an, „in welcher Mannschaft spielt er denn?“
Die andere Mutter lacht: „Ja, ein Crack wäre er gerne! Aber seine Fußball-Karriere war nur kurz. Er ist eigentlich immer nur an der Außenlinie auf- und abgelaufen. Ballkontakte: Null! Zweikämpfe um den Ball waren echt nicht sein Ding.“
Nun lacht auch die Mutter: „Bei meinem war das ähnlich: Er ist immer hinter den anderen her gelaufen und wollte ihnen gelbe und rote Karten zeigen. ‚Das war Foul‘, hat er immer gerufen. Damit hat er sich natürlich keine Freunde gemacht. Und wenn ein Ball kam,  ist er abgehauen. Ich hab‘ immer gedacht, das hätte was mit seiner Behinderung zu tun!“
„Wohl eher nicht“, sagt die andere Mutter lächelnd. Dann schaut sie zu den beiden Jungs und sagt: „Aber in den Trikots machen sie echt eine gute Figur!“
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Montag, 19. November 2018

Die Hauptsache

Die Familie fährt U-Bahn. Die Mutter steht mit DEM JUNGEN im Gang. Er ist noch ganz klein und liegt im Kinderwagen.

Seine beiden großen Brüder sitzen neben zwei älteren Damen. Die Damen unterhalten sich sehr nett mit ihnen.

Als sie aussteigen müssen, zeigt eine der Damen auf den Kinderwagen und sagt zur Mutter:

"Na, da haben Sie jetzt hoffentlich ein Mädchen drin!"

Die Mutter lacht. "Nein, auch einen Jungen! Das kann man sich ja nicht aussuchen!"

"Da haben Sie recht", sagt die Frau, "Hauptsache gesund!"

Dann schaut sie in den Kinderwagen. Dann sagt sie nichts mehr. Sie murmelt nur noch etwas.

Sie zieht die andere Dame mit sich, und beide steigen sehr schnell aus.
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Montag, 12. November 2018

Der Maßstab

DER JUNGE ist jetzt erwachsen. Neben der Suche nach einem Job gilt es jetzt, seine Freizeit zu organisieren.
Er hat viele Ideen.
Doch für diese Aktivitäten braucht er Assistenz.
Die Mutter spricht darüber mit dem zuständigen Sachbearbeiter beim Sozialamt.
„Er möchte zum Schwimmen und zum Klettern gehen“, trägt sie vor. „Und natürlich auch mal einfach so in die Stadt zum Eisessen oder Bummeln. Und am Wochenende zum Tanzen…“
„Na, ja“, sagt der Sachbearbeiter zögerlich, „das ist ja eine ganze Menge...“
„Das finde ich nicht“, antwortet die Mutter, „meine anderen Kinder sind auch mindestens dreimal die Woche nachmittags oder abends weg und wollen natürlich auch am Wochenende nicht zu Hause sitzen.“
„Die sind aber nicht der Maßstab!“, sagt der Sachbearbeiter bestimmt, „der Maßstab sind nicht die ganz normalen anderen Menschen. Der Maßstab sind die ganz normalen anderen Behinderten!“
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Montag, 5. November 2018

Im Fitness-Studio

DER JUNGE geht regelmäßig mit seinem Vater ins Fitness-Studio.
Als er heute an den Geräten trainiert, klopft es an die Glasscheibe: Draußen steht ein kleines Mädchen und winkt. Der Junge sieht, wie es mit seiner Mutter aufgeregt spricht und dann verschwindet.
Kurz darauf steht es im Studio. Es läuft auf den Jungen zu und umarmt ihn.
Die Mutter folgt ihm und sagt zum Vater: „Meine Tochter kennt Ihren Sohn aus der Schule. Sie hat immer ganz begeistert von ihm erzählt. Dass er so nett zu den kleineren Schülern ist. Seit er seinen Abschluss gemacht hat und nicht mehr da ist, vermisst sie ihn total!“
Das Mädchen kommt wieder zu seiner Mutter. Sie verabschieden sich und gehen zum Ausgang.
Der Junge wirft den beiden noch eine Kusshand zu.
Die Trainer, die das ganze beobachten, lachen.
„Normalerweise kommen die Damen hier nicht einfach so herein marschiert und sehen den Jungs beim Training zu“, sagt einer von ihnen, „vielleicht solltest du bei uns im Studio mal ein Flirt-Seminar anbieten!“
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Montag, 29. Oktober 2018

Universität

Naturwissenschaften mag DER JUNGE ganz besonders.
Vor allem Biologie und Physik, jetzt in der Abschlussklasse. Er macht alles begeistert mit, was er kann.
Deshalb freut er sich auch ganz besonders, als die Lehrerin eine Exkursion ankündigt: Zur Universität, in ein technisches Labor. An dieser Universität studiert auch der Bruder des Jungen.
Aufgeregt erzählt er zu Hause davon. „Vielleicht treff ich Dich da ja sogar!“, sagt er zu seinem Bruder. Aufgeregt macht er sich am Tag der Exkursion auf zur Schule.
Dort nimmt die Lehrerin ihn und seinen Schulbegleiter zur Seite und sagt: „Ihr beide bleibt heute hier und arbeitet am Wochenplan!“ Und zum Jungen gewandt: „Das an der Universität ist nix für Dich! Das verstehst Du eh nicht!“
Als der Junge mittags nach Hause kommt, fragt ihn die Mutter neugierig: „Und, Schatz, wie war’s?“
Der Junge schaut sie nur traurig an. Kein Wort sagt er.
Dann läuft er in sein Zimmer und schlägt die Tür hinter sich zu.
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Montag, 22. Oktober 2018

Fünf

„Hallo! Erinnern Sie sich noch an mich…?“
Natürlich erinnert sich die Mutter DES MÄDCHENS an den Jungen, der jetzt in der S-Bahn auf sie zukommt. Die Kinder waren früher in einer Klasse. Jetzt sind sie erwachsen.
Der junge Mann erzählt, dass er in der Werkstatt arbeitet. Aber da sei es total langweilig.
Die Mutter nickt. Der Junge war ihr früher schon immer als besonders neugierig und wissbegierig aufgefallen. Sie hatte sich oft gefragt, warum er eigentlich auf dieser Schule war…
„Aber ich arbeite jetzt immer einen Tag in der Woche in einem Café in der Stadt“, erzählt der junge Mann mit Stolz und Begeisterung in der Stimme. „Da darf ich bedienen und sogar kassieren!“
Ja, auch rechnen konnte er immer gut.
„Am liebsten wäre ich jeden Tag dort!“
„Ja, und warum können Sie nicht dorthin wechseln?“, fragt die Mutter.
„Die Chefs in der Werkstatt haben gesagt: Alle würden dort gerne arbeiten. Deshalb sind wir fünf, die sich abwechseln müssen. Jeder darf nur einen Tag.“
„Hm…“, sagt die Mutter nachdenklich.
„Und meine Mutter sagt auch“, ergänzt der junge Mann, „es wäre ja gemein, wenn ich da jemandem den Platz wegnehme!“
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Montag, 15. Oktober 2018

Das Video

Die Klasse DES JUNGEN besucht eine Lungenklinik. Alle Realschulklassen machen das einmal in ihrer Schulzeit. Als Aufklärung und Abschreckung gegen das Rauchen.
Ob der Junge wohl viel verstehen wird, fragt sich die Mutter? Die Ankündigung des Ausflugs war schon in ziemlich schwerer Sprache.
Doch als er zurückkommt, ist er ganz aufgeregt. Ein tolles Video hätten sie gesehen, sagt er. Das gebe es auch im Internet, er wolle es unbedingt noch einmal sehen.
„Ein Video – worüber denn?“, fragt die Mutter.
„Da war so ein langes Ding, und dann ein Bild, und alles konnte man ganz genau sehen“, erzählt der Junge, „wie eine Fahrt durch einen Tunnel!“
Die Mutter überlegt. Dann googelt sie gemeinsam mit dem Jungen. Lungenklinik – Untersuchungen – Filme…
„Da ist es!“, ruft der Junge. Es ist der Film über eine Bronchoskopie, eine Lungenspiegelung.
Der Junge ist begeistert! Dreimal sieht er den kurzen Film.
Am nächsten Tag trifft die Mutter eines der Mädchen aus der Klasse des Jungen.
„Und wie fandst Du es in der Klinik?“, fragt sie.
„Total langweilig“, stöhnt das Mädchen.
„Aber der Film war doch ganz spannend, oder?“
„Von dem hab ich kaum was mitbekommen“, sagt das Mädchen, „ich hatte ja zum Glück mein Handy dabei!“
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Montag, 8. Oktober 2018

Excel

DAS MÄDCHEN lernt an der Hauptschule in einer ausgelagerten Klasse der Sonderschule, gemeinsam mit drei Jungs und zwei anderen Mädchen. Sie sind in der Abschlussklasse.
 Ihre Lehrerin, die von der Sonderschule mitgekommen ist, legt viel Wert auf lebenspraktische Fähigkeiten. Sozusagen im Endspurt. Vor allem um diese Fähigkeiten dreht sich deshalb auch das Förderplangespräch mit der Mutter.
„Und dann möchte ich mit Ihnen noch im Zusammenhang mit der Sauberkeitserziehung über den Toilettengang sprechen“, sagt die Lehrerin ziemlich am Ende. Die Mutter nickt und antwortet: „Ja, das wollte ich auch schon ansprechen. Mir fällt auf, dass meine Tochter nie mehr in der Schule zum Klo geht. Das ist natürlich vor allem, wenn sie ihre Tage hat, nicht so günstig.“
„Das sehe ich auch so“, sagt die Lehrerin und beginnt zu erklären:
Die drei Mädchen haben, anders als die drei Jungs, in der Hauptschule eine extra Toilette. Draußen sind deren Fotos auf die Tür geklebt. Damit sie nicht aus Versehen mal auf die „normale“ Mädchen-Toilette gehen.
„Und drinnen“, erklärt die Lehrerin, „habe ich drei Excel-Tabellen an die Wand geklebt. Einen Menstruationskalender! Da trägt dann jedes Mädchen ein, wann und wie lange es seine Tage hat.“
Die Mutter ist sprachlos.
„Und meine Tochter…“, beginnt sie vorsichtig, „trägt sie da auch etwas ein?“
„Nein“, sagt die Lehrerin seufzend, „sie will nicht! Aber das kennen wir ja schon: Sie ist eben immer wieder sehr bockig!“
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Montag, 1. Oktober 2018

Hilfe

Die Grundschulzeit DES JUNGEN hatte gut begonnen: Mit der Lehrerin, die er in den ersten zwei Jahre hatte, kam er gut zurecht. Vieles fiel ihm schwer, doch die Lehrerin half ihm immer, wo es nötig war.
Die Lehrerin der 3. Klasse war anders. „Jetzt müssen wir richtig loslegen!“, hatte sie gleich zu Beginn gesagt. Und es dauerte nicht lange, da kam der Junge nicht mehr richtig mit.
Die Lehrerin hatte daraufhin seine Mutter in die Schule bestellt. „Wie Sie wissen, braucht Ihr Sohn überall viel Hilfe“, hatte sie gesagt, „da gibt es eine Schule, in der er viel besser gefördert wird. Eine Förderschule. Sie müssen sich das so vorstellen: Das ist eine Schule mit ganz viel Nachhilfe!“
Die Mutter fand das gut. Denn Nachhilfestunden konnte sie sich für den Jungen bislang nicht leisten. Sie hatte mal ein paar Institute angerufen, aber die waren viel zu teuer.
Also wurde die Umschulung beschlossen. Die Mutter musste dafür nur ein paar Formulare unterschreiben.
Nach einigen Monaten trifft die Mutter zufällig die Lehrerin, die der Junge in den ersten Klassen hatte. Sie erzählt von der neuen Schule. „Dadurch ist er viel besser gerüstet für den Übergang auf die Hauptschule“, sagt sie, „oder vielleicht schafft er es dann sogar auf die Realschule!“
Die Lehrerin schluckt. Zögernd sagt sie:
„Ihr Sohn kann nach der vierten Klasse gar nicht auf die Haupt- oder Realschule wechseln. Dazu muss das Schulamt erst wieder den Förderbedarf aufheben. Aber das wird schwer, weil die Anforderungen ja jetzt sehr viel geringer sind.“
„Das stimmt“, antwortet die Mutter, „ich habe mich schon gewundert: Keine Diktate mehr, keine kleinen Aufsätze, keine Hausaufgaben…“
„… deshalb gibt es an dieser Schule auch keine regulären Schulabschlüsse, sondern später nur ein Abgangszeugnis“, fährt die Lehrerin fort.
Die Mutter schüttelt den Kopf: „Aber wie will er damit eine Lehrstelle finden?“
Die Lehrerin schweigt einen Moment. Dann fragt sie: „Hat Ihnen das alles denn noch nie jemand erklärt?“
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Montag, 24. September 2018

Feedback

Die Schüler sollen ein Feedback geben.
Zum Religionsunterricht im vergangenen Schuljahr.
Die einen geben zu, dass ihnen oft langweilig war.
Manche beklagen die vielen Fremdwörter, die sie nicht kannten.
Einige schreiben auch von Streit, der aber geschlichtet werden konnte.
Hätte man die Mutter gefragt, dann wären ihr die vielen Arbeitsblätter eingefallen, die für DEN JUNGEN nicht differenziert, und damit viel zu schwer waren.
Die Mühe, die sie hatte, ihm zu erklären, warum die Juden nicht zu Jesus beten.
Und die armen Länder, die sie gemeinsam mit ihm auf dem Globus gesucht hat, damit er weiß, wo die besprochenen kirchlichen Projekte stattfinden. 
Der Junge hat auf seinen Feedback-Bogen nur einen Satz geschrieben:
„Alles war schön.“
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Montag, 17. September 2018

Noch eine Abschlussfeier

Abschlussfeier in der Hauptschule.
Auch DER JUNGE geht hier zur Schule, in eine Partnerklasse, die die Sonderschule hierhin ausgelagert hat.
Alle Schülerinnen und Schüler sitzen in der großen Aula und sind gespannt auf das Programm der Feier. Auch die Schüler mit Behinderung sitzen in einer Reihe. Alle sind festlich gekleidet und haben sich richtig schick gemacht. Auch die Eltern des Jungen sind heute hier.
Nach und nach werden alle Klassen auf die Bühne gerufen. Die Kinder erhalten ihre Abschlusszeugnisse. „Wann kommen denn die Schüler der Partnerklasse?“, fragt sich die Mutter des Jungen.
Dann singt der Chor. Der Schulleiter verabschiedet die Hauptschüler und zeichnet die Jahrgangsbesten aus. Die Schüler der Partnerklasse werden nicht erwähnt.
Die Mutter denkt: „Gleich platze ich! Ich geh nach vorne, schnapp mir das Mikrophon und sag was!“
Nur der warnende Blick ihres Mannes hält sie davon ab.
Dann ist die Feier zu ende.
„Komm, wir gehen jetzt wie besprochen schön essen“ sagt die Mutter zum Jungen und nimmt ihn in den Arm.
„Warum hast Du das denn nicht mit den Lehrern vorher besprochen?“, raunt der Vater ihr beim Rausgehen zu.
„Weil ich nie im Leben auf den Gedanken gekommen wäre, dass unsere Kinder heute überhaupt nicht berücksichtigt werden!“, raunt die Mutter zurück.
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Montag, 10. September 2018

Eine Abschlussfeier

Abschlussfeier in der Hauptschule mit der Klasse DES MÄDCHENS. Das Programm wird geplant.
„Ich will dort singen!“, sagt das Mädchen.
„Hmm“. Die Mutter hat Bedenken. Vielleicht könnte sie gemeinsam mit einigen Mädchen aus der Klasse singen. „Nein, alleine!“, sagt das Mädchen, „ich schaffe das!“
Ihre Gesangslehrerin wird angefragt, ob sie das Mädchen begleiten kann.
„Hmm“. Die Gesangslehrerin hat Bedenken. Was würde wohl ein missglückter Auftritt beim Mädchen auslösen? „Ich schaffe das“, sagt das Mädchen.
„Hmm“, sagen die Lehrerinnen und bestehen auf einer Generalprobe. Sie möchten sicher gehen, dass sich das Mädchen auch auf die Bühne traut, vor so vielen Menschen. Das Mädchen schafft die Probe gut.
Als es bei der Abschlussfeier ans Mikrophon geht und mit sicherer Stimme seinen Lieblings-Popsong anstimmt, springen die Klassenkameraden auf und schwenken die Rose, die sie bekommen haben, im Takt. Das Mädchen singt jetzt nicht nur. Es performt sein Lied.
Und als es zu Ende ist, gibt es vom ganzen Saal Standing Ovations.
Das Mädchen verbeugt sich viele Male und strahlt.
„Hmm“, denkt die Mutter, „vielleicht schaffe ich es ja beim nächsten Mal, ihr es gleich zuzutrauen!“
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Montag, 23. Juli 2018

Fieber

Englisch-Unterricht. Alle Kinder bereiten sich auf eine kleine Präsentation vor.
Auch DER JUNGE. Er bastelt ein Plakat, schreibt, was er kann und lernt gemeinsam mit seinem Schulbegleiter den Text von den Karteikarten.
Zu Hause sagt er zu seiner Mutter: „Ich habe Englisch-Fieber!“
Es dauert eine ganze Weile, bis klar wird, was er genau hat: Er hat Lampenfieber.
Auch seine Lehrerin spürt das.
Sie stellt eine kleine Gruppe aus sechs Schülern zusammen, die der Junge besonders mag.
Vor ihnen hat der Junge gestern seine Präsentation geübt.
Heute war er dann vor der ganzen Klasse dran.
„Ich hatte Angst“, sagt er zu Hause. Und er sagt auch: „Ich hatte viel Mut!“
Vom Schulbegleiter erfährt die Mutter, dass der Junge seine Präsentation fast ganz alleine gehalten hat.
„Und alle haben geklatscht“, erzählt der Junge. „Zweimal. Am Anfang und am Ende!“
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Montag, 16. Juli 2018

Ein Detail

DER JUNGE soll nach den Sommerferien an eine weiterführende Schule wechseln.
Es war gar nicht so einfach, überhaupt eine zu finden: Die Unterrichtsräume müssen mit dem Rollstuhl erreichbar und die Verbindung mit dem öffentlichen Nahverkehr muss wenigstens zu den Hauptverkehrszeiten barrierefrei sein. Gut, dass die Familie in der Stadt wohnt. Da gibt es wenigstens eine Schule, die diese Voraussetzungen erfüllt.
Die Mutter und auch der Junge hatten sich mehrmals mit dem Schulleiter getroffen, viele Gespräche geführt und alle Details geklärt. Der Schulleiter hatte viele Bedenken, die aber nach und nach ausgeräumt werden konnten.
Endlich weiß der Junge – viel später als seine Freunde und Klassenkameraden – wo er weiter zur Schule geht. Er ist sehr erleichtert.
Morgen ist nun endlich der vereinbarte Anmeldetermin. Am Abend zuvor klingelt das Telefon. Der Schulleiter ist dran:
"Ich muss Ihnen leider sagen, dass das mit der Anmeldung morgen nichts wird“, sagt er.
"Aber warum“, fragt die Mutter völlig überrascht, "es war doch schon alles besprochen!" 
"Wir haben ein sehr wichtiges Detail übersehen", erklärt der Schulleiter, "im Brandfall dürfen die Aufzüge nicht benutzt werden. Und wie kommt Ihr Sohn dann aus dem Gebäude?"
Da ist die Mutter auch zunächst einmal überfragt. "Aber wir können ihn doch morgen anmelden, und dann machen Sie einen Termin mit der Stadt, um diese Frage zu klären. In allen öffentlichen Gebäuden gibt es doch Rettungskonzepte…“, schlägt sie vor.
"Das geht natürlich nicht“, entgegnet der Schulleiter fast empört: "Sie denken da nur an Ihr eigenes Kind! Aber ich trage die Verantwortung für alle. Wenden Sie sich an die Feuerwehr, an den Bürgermeister oder eine übergeordnete Stelle im Ministerium. Und sobald Sie eine Lösung gefunden haben, melden Sie sich wieder bei mir. Dann können wir gerne noch einmal über die Aufnahme Ihres Sohnes sprechen!"
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Montag, 9. Juli 2018

Vier Reisen, Teil 2

auf besonderen Wunsch unserer LeserInnen heute unsere erste Fortsetzungsgeschichte überhaupt:
(Fortsetzung von https://kirstenmalzwei.blogspot.com/2018/06/vier-reisen.html) 

In vier Wochen steht das Ergebnis fest: Die meisten der Schüler wollen nach Barcelona, viele auch an die Côte d' Azur oder nach Dublin. Nach Berlin will nur eine Handvoll. Die Berlin-Reise wird gestrichen.
Als die verbindlichen Anmeldezettel ausgeteilt werden, wählt DER JUNGE die Reise an die Côte d' Azur.
Am nächsten Tag wird er zum Direktor gerufen. Dort sitzt bereits die Oberstufenleiterin. „Wir hatten das doch schon besprochen“, sagt sie streng, „du kannst diese Reisen nicht buchen!“
„Meine Eltern haben schon beim Amt nachgefragt“, sagt der Junge, „ich könnte auf die Reise auch eine Schulbegleitung mitnehmen!“
„Die kann dich ja schlecht die Stufen hochtragen“, erwidert die Lehrerin, „das Quartier, in das wir schon seit Jahren fahren, ist nicht barrierefrei.“
„Ein paar aus meinem Französisch-Kurs haben angeboten, mit anzupacken, wenn es nötig ist“, antwortet der Junge.
„Nein“, mischt sich jetzt der Direktor ein, „das geht nicht. Auch versicherungstechnisch nicht. Wir haben uns da erkundigt.“
„Wo denn…?“, fragt der Junge.
„Nun hören Sie doch endlich auf“, fällt ihm der Direktor ins Wort, „nur weil wir hier jetzt einmal einen Schüler im Rollstuhl haben, können wir nicht die ganze Schule umkrempeln. So schlimm ist es doch nicht, mal eine Woche zu Hause zu bleiben. Sie müssen auch mal Rücksicht auf uns nehmen! Inklusion ist ja schließlich keine Einbahnstraße.“

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Montag, 2. Juli 2018

Schon lange

DER JUNGE und sein bester Freund kennen sich schon lange.
Sie waren schon gemeinsam im integrativen Kindergarten.
Inzwischen sind sie in einer Klasse der weiterführenden Schule.
Dass nur einer von ihnen eine Behinderung hat, stört sie nicht.
Auch in der Freizeit unternehmen sie immer mal wieder etwas zusammen.
Beim Blättern in den Fotoalben stößt der Junge auf ein Kindergartengruppenbild, auf dem beide zu sehen sind. Es ist von 2008. Er überredet die Mutter, es einzuscannen und auszudrucken.
Am nächsten Tag nimmt er es mit in die Schule und schenkt es seinem Freund.
Der schaut es lange an. Dann lacht er:
„Schau mal, wie klein wir da noch waren! Und wie blond!“
Beides sind sie jetzt nicht mehr.
Dann geht er mit dem Jungen zusammen ins Klassenzimmer. Er legt ihm den Arm um die Schulter und sagt: „Dieses Jahr haben wir beide Zehnjähriges!“
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Montag, 25. Juni 2018

Die Ausstellung

DAS MÄDCHEN malt und zeichnet schon, seit es klein ist. Auch zwei seiner Freunde tun das. Die Mutter möchte deshalb aus den Bildern eine Ausstellung machen und öffentlich präsentieren.
Sie hängt sich ans Telefon, um Ausstellungsorte zu finden.
„Nein“, sagt die Verantwortliche einer großen Stadtbücherei“, wir sind hier ein so begehrter Ausstellungsort. Mit Kinderkunst und Behinderten können wir uns da nicht abgeben!“
Die Mutter versucht es weiter.
Auch bei einer Stadtverwaltung hat man Bedenken: „Es geht Ihnen ja nur darum, für Inklusion zu werben…“, sagt die Zuständige zweifelnd, „die Behinderten können doch gar nicht zeichnen, oder?“
Ein weiterer Versuch. Die Mutter bietet diesmal an, dass die drei Künstler bei einer Vernissage den Besuchern auch selbst ihre Werke zeigen und erklären können. Der Kurator stockt: „Wie? Ich dachte, zwei sind auch geistig behindert. Die können SPRECHEN…?“
Doch die Mutter gibt nicht auf und findet am Ende sogar mehrere Rathäuser, in denen die Ausstellung gezeigt wird. Sie ist ein großer Erfolg.
Die jungen Künstler sind stolz und glücklich.
Und die Mutter ist es auch.
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Montag, 18. Juni 2018

Vier Reisen

DER JUNGE ist erst vor kurzem aus einem anderen Bundesland zugezogen. Das Gymnasium hatte ihn wegen seines Rollstuhls nur widerwillig aufgenommen – obwohl dem Jungen das Lernen leicht fällt und er dabei ist, ein sehr gutes Abitur zu machen.
Doch jetzt geht es erst einmal um die Planungen für die Abiturfahrt: Kultur, Shopping und Clubs in verschiedenen europäischen Metropolen steht jedes Jahr auf dem Programm. Auch für diesen Jahrgang. „Wir haben wieder ganz tolle Reiseziele gefunden!“ Stolz präsentiert die Leiterin der Oberstufe sie an einem Informationsabend: "Côte d' Azur mit Cannes, Nizza, und Monaco" - "Berühmte Bauten und das Nachtleben in Barcelona" oder:"Dublin zwischen Guinness und Klippen".
„Ach ja“, ergänzt sie dann, „wie ihr wisst, müssen wir diesmal auch eine barrierefreie Reise anbieten. Das kann natürlich keine Flugreise ins Ausland sein. Daher ist die vierte Möglichkeit: Berlin mit Reichstag und deutschem Theater.“
Und dann erklärt sie den weiteren Ablauf:
"Bis in vier Wochen müsst ihr euren Reisewunschzettel ausgefüllt abgeben. Die drei Reisen, die die meisten Stimmen bekommen haben, könnt ihr dann anschließend verbindlich buchen. Viel Spaß beim Aussuchen!"
Dann geht sie schnell zum Jungen und sagt zu ihm: „Das hast du verstanden, oder? Du brauchst natürlich keinen Zettel auszufüllen!“
„Das verstehe ich nicht“, sagt der Junge, „warum gehen denn Flugreisen nicht? Ich war sogar schon in Amerika!“
„Nein“, sagt die Lehrerin bestimmt, „das haben wir alles schon im Team besprochen. Wir können fürs Ausland unmöglich alles vorher abklären. Wie willst du denn hochkommen, wenn da irgendwo plötzlich Treppen sind? Falls die barrierefreie Reise zustande kommt, kannst du die dann ja buchen!“

Montag, 11. Juni 2018

Der Ausritt

DAS MÄDCHEN reitet für sein Leben gern.
„Die Pferde tun ihr gut!“, sagt die Reitlehrerin zur Mutter.
Bei der Reiterfreizeit machen die Kinder täglich Ausritte in Kleingruppen.
Eines der Pferde ist dabei nicht sehr beliebt: Es hält immer wieder an, um zu fressen. Die ungeübten Kinderreiter haben dann das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren. Darum wird es nur von geübten Reitern oder der Reitlehrerin selbst geritten. Oder es muss im Stall bleiben.
Aber das Mädchen möchte dieses Pferd unbedingt reiten. Heute bettelt es so lange, bis die Reitlehrerin nachgibt. Die Reitlehrerin wollte heute ohnehin nicht mitreiten, sondern nebendran laufen und denkt, das klappt dann schon.
Als die Gruppe zurückkommt, hat das Pferd mit dem Mädchen auf dem Rücken kein einziges Mal gefressen oder gebockt.
„Ich muss da noch etwas ergänzen“, sagt die Reitlehrerin zur Mutter: „Die Pferde tun nicht nur dem Mädchen gut, sondern auch umgekehrt: Das Mädchen tut auch den Pferden gut!“

Montag, 4. Juni 2018

Fähig

DER JUNGE ist in der achten Klasse. Seit Beginn des Schuljahres ist eine neue Lehrerin an die Schule gekommen. Sie macht einen frischen und engagierten Eindruck.
Auch die Mutter freut sich. In seinem letzten Schuljahr soll der Junge noch einiges für seinen weiteren Lebensweg lernen und mitnehmen.
Doch nach ein paar Wochen beginnt sie sich zu wundern. Der Junge bekommt recht wenig Aufgaben. Und wenn er Arbeitsblätter bekommt, sind es immer Wiederholungen. Oft wird er auch mit anderen Aufgaben betraut: Er soll Muster abmalen oder ausschneiden, die Tafel abwischen oder er darf sich auf dem Schulhof austoben. Dort ist dann sein Schulbegleiter bei ihm. Im Unterricht hat der auch nicht mehr wirklich etwas zu tun.
Die Mutter vereinbart einen Termin mit der Lehrerin und spricht es an.
„Das haben Sie alles richtig beobachtet“, sagt die Sonderpädagogin, „und das hat auch seinen guten Grund. Der Kollege, der vor mir hier in der Klasse war, hat mit mir ja ein ausführliches Übergabegespräch geführt und es mir auch noch einmal schriftlich gegeben: „Die Grenze der Förderfähigkeit des Jungen ist erreicht!“
Die Geschichte vorgelesen ...

Montag, 28. Mai 2018

Außen


DER JUNGE soll eingeschult werden. Aber wo?
Die Mutter möchte, dass er an einer normalen Grundschule lernt. Vielleicht in einer ausgelagerten Sonderschulklasse? Die fünf Kinder bringen ihren eigenen Sonderpädagogen mit und lernen in Kooperation mit einer Grundschulklasse.
Sehen ist besser als nur davon hören, denkt sich die Mutter und macht einen Hospitationstermin in einer solchen Klasse aus.
Als sie wie verabredet um 8:30 Uhr kommt, fahren die Kinder mit Behinderung gerade mit dem Bus vor. Die Grundschulkinder lesen. Sie sind schon um 7:45 Uhr gekommen.
Die Kinder der „Außenklasse“ gehen in ihr eigenes Klassenzimmer, das neben dem der Grundschüler liegt. Sie frühstücken jetzt erst einmal. Dann holen sie ihre Arbeitsmaterialien heraus und arbeiten an ihren Förderplänen.
In der dritten Stunde gehen sie in das andere Klassenzimmer. Dort steht jetzt Religion auf dem Lehrplan – neben Sport das einzige Fach mit „gemeinsamem Unterricht“. Die Kinder mit Behinderung malen ein Bild, während die Religionslehrerin mit der Grundschulklasse über christliche Feste spricht.
Die Mutter ist ein bisschen irritiert. Die Sonderpädagogin beruhigt sie: Das sei ganz normal, schließlich sei man schon in der 4. Klasse und jetzt werde es für die Grundschüler ja bald „ernst“. Und bei den Leistungen müsse man bedenken: „Die Schere geht immer mehr auf.“
Jetzt ist erst einmal Mittagspause. Die Mutter steht auf und will in die Mensa gehen. Doch die Sonderpädagogin hält sie zurück: „Wir essen immer hier im Klassenzimmer. Die Mensa ist zu groß und laut. Da haben wir auch nicht alle Platz. Hier ist es doch viel gemütlicher!“
Die Mutter möchte nicht mehr länger bleiben. Bevor sie geht, nimmt die Sonderpädagogin sie noch einmal zur Seite: „Sie sehen nicht so begeistert aus“, sagt sie, „aber glauben Sie mir: Gerade die mongoloiden Kinder profitieren von dieser Klasse immer ganz besonders!“
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Montag, 21. Mai 2018

Ruhe

DAS MÄDCHEN arbeitet an drei Nachmittagen im Altenheim.
„Arbeit kann man das ja nicht gerade nennen“, hatte die Dame vom Arbeitsamt gemurmelt. Die Mutter kennt natürlich die Einschränkungen ihrer Tochter. Trotzdem hat sie ihr dies ermöglicht.
Das Mädchen sitzt in seinem Rollstuhl im Aufenthaltsraum zwischen vielen alten Damen. Einige drücken ihm immer mal wieder die Hand. Eine Dame zeigt dem Mädchen ein Fotoalbum aus ihrer Jugend. Das tut sie jede Woche. Wer das Mädchen gut kennt, sieht, dass es auf manche Fotos besonders reagiert. Gerne bauen die Damen kleine Türme oder Figuren aus Holzklötzen. Das Mädchen hilft dabei ein bisschen, so gut es geht. Viel besser kann es allerdings die Türme zum Einsturz bringen. Das ist dann immer ein großes Hallo.
Auch beim Singkreis ist das Mädchen mit dabei. Selbst singen kann es nicht. Dafür singen die Damen rechts und links besonders laut und deutlich.
Letzte Woche war das Mädchen allerdings krank. Erst heute kann es wieder ins Altenheim kommen. Die Leiterin empfängt das Mädchen und seine Mutter schon im Eingang: „Gott sei Dank sind Sie wieder da“, sagt sie, „Sie glauben nicht, was in der Woche hier los war. Alle haben gefragt, wann Sie denn endlich kommen. Und eine Unruhe war das – nicht auszuhalten!“
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Montag, 14. Mai 2018

So hübsch

Die Mutter hat sich heute kurz mit der Sonderpädagogin verabredet. Es geht um DAS MÄDCHEN, das inzwischen in der 8. Klasse ist.
In diesem Schuljahr sollte besonders das Rechnen im Hunderterraum und das Lesen kurzer Texte geübt werden. So war es vereinbart. Doch egal ob Wochenplan oder Hausaufgaben - die Mutter findet diese Übungsthemen nur sehr selten. Stattdessen gibt es immer wieder Aktivitäten, für die die Kinder mit Behinderung aus der Klasse herausgenommen werden: Für gemeinsames Kochen, Lerngänge in Zoo oder Kindermuseum oder die Proben für ein Veeh-Harfen-Musikprojekt gemeinsam mit der Sonderschule. Wenn die Mutter zuhause mit dem Mädchen üben will, schimpft es, es hätte doch schon den ganzen Tag Schule gehabt.
Das spricht die Mutter jetzt an: „Meine Tochter ist 14 Jahre alt, so viel Zeit bleibt ihr nicht mehr in der Schule, um Lesen, Schreiben und Rechnen im Rahmen ihrer Möglichkeiten zu lernen!“
Die Lehrerin beschwichtigt. Die Zusatzangebote hätten sich in der Tat in der letzten Zeit ein wenig gehäuft. Aber man müsse den Schülern mit Behinderung eben auch immer mal wieder eine Auszeit ohne Leistungsanforderungen gönnen.
Und sie klingt enttäuscht, als sie sagt: „Und ich dachte, Sie wollten mich heute sprechen, um sich zu bedanken! Ich hatte eine so aufwendige Batik-Arbeit zum Muttertag gestaltet. Wir haben so viele Stunden daran gearbeitet. Und Ihre Tochter hat Ihnen so ein hübsches Geschenk gemacht!“

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Montag, 7. Mai 2018

Reden

Förderplangespräch an der Schule DES MÄDCHENS.
Die Mutter geht nicht gerne zu diesen Gesprächen. Denn da wird immer sehr ausführlich besprochen, was ihre Tochter nicht kann und was nicht gut läuft. Manchmal kamen ihr bei diesen Gesprächen deshalb die Tränen.
Ihre Tochter war noch nie bei diesen Gesprächen dabei. Diesmal haben die Lehrerinnen sie aber mit eingeladen. Schließlich sei sie langsam alt genug dafür.
Das Mädchen sitzt also mit am Tisch und malt. Immer mal wieder beziehen die Lehrerinnen es mit ein. Hauptsächlich aber sprechen sie mit der Mutter.
Irgendwann schaut das Mädchen von seiner Zeichnung auf, wartet, bis keiner mehr spricht, und sagt zu den Lehrerinnen: „Nicht so viel reden über das Mädchen. Mama weint sonst!“
Nun kommen der Mutter schon wieder die Tränen. Aber nicht wegen der Förderplanung, sondern weil sie so gerührt ist und denkt: „Nun ist sie als geistig behindert eingestuft – und hat doch so viel vom Leben verstanden!“
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Montag, 30. April 2018

Kümmern

Der JUNGE wird an die weiterführende Schule zu wechseln. Heute trifft sich die Mutter mit dem Schulleiter, der zukünftigen Klassenlehrerin und der Inklusionsbeauftragten der Schule. Es wird besprochen, welche Maßnahmen und besonderen Vorkehrungen getroffen werden müssen. Um die hatte die Mutter an der Grundschule sehr kämpfen müssen.
Der Schulleiter beginnt: „Sie hatten ja bereits im Vorgespräch angeführt,“ sagt er zur Mutter, „dass sich Ihr Sohn ab und zu auf einer Liege ausruhen muss. Wir haben überlegt, dass wir das hintere Zimmer der Bibliothek dafür nutzen könnten.“ Die Mutter nickt. Eine einfache Liege reicht.
„Und zur Turnhalle führen zwei Stufen hoch“, fährt der Schulleiter fort, „das ist natürlich nicht günstig. Da würde eine kleine Rampe den geringen Höhenunterschied ausgleichen.“
„Das ist alles sehr gut,“ fasst die Mutter zusammen, „dann habe ich also Ihre Zustimmung, eine Liege im Bibliotheksraum aufzustellen und mich zu erkundigen, wie wir am besten eine Rampe installieren lassen können… ?“
„Nein“, sagt die Inklusionsbeauftragte lächelnd, „darum kümmere ich mich natürlich. Das ist doch mein Job!“
Die Mutter ist verblüfft: „Und ich muss gar nichts tun?“, fragt sie ungläubig.
Nun lächelt auch der Schulleiter: „Oh doch,“ antwortet er, „Sie unterstützen Ihren Sohn beim Lernen zu Hause, wo immer er das braucht. Das ist doch schon genug Arbeit, oder?“
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Montag, 23. April 2018

Gar nicht

DAS MÄDCHEN fährt mit der Straßenbahn zur Schule. Die Schulbegleiterin fährt mit. Sie sitzt immer schon in der Bahn, wenn das Mädchen einsteigt.
Heute aber sitzt die Schulbegleiterin nicht drin. Sie hat die Bahn verpasst.
Also fährt das Mädchen ganz alleine in die Schule. Es geht auch alleine in die Klasse und begrüßt fröhlich seine Lehrerin und die anderen Kinder.
In der Pause ruft die Lehrerin die Mutter an:
Auf keinen Fall dürfe das Mädchen das Schulgebäude alleine betreten!
„Gar nicht?“, fragt die Mutter.
„Gar nicht!“, betont die Lehrerin.
Die Mutter seufzt.
Mittags kommt das Mädchen aufgeregt nach Hause. Stolz und glücklich erzählt es, dass es ganz alleine zur Schule gefahren ist.
„Ich jetzt immer alleine fahren!“, sagt es bestimmt.
Die Mutter seufzt und nimmt das Telefon.
Sie muss jetzt versuchen, mit der Schulbegleitung zu vereinbaren, dass sie das Mädchen immer erst direkt vor dem Schulgebäude trifft.
Und zwar so sicher, dass das nicht schiefgehen kann.
Und zwar gar nicht.


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Montag, 16. April 2018

Die Katastrophe

DER JUNGE geht in die erste Klasse der örtlichen Grundschule.
Seine Kindergartenzeit war schwierig. Wenn es stressig wurde, hatte er immer mal wieder Spielsachen auf den Boden geworfen oder ein anderes Kind gehauen.
Das steht alles in seiner Akte.
Die haben die Lehrer, der Sonderpädagoge und die Rektorin natürlich gelesen.
Am ersten Schultag weist die Klassenlehrerin die Schulbegleitung an: „Bitte halten Sie sich nie weiter als eine Armlänge vom Jungen entfernt.“
Dem Jungen fällt es schwer, Kontakt zu seinen Mitschülern zu bekommen. Nur bei Bewegung und Spiel lässt er sich auf gemeinsame Aktionen ein. Sport ist sein Lieblingsfach.
Doch der Sonderpädagoge sieht gerade den Sportunterricht kritisch. Zu unstrukturiert, zu unübersichtlich – Gift für ein Kind mit der Diagnose des Jungen.
Deshalb werden die Einzelförderstunden des Jungen auf die Zeiten des Sportunterrichts gelegt. Und auch sonst nimmt der Sonderpädagoge ihn so oft wie möglich aus der Klasse heraus.
Der Junge mag das nicht. Als der Sonderpädagoge ihn im Musiksaal auffordert, mit ihm  zu kommen, reagiert er nicht. Als der ihn am Arm ziehen will, schubst er ihn weg. Der Sonderpädagoge stolpert gegen ein Xylophon. Klangstäbe und Schlägel purzeln auf den Boden. Einige Kinder springen erschrocken auf.
Am nächsten Tag müssen die Eltern zur Rektorin kommen. „Eine Katastrophe“ sei das mit dem Jungen, sagt sie. Die Musiklehrerin weigere sich, ihn weiter zu unterrichten. Und auch andere Lehrer hätten nach dem Vorfall gestern schwere Bedenken.
„Ich habe schon mit dem Schulamt gesprochen“, sagt sie abschließend, „wir haben wirklich alles probiert. Aber so macht Inklusion keinen Sinn! Alles andere als die Sonderschule kommt für Ihren Sohn pädagogisch überhaupt nicht in Frage!“
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Montag, 9. April 2018

Die Präsentation

Gruppenarbeit in Biologie.
Immer zwei Kinder arbeiten zusammen.
Es geht um Ernährung.
DER JUNGE ist mit einem Mädchen, das er sehr mag, ein Team.
Das Mädchen lernt auf einem anderen Niveau als er.
Denn anders als er wird es später einen mittleren Schulabschluss machen.
Der Junge ist laut sonderpädagogischem Gutachten „geistig behindert“.
Sie teilen sich die Arbeit auf und bereiten eine Präsentation vor.
Die sollen sie in der nächsten Woche der Klasse vorstellen.
Doch in der nächsten Woche ist der Junge krank. Richtig krank.
„Oh, nein“, sagt er, „dann kann ich ja gar nicht zu Bio!“
Schnell schickt er dem Mädchen eine Whatsapp-Sprachnachricht.
„Oh, nein“, schreibt es zurück, „dann muss ich ja die Präsentation ganz alleine machen!
Aber ich schaff das schon! Ich werde versuchen, eine gute Note für uns rauszuholen!“
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Montag, 2. April 2018

Gleich

Die Mutter des JUNGEN trifft ein bekanntes Elternpaar. Deren Tochter ist so alt wie der Junge und hat die gleiche Diagnose.
Sie besucht eine Sonderschule. Ihre Mutter fragt nach, ob denn der Junge an der allgemeinen Schule überhaupt  genug gefördert werde.
Die Mutter des Jungen berichtet vom detaillierten Förderplan und von den Fortschritten beim Lesen. Die andere Mutter stellt viele Fragen. Schließlich möchte sie wissen: "Da sind ja viel mehr Mitschüler ohne Behinderung als welche mit Behinderung. Vermisst dein Junge da nicht Gleichgesinnte?"
In der Klasse des Jungen gibt es tatsächlich nur noch zwei weitere Mitschüler mit Förderbedarf.
Die Mutter überlegt:
Eine ganze Reihe der Mitschüler hat genau wie ihr Sohn alle Teile von „Star Wars“ schon mehrmals gesehen.
In der Klasse teilen viele Jugendliche und auch der Klassenlehrer die Begeisterung des Jungen für den örtlichen Fußballverein. 
Fast alle Mitschüler schauen jeden Samstag „Deutschland sucht den Superstar“, schon die Xte Staffel.
Und genau wie alle anderen aus seiner Klasse lässt der Junge in der Mensa den Gemüseauflauf stehen und entscheidet sich lieber für Spagetti mit Tomatensoße.
Die Mutter des Jungen lächelt ihre Bekannte an und sagt:
"Nein, wir sind sicher, dass unser Sohn in der Schule mitten unter Gleichgesinnten ist!"


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Montag, 26. März 2018

Sehen

DAS MÄDCHEN ist körperlich stark behindert.
Und es trägt eine Brille wegen Kurzsichtigkeit.
In der örtlichen Grundschule kommt es einigermaßen zurecht. Eine Sonderpädagogin unterstützt es und ein anderes Kind.
Doch es fällt dem Mädchen immer schwerer, von der Tafel abzuschreiben oder abzumalen.
Die Mutter bekommt mit, dass die Lehrerinnen etwas von „vielleicht doch geistig behindert“ tuscheln.
Was ist denn bloß los? Aus dem Mädchen selbst nicht so recht etwas herauszubekommen.
Routinemäßig geht es wieder einmal zum Augenarzt. Als der Arzt seiner Sprechstundenhilfe die Werte diktiert, horcht die Mutter auf. Sehfähigkeit bei nur 2 Prozent?
Sie fragt nach. „Ja, ungefähr 2 Prozent“, bestätigt der Arzt.
„Können Sie mir die Werte auf einem Attest bestätigen?“, bittet die Mutter.
Denn jetzt ist ihr klar, dass ihre Tochter auch Unterstützung durch eine Lehrkraft braucht, die sich mit Sehbehinderungen auskennt.
Der Arzt schaut sie verständnislos an: „Was wollen Sie denn mit den Werten? Bei so einer schweren Körperbehinderung kommt es doch auf das Sehvermögen sowieso nicht mehr an!“
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Mittwoch, 21. März 2018

Rechnen

(zum Welt-Down-Syndrom-Tag)

DER JUNGE lernt rechnen.
In der Grundschule wurde zuerst mit roten und blauen Holzplättchen addiert.
Der Junge mochte aber keine Farben und hatte immer alles in grau in sein Heft gemalt. Verstanden hatte er es auf diese Art nicht wirklich.
Später rechnete er dann mit dem Abakus. Das ging ganz gut. Bis zehn konnte er auch ziemlich sicher mit den Fingern rechnen.
Die Mutter hatte den Lehrern einmal das „Yes-we-can“-Material vorgeschlagen. „Das haben wir uns schon angeschaut“, sagten diese, „aber das fanden wir nicht so toll.“
Jetzt, an der weiterführenden Schule hat er eine Lehrerin aus einem anderen Bundesland. An ihrer alten Schule wurde ganz spezielles Rechenmaterial entwickelt. Das möchte sie jetzt auch mit dem Jungen machen. Der Abakus verschwindet im Schrank. Doch nach einem Schuljahr lässt sie sich an eine andere Schule versetzen.
Die nächste Mathelehrerin ist ein großer Fan von Montessori-Material. Sie schafft erst einmal Rechenperlen an. Doch mit denen spielt der Junge lieber als er rechnet.
Gut, dass bald schon wieder ein neuer Sonderpädagoge kommt. Bei ihm wird grundsätzlich mit dem Zahlenstrahl gerechnet. Fingerrechnen ist verpönt. Der Junge bekommt nur dann ein Lob, wenn er ohne Finger gerechnet hat. Leider versteht der Junge nicht, dass er bei „Minus“ auf dem Strahl in die andere Richtung rücken muss. Mit den Fingern hatte das immer gut geklappt. Doch als die Mutter es mit ihm zu Hause so machen will, schüttelt er den Kopf: „Keine Finger!“, sagt er streng.
Die Mutter gibt schließlich auf, setzt sich aufs Sofa und blättert in einer Fachzeitschrift. Dort fällt ihr Blick auf einen Artikel, in dem ein Experte zitiert wird. Er sagt: „Die meisten Kinder mit Down-Syndrom sind in Mathematik eben doch sehr sehr schwach“. 
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Montag, 19. März 2018

Der Job

DAS MÄDCHEN hat einen Job. Einen richtigen festen bezahlten Job auf dem ersten Arbeitsmarkt. Es arbeitet in einem Altenheim.
Der Weg dahin war weit, auch für die Mutter des Mädchens:
Praktikumsplätze suchen.
Das Mädchen stärken und motivieren.
Immer wieder kleine und große Probleme lösen.
Einen Coach finden.
Rückschläge aushalten.
Umwege gehen.
Viele Anträge stellen.
Und an vielen Runden Tischen sitzen.
Doch nun ist es geschafft.
Bei der Weihnachtsfeier des Altenheims trifft sie die Leiterin.
„Ich wollte mich noch einmal ganz herzlich bei Ihnen bedanken!“, sagt die Mutter.
Die Leiterin sieht sie irritiert an:
„Wofür? Ich muss mich bei Ihnen bedanken, dass Sie so eine fantastische Mitarbeiterin zu uns gebracht haben!“
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Montag, 12. März 2018

Eine Frage

Die Mutter DES MÄDCHENS ist ziemlich durcheinander.
„Du, es ist mir ja ein bisschen peinlich, aber: Ich muss dich mal was fragen…“ Am Telefon ist ihre Freundin, die Anwältin.
Und dann holt sie erst einmal etwas aus: Seit Wochen streiten sich die Eltern mit der Schule über die Förderung des Mädchens.
Sie möchten, dass es lesen und schreiben lernt.
Immer, wenn sie zu Hause mit ihm lernen, zeigt es, dass es das kann. Auch wenn alles sehr langsam voran geht.
Die Schule möchte die „lebenspraktischen Fähigkeiten“ fördern:
Das Mädchen bastelt und schneidet aus. Es malt ein Bild nach dem anderen. Und wenn die anderen lesen, geht die Schulbegleitung mit ihm in die Schulküche, sortiert die Besteckkästen und legt die Handtücher zusammen. 
Die Eltern möchten mehr. Die Lehrer sagen, in die schulische Förderung dürften sie sich nicht einmischen. Bei dem Wort „Erziehungspartnerschaft“ hatte die Lehrerin die Augenbrauen hoch gezogen.
Nun soll morgen ein weiteres Gespräch stattfinden. Mit dabei ist auch ein Vertreter des Schulamtes.
„Und da muss ich jetzt einfach mal fragen“, sagt die Mutter, „ob das eigentlich irgendwo steht, dass unsere Tochter auch das Recht hat, lesen und schreiben zu lernen? Im Schulgesetz oder so?“
Die Freundin schweigt einen Moment und sagt dann:
„Alle Kinder dürfen das lernen! Das ist ein Menschenrecht!“
Jetzt schweigt die Mutter. Dann sagt sie leise:
„Sorry, aber manchmal macht mich das hier alles ganz irre!“
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Montag, 5. März 2018

Danke

DAS MÄDCHEN hat einen Platz an der allgemeinen Schule bekommen.
In der einzigen „Inklusionsklasse“.
Gemeinsam mit anderen Kindern mit Behinderung.
Die Schule hat damit bereits Erfahrung.
Heute ist der erste Elternabend.
Die Lehrerinnen stellen das Konzept vor.
Am Ende meldet sich der Vater eines Jungen.
„Ich wollte noch einmal sagen“, beginnt er vorsichtig, „dass ich wirklich sehr dankbar dafür bin, dass mein kranker Sohn hier jetzt gemeinsam mit Ihren Kindern lernt.“
Die anderen Eltern schweigen ein bisschen verlegen.
Als der Elternabend zu Ende ist und sich alle verabschieden, spricht die Lehrerin den Vater noch einmal an:
„Das haben Sie vorhin wirklich schön gesagt!“ sagt sie zu ihm und legt ihm behutsam die Hand auf die Schulter,
„die Eltern, die vor Ihnen ihre behinderten Kinder hier hatten, haben immer nur gefordert. Das und das und das muss sich in der Inklusion verändern. Da tut es so gut, wenn jemand einfach mal nur dankbar ist, dass sein Kind hier sein darf!“
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Montag, 26. Februar 2018

Träume

Die Mutter DES MÄDCHENS bekommt Besuch von einer Freundin. Gemeinsam trinken sie Kaffee: Die Mutter, die Freundin, das Mädchen im E-Rolli, und ihre nicht behinderte Schwester.
Die Freundin fragt das Mädchen, wie denn ihr Schnupper-Praktikum im Baumarkt war. Und das Mädchen fängt an zu schwärmen: Von den vielen wundervollen Pflanzen in der Gartenabteilung, den tollen Kollegen, netten Kunden und dem super Chef, der ihr sogar eine Liege zum Ausruhen organisiert hatte, weil sie wegen der starken Schmerzen nur immer kurze Zeit in ihrem Rollstuhl sitzen kann. 
„Ich finde das sowieso den idealen Job für dich“, plappert ihre Schwester fröhlich drauf los: „Du begrüßt die Kunden am Eingang und suchst ihnen eine Pflanze aus, die zu ihnen passt!“ Die Mädchen kichern. „Aber sie dürfen dann doch noch kaufen, was sie eigentlich wollen…“, ergänzt das Mädchen. Ihre Schwester nickt: „Ja, und du saust mit deinem Rolli dann so schnell zum richtigen Regal, dass nur noch die Sportlichsten hinterherkommen!“ Wieder Gekicher.
Doch plötzlich wird das Mädchen ernst: „Ich weiß, dass das Quatsch ist. Ich weiß, dass ich für alle nur eine große Belastung bin. Ich kann das  Leben, das alle anderen führen, nicht mitmachen. Aber im Baumarkt war es einfach so schön, weil ich wenigstens den anderen beim ganz normalen Leben zuschauen durfte.“
Die Mutter springt vom Tisch auf und rennt hinaus. Die Freundin folgt ihr und findet sie weinend in der Küche. Sie nimmt die Mutter in den Arm. „Es ist doch nur so ein kleiner, ein so bescheidener Traum“, schluchzt die Mutter, „aber niemand, wirklich niemand, wird sie dabei unterstützen, dass er wahr wird!“
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Montag, 19. Februar 2018

Die Buchvorstellung

Buchvorstellung in der Klasse DES JUNGEN. Alle haben irgendein Buch gelesen und stellen es der Klasse vor. Wie immer sind die Eltern dazu eingeladen.
Die Mutter erinnert sich noch gerne an die Buchvorstellung im vergangenen Jahr. Da konnte der Junge noch gar nicht lesen und auch noch nicht viel sprechen. Damals hatte er gemeinsam mit seiner Schulbegleiterin ein Puppenspiel zum Buch aufgeführt. Er musste eine Puppe spielen und ein paar einfache Sätze sagen. Am Ende war er megastolz.
Heute stellt er sein Erstleser-Buch ganz alleine vor.
Alle Kinder hören aufmerksam zu.
Anschließend gibt es viel Lob. Zum Beispiel wird dafür gelobt, dass er sich sehr bemüht hat, alles deutlich auszusprechen.
Der Junge nickt.
Die Mutter lächelt und freut sich.
Es gibt auch Kritik. Ein Mädchen meldet sich und sagt: „Du kannst ruhig mehr Pausen lassen, wenn du etwas vorliest.“
Der Junge nickt wieder.
Und die Mutter lächelt und freut sich.

Montag, 12. Februar 2018

Beförderung

Elternversammlung im Kindergarten einer Elterninitiative. Die Mutter DES JUNGEN ist dort besonders engagiert. Sie trägt sich regelmäßig zu den Kochdiensten ein und arbeitet in der Finanzgruppe des Fördervereins mit. Das ist viel Arbeit, aber auch nett.
Der Junge fühlt sich sehr wohl im Kindergarten. Er versteht sich gut mit den anderen Kindern und hat viele Freunde gefunden. Es war gar nicht so einfach gewesen, einen barrierefreien  Kindergarten zu finden, der dann auch noch bereit war, ein Kind im Rollstuhl aufzunehmen. Auch deswegen nimmt sich die Mutter so viel Zeit für die Mitarbeit dort. Denn eigentlich ist sie mit den vielen Arzt- und Therapieterminen und all den Anträgen an Kranken- und Pflegekasse schon mehr als ausgelastet.
In der Versammlung heute geht es die Fahrtkostenzuschüsse der Kommune. Bislang hatte die immer freiwillig allen Eltern, die aus der weiteren Umgebung kommen, einen kleinen Teil der  entstandenen Fahrtkosten erstattet. Jetzt wurde dieser Zuschuss gestrichen. Die Mutter berichtet: "Wir von der Finanzgruppe haben wirklich alles versucht. Aber es gibt nun einmal keine Rechtsgrundlage und damit auch keinen Anspruch. Unser Vorschlag ist, dass ihr euch noch mehr als bislang zu Fahrgemeinschaften zusammenschließt, um eure Kosten zu senken.“
Nach dem Ende der Versammlung stehen die Eltern noch zusammen und unterhalten sich. Da kommt ein Vater auf die Mutter zu und sagt: "Ihr wart einfach nicht hartnäckig genug bei den Verhandlungen mit der Kommune! Aber klar, wenn ich das so gut hätte wie du... Dein Kind wird ja jeden Morgen mit dem Taxi von zu Hause abgeholt und nachmittags wieder zurückgebracht."
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Montag, 5. Februar 2018

Party

DER JUNGE wohnt in einer Wohngruppe der Behinderteneinrichtung.
"Jugendliche und junge Erwachsene finden hier eine altersentsprechende Wohnmöglichkeit, die auf die Bedürfnisse junger Menschen im Übergang  zum Erwachsenenalter ausgerichtet ist“, so steht es  auf der Webseite. Doch der Junge ist nicht wirklich zufrieden. Vor allem an den Wochenenden, an denen er nicht seine Eltern besucht, langweilt er sich.
Aber dieses Wochenende hat sich seine Tante angekündigt. Ihre Familie will den Jungen zu einem Ausflug mitnehmen. Am Samstagmorgen wird er abgeholt. Die Betreuerin bittet die Tante, ihn spätestens nach dem Abendessen um 20 Uhr zurückzubringen. 
Den ganzen Tag verbringt der Junge nun mit der Familie seiner Tante im tropischen Spaßbad.  Gemeinsam mit seinen Cousins genießt er das Wellenbecken, die vielen Wasserrutschen und den Indoor-Strand mit echtem Sand und Beachvolleyball. Zum Abschluss gehen alle noch riesige Hamburger essen. Pünktlich um 20 Uhr treffen sie wieder in der Wohngruppe ein. Die Tante und seine Cousins sehen sich verblüfft um: Im großen Aufenthaltsraum tragen alle Mitbewohner des Jungen schon Schlafanzüge. "Was soll denn das hier werden?" fragt einer der Cousins, „‘ne Pyjamaparty?"
Die Betreuerin wendet sich entschuldigend an die Tante: "Sie müssen wissen - der knappe Personalschlüssel…“
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Montag, 29. Januar 2018

Hoffentlich

Die Mutter DES MÄDCHENS ist schwanger. Inzwischen sieht man den Babybauch schon deutlich. Das Mädchen freut sich auf sein Geschwisterchen.
Heute haben sie sich mit einer Freundin aus dem inklusiven Kindergarten  verabredet, deren Tochter im Rollstuhl sitzt. Sie wollen gemeinsam ins Schwimmbad gehen. Auf dem Weg dorthin möchte die Bekannte noch schnell etwas in einem Laden abholen. Doch der Eingang hat eine hohe Stufe. Keine Chance, dort mit dem Rollstuhl reinzukommen.
Also bittet sie die Mutter des Mädchens, mit den beiden Kindern draußen zu warten.  Ein paar Meter neben dem Eingang ist eine Bank. Die Mutter setzt sich dort in den Schatten und legt die Hand auf ihren Bauch. Ihre Tochter blättert in einem Buch und brabbelt dabei vor sich hin. Die Tochter der Freundin fährt fröhlich in ihrem Rollstuhl hin und her.
Da bleibt eine Frau stehen. Sie schaut auf die Kinder und dann die Mutter intensiv an. "Ach, die Kinder sind ja arme, unschuldige Geschöpfe!“, sagt sie, „aber Sie haben’s hoffentlich diesmal rechtzeitig kontrollieren lassen - damit Sie es noch hätten wegmachen lassen, wenn es auch wieder missgebildet ist!“
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