Montag, 30. April 2018

Kümmern

Der JUNGE wird an die weiterführende Schule zu wechseln. Heute trifft sich die Mutter mit dem Schulleiter, der zukünftigen Klassenlehrerin und der Inklusionsbeauftragten der Schule. Es wird besprochen, welche Maßnahmen und besonderen Vorkehrungen getroffen werden müssen. Um die hatte die Mutter an der Grundschule sehr kämpfen müssen.
Der Schulleiter beginnt: „Sie hatten ja bereits im Vorgespräch angeführt,“ sagt er zur Mutter, „dass sich Ihr Sohn ab und zu auf einer Liege ausruhen muss. Wir haben überlegt, dass wir das hintere Zimmer der Bibliothek dafür nutzen könnten.“ Die Mutter nickt. Eine einfache Liege reicht.
„Und zur Turnhalle führen zwei Stufen hoch“, fährt der Schulleiter fort, „das ist natürlich nicht günstig. Da würde eine kleine Rampe den geringen Höhenunterschied ausgleichen.“
„Das ist alles sehr gut,“ fasst die Mutter zusammen, „dann habe ich also Ihre Zustimmung, eine Liege im Bibliotheksraum aufzustellen und mich zu erkundigen, wie wir am besten eine Rampe installieren lassen können… ?“
„Nein“, sagt die Inklusionsbeauftragte lächelnd, „darum kümmere ich mich natürlich. Das ist doch mein Job!“
Die Mutter ist verblüfft: „Und ich muss gar nichts tun?“, fragt sie ungläubig.
Nun lächelt auch der Schulleiter: „Oh doch,“ antwortet er, „Sie unterstützen Ihren Sohn beim Lernen zu Hause, wo immer er das braucht. Das ist doch schon genug Arbeit, oder?“
Die Geschichte vorgelesen ...

Montag, 23. April 2018

Gar nicht

DAS MÄDCHEN fährt mit der Straßenbahn zur Schule. Die Schulbegleiterin fährt mit. Sie sitzt immer schon in der Bahn, wenn das Mädchen einsteigt.
Heute aber sitzt die Schulbegleiterin nicht drin. Sie hat die Bahn verpasst.
Also fährt das Mädchen ganz alleine in die Schule. Es geht auch alleine in die Klasse und begrüßt fröhlich seine Lehrerin und die anderen Kinder.
In der Pause ruft die Lehrerin die Mutter an:
Auf keinen Fall dürfe das Mädchen das Schulgebäude alleine betreten!
„Gar nicht?“, fragt die Mutter.
„Gar nicht!“, betont die Lehrerin.
Die Mutter seufzt.
Mittags kommt das Mädchen aufgeregt nach Hause. Stolz und glücklich erzählt es, dass es ganz alleine zur Schule gefahren ist.
„Ich jetzt immer alleine fahren!“, sagt es bestimmt.
Die Mutter seufzt und nimmt das Telefon.
Sie muss jetzt versuchen, mit der Schulbegleitung zu vereinbaren, dass sie das Mädchen immer erst direkt vor dem Schulgebäude trifft.
Und zwar so sicher, dass das nicht schiefgehen kann.
Und zwar gar nicht.


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Montag, 16. April 2018

Die Katastrophe

DER JUNGE geht in die erste Klasse der örtlichen Grundschule.
Seine Kindergartenzeit war schwierig. Wenn es stressig wurde, hatte er immer mal wieder Spielsachen auf den Boden geworfen oder ein anderes Kind gehauen.
Das steht alles in seiner Akte.
Die haben die Lehrer, der Sonderpädagoge und die Rektorin natürlich gelesen.
Am ersten Schultag weist die Klassenlehrerin die Schulbegleitung an: „Bitte halten Sie sich nie weiter als eine Armlänge vom Jungen entfernt.“
Dem Jungen fällt es schwer, Kontakt zu seinen Mitschülern zu bekommen. Nur bei Bewegung und Spiel lässt er sich auf gemeinsame Aktionen ein. Sport ist sein Lieblingsfach.
Doch der Sonderpädagoge sieht gerade den Sportunterricht kritisch. Zu unstrukturiert, zu unübersichtlich – Gift für ein Kind mit der Diagnose des Jungen.
Deshalb werden die Einzelförderstunden des Jungen auf die Zeiten des Sportunterrichts gelegt. Und auch sonst nimmt der Sonderpädagoge ihn so oft wie möglich aus der Klasse heraus.
Der Junge mag das nicht. Als der Sonderpädagoge ihn im Musiksaal auffordert, mit ihm  zu kommen, reagiert er nicht. Als der ihn am Arm ziehen will, schubst er ihn weg. Der Sonderpädagoge stolpert gegen ein Xylophon. Klangstäbe und Schlägel purzeln auf den Boden. Einige Kinder springen erschrocken auf.
Am nächsten Tag müssen die Eltern zur Rektorin kommen. „Eine Katastrophe“ sei das mit dem Jungen, sagt sie. Die Musiklehrerin weigere sich, ihn weiter zu unterrichten. Und auch andere Lehrer hätten nach dem Vorfall gestern schwere Bedenken.
„Ich habe schon mit dem Schulamt gesprochen“, sagt sie abschließend, „wir haben wirklich alles probiert. Aber so macht Inklusion keinen Sinn! Alles andere als die Sonderschule kommt für Ihren Sohn pädagogisch überhaupt nicht in Frage!“
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Montag, 9. April 2018

Die Präsentation

Gruppenarbeit in Biologie.
Immer zwei Kinder arbeiten zusammen.
Es geht um Ernährung.
DER JUNGE ist mit einem Mädchen, das er sehr mag, ein Team.
Das Mädchen lernt auf einem anderen Niveau als er.
Denn anders als er wird es später einen mittleren Schulabschluss machen.
Der Junge ist laut sonderpädagogischem Gutachten „geistig behindert“.
Sie teilen sich die Arbeit auf und bereiten eine Präsentation vor.
Die sollen sie in der nächsten Woche der Klasse vorstellen.
Doch in der nächsten Woche ist der Junge krank. Richtig krank.
„Oh, nein“, sagt er, „dann kann ich ja gar nicht zu Bio!“
Schnell schickt er dem Mädchen eine Whatsapp-Sprachnachricht.
„Oh, nein“, schreibt es zurück, „dann muss ich ja die Präsentation ganz alleine machen!
Aber ich schaff das schon! Ich werde versuchen, eine gute Note für uns rauszuholen!“
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Montag, 2. April 2018

Gleich

Die Mutter des JUNGEN trifft ein bekanntes Elternpaar. Deren Tochter ist so alt wie der Junge und hat die gleiche Diagnose.
Sie besucht eine Sonderschule. Ihre Mutter fragt nach, ob denn der Junge an der allgemeinen Schule überhaupt  genug gefördert werde.
Die Mutter des Jungen berichtet vom detaillierten Förderplan und von den Fortschritten beim Lesen. Die andere Mutter stellt viele Fragen. Schließlich möchte sie wissen: "Da sind ja viel mehr Mitschüler ohne Behinderung als welche mit Behinderung. Vermisst dein Junge da nicht Gleichgesinnte?"
In der Klasse des Jungen gibt es tatsächlich nur noch zwei weitere Mitschüler mit Förderbedarf.
Die Mutter überlegt:
Eine ganze Reihe der Mitschüler hat genau wie ihr Sohn alle Teile von „Star Wars“ schon mehrmals gesehen.
In der Klasse teilen viele Jugendliche und auch der Klassenlehrer die Begeisterung des Jungen für den örtlichen Fußballverein. 
Fast alle Mitschüler schauen jeden Samstag „Deutschland sucht den Superstar“, schon die Xte Staffel.
Und genau wie alle anderen aus seiner Klasse lässt der Junge in der Mensa den Gemüseauflauf stehen und entscheidet sich lieber für Spagetti mit Tomatensoße.
Die Mutter des Jungen lächelt ihre Bekannte an und sagt:
"Nein, wir sind sicher, dass unser Sohn in der Schule mitten unter Gleichgesinnten ist!"


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