Montag, 16. April 2018

Die Katastrophe

DER JUNGE geht in die erste Klasse der örtlichen Grundschule.
Seine Kindergartenzeit war schwierig. Wenn es stressig wurde, hatte er immer mal wieder Spielsachen auf den Boden geworfen oder ein anderes Kind gehauen.
Das steht alles in seiner Akte.
Die haben die Lehrer, der Sonderpädagoge und die Rektorin natürlich gelesen.
Am ersten Schultag weist die Klassenlehrerin die Schulbegleitung an: „Bitte halten Sie sich nie weiter als eine Armlänge vom Jungen entfernt.“
Dem Jungen fällt es schwer, Kontakt zu seinen Mitschülern zu bekommen. Nur bei Bewegung und Spiel lässt er sich auf gemeinsame Aktionen ein. Sport ist sein Lieblingsfach.
Doch der Sonderpädagoge sieht gerade den Sportunterricht kritisch. Zu unstrukturiert, zu unübersichtlich – Gift für ein Kind mit der Diagnose des Jungen.
Deshalb werden die Einzelförderstunden des Jungen auf die Zeiten des Sportunterrichts gelegt. Und auch sonst nimmt der Sonderpädagoge ihn so oft wie möglich aus der Klasse heraus.
Der Junge mag das nicht. Als der Sonderpädagoge ihn im Musiksaal auffordert, mit ihm  zu kommen, reagiert er nicht. Als der ihn am Arm ziehen will, schubst er ihn weg. Der Sonderpädagoge stolpert gegen ein Xylophon. Klangstäbe und Schlägel purzeln auf den Boden. Einige Kinder springen erschrocken auf.
Am nächsten Tag müssen die Eltern zur Rektorin kommen. „Eine Katastrophe“ sei das mit dem Jungen, sagt sie. Die Musiklehrerin weigere sich, ihn weiter zu unterrichten. Und auch andere Lehrer hätten nach dem Vorfall gestern schwere Bedenken.
„Ich habe schon mit dem Schulamt gesprochen“, sagt sie abschließend, „wir haben wirklich alles probiert. Aber so macht Inklusion keinen Sinn! Alles andere als die Sonderschule kommt für Ihren Sohn pädagogisch überhaupt nicht in Frage!“
Die Geschichte vorgelesen ...

17 Kommentare:

  1. Dieser Junge könnte mein Sohn sein. Genauso verhält er sich auch. So ähnlich verhalten sich autistische Kinder. Mein Sohn hat extreme Wahrnehmungsprobleme im auditiven Bereich. Er ist extrem geräuschempfindlich! Ein Musikraum würde er nie betreten! Zuhause spielen wir auf unsere Musikinstrumente ,wenn unser Sohn nicht Zuhause ist . Wenn die Schwester auf ihr Piano spielt dann auch nur mit Kopfhörer.Wir haben uns alle angepasst. In der Schule meines Sohnes würden die Pädagogen nie auf den Gedanken kommen meinen Sohn an den Arm zu ziehen und ihn obendrauf noch zwingen einen Musikraum zu betreten. Sie sind schließlich qualifiziert! Die Pädagogen oben sind einfach inkompetent. Schuld daran ist nicht der Junge, sondern die Pädagogen!Diese Pädagogen wollen Inklusion in ihrer Schule nicht zulassen!

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  2. Solch ein Sonderpädagoge kenne ich auch! Er tat alles um meinem Kind in seiner schulischen Entwicklung im Wege zu stehen. Er war ein Fürsprecher der Sonderschulen. Er vertrat immer die Meinung , dass schwerstbehinderte Kinder in einer Regelschule nichts zu suchen haben.Also er tat auch alles um mein Kind zu schikanieren. Nachdem ich mich bei der Schulbehörde beschwert hatte, wurde er zurecht gewiesen und er gab dann Ruhe! Die Schulbehörde schlug ihm dann mehrere Fortbildungen zum Thema Inklusion vor! Er war danach wie ausgewechselt!

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  3. Es ist so traurig, dass eine Rektorin so abweisend reagiert. Mein Kind hat ähnliche Probleme! Als er eine Sonderschule besuchte, verhielt er sich genauso. Frage mich manchmal was die Pädagogen in Regelschulen denken? Denken sie vielleicht, dass behinderte Kinder in Sonderschulen geheilt werden, und das nur weil sie eine Sonderschule besuchen? Dort haben manche Eltern ebenfalls mit den gleichen Problemen zu kämpfen. …..Pädagogen die kein Verständnis haben ,Pädagogen die keine Fortbildungen machen!Sonderpädagogen, die mit den Kindern überfordert sind, weil sie kein Personal haben, bzw weil das Sonderschulsystem nicht für die Förderung der behinderten Kinder geeignet ist.

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    1. Regelschulen sind einfach nur froh, dass sie sich mit der Problematik nicht mehr auseinandersetzen müssen und das Problem / der Junge nun anderswo betreuungsintensiv ist.

      Da geht es nicht um Lösungen.

      Gruß Anita
      (https://twitter.com/AnitaWorks9698)

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  4. Ähnliche Probleme hatte eine Bekannte von mir mit ihrem autistischem Kind in der Sonderschule. Die Sonderpädagogin kam mit ihrem Sohn nicht klar.Sie war mit ihm überfordert.Da in den Sonderschulen Schwerpunkt geistige Entwicklung 11 bis 15 Kinder mit unterschiedlichen Behinderungen und Grad der Behinderungen und vier Jahrgänge in einer Klasse unterrichtet werden, fiel dem Jungen den Schulbesuch sehr schwer. Er konnte die Behinderung der anderen Kindern nicht verstehen. Er hatte Schwierigkeiten mit seinen Klassenkollegen zu kommunizieren. Eines Tages lud der Schulleiter der Schule und die Pädagogen der Klasse meine Bekannte in ein Gespräch zur Schule ein, warfen ihr Versagen in der Erziehung ihres Sohnes vor und schlugen ihr vor ihr Kind in einen Heim abzugeben. Ähnlich wie die Rektorin der Grundschule oben in der Geschichte versuchten die Pädagogen der Sonderschule ihren Sohn abzuschieben.

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  5. Jetzt sitz ich hier und habe Tränen in den Augen.

    Wie oft habe ich so etwas schon lesen müssen und in Teilen auch erlebt.

    Es ist so gruselig und beileibe kein Einzelfall.

    Diesen Text möchte ich ganz vielen Lehrkräften ausdrucken, die meinen sie hätten Inklusion verstanden.

    Anita
    (https://twitter.com/AnitaWorks9698)

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  6. Mir reicht diese kurze Geschichte nicht aus, um ein Urteil zu fällen. Weder über den JUNGEN noch über das Personal. Für mich wird durch die Geschichte nicht klar, ob der JUNGE aus dem Musiksaal hinaus oder hinein sollte.
    Ich finde gewalttätiges Verhalten (egal von wem, egal gegen wen) problematisch.
    Aber ich denke, mein erster Satz war für die Autorinnen schon zu kritisch, um meinen Beitrag zu veröffentlichen...

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    1. Ich denke so ähnlich. Manches erfährt man über den Jungen nicht, was offensichtlich aber bekannt ist ( "Diagnose des Jungen"), und was auch durchaus relevant ist, um sich ein genaueres Bild von der Situation zu machen.
      Auch erfährt man leider nicht, weshalb der Junge mitten in der Musikstunde aus dem Raum soll. Vielleicht war er laut oder lief herum oder konnte sich nicht mehr konzentrieren? Grundlos wurde er sicher nicht aufgefordert. Die beschriebene Situation allein ist sicher nicht der Grund dafür, dass die Schule ihn nicht mehr für tragbar hält. Und die Diagnose könnte Aufschluss darüber geben, ob er mit anderen Rahmenbedingungen teilnehmen könnte, oder ob er, falls eine schwere geistige Behinderung vorliegt, tatsächlich an der Regelschule überfordert ist.
      Ich rede als mehrfache Mutter, die selbst ein schwerbehindertes Kind (glücklich) auf der Sonderschule hatte und ein anderes davor bewahrte, das dahin abgeschoben werden sollte, weil es ADHS und eine chronische Erkrankung hatte.

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    2. Erste Frage, wieso ist die Diagnose ausschlaggebend, um das Verhalten des Jungen zu bewerten?

      Zweite Frage, warum wird die Art der Intervention hingegen als vollkommen indiskutabel hingenommen?

      Dritte Frage, warum haben die Lehrkräfte und insbesondere der Sonderpädagoge nicht ihre Art der Intervention/Förderung hinterfragt sondern schlicht den Jungen als den Schuldigen definiert und segregiert?

      Vierte Frage, wieso wird davon ausgegangen, dass eine Schule grundsätzlich unfehlbar ist in den eigenen Entscheidungen?

      " Und die Diagnose könnte Aufschluss darüber geben, ob er mit anderen Rahmenbedingungen teilnehmen könnte, oder ob er, falls eine schwere geistige Behinderung vorliegt, tatsächlich an der Regelschule überfordert ist. "

      Zu diesen scheinbar logischen Schlüssen, u.a. zu geistiger Behinderung noch eine abschließende Frage.
      Ist bekannt, dass zB gerade nonverbale AutistInnen mit vollkommen ungeeigneten IQ-Tests traktiert werden, Hilfen wie Talker vorenthalten oder bei Einsatz das Personal schlicht NICHT geschult ist?

      Aber selbstverständlich muss das Problem IMMER beim Kind verortet werden und nie die Gegebenheiten hinterfragt werden.

      Herzlichen Dank für diese Einschätzung die von Unwissenheit in vielen Punkten nur so strotzt.

      Und Entschuldigung für den harten Tonfall meinerseits, aber all diese Verallgemeinerungen bzgl. geistiger Behinderung und Autisten habe ich in der Selbsthilfe zu Genüge gehört und gelesen. Habe miterleben müssen, wie Kindern eine adäquate Beschulung verweigert wurde und Karrieren in der WfbM inklusive Unterbringung zementiert wurden.

      Gruß Anita
      /https://twitter.com/AnitaWorks9698)

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    3. Sehr geehrte Frau Anita, mir geht es vor allem um eines: hier wird gerne nach "Aktenlage" geurteilt, ohne genaueres über die Situation und die Beteiligten zu wissen. Wenige Zeilen reichen für das Urteil "inkompetent" aus. Genau was an so genannten Fachkräften immer kritisiert wird, dass vorschnelle Urteile gefällt werden.
      Grundsätzlich wird keine noch so tolle Schulung und noch so viel Personal sämtliche Probleme lösen, auch wenn wir uns das vielleicht wünschen. Denn es handelt sich um Menschen und keine Maschinen.
      Ich halte es für falsch immer die Probleme beim Klienten zu suchen. Genauso falsch halte ich den schon fast reflexartigen Ruf "inkompetentes Fachpersonal".

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    4. Ich wundere mich gerade sehr;

      hier im Blog wird berichtet, was es für Erfahrungen aus der Selbsthilfe gibt. Positiv oder Negativ,
      für das KIND.

      Ich lese hier in den Berichten im Blog keine Urteile heraus.

      Diese fällen wohl die Leser, vielleicht auch aufgrund eigener Erfahrungen.

      Und selbst wenn sich nicht alle Probleme lösen lassen, so fehlt es doch schon oft an der Bereitschaft ein Problem überhaupt ergebnisoffen zu betrachten zu wollen und überhaupt in Betracht zu ziehen, dass es Lösungen geben könnte.

      "Genauso falsch halte ich den schon fast reflexartigen Ruf "inkompetentes Fachpersonal"."

      Reflexartig zu reagieren ist nicht meine Art.
      Ich kenne zu dem ausreichend hervorragendes "Personal" aka Lehrkräfte und Sonderpädagogen sowie Schulbegleitungen, die lösungsorientiert arbeiten.
      Deswegen weiß ich auch, dass sich vieles vermeiden und/oder abmildern lässt, so dass es für alle tragfähige Lösungen geben kann.

      Nach 8 Jahren in der Selbsthilfe und den Erfahrungen mit meinen autistischen Kindern traue ich mir diese differenzierte Meinung zu.

      Gruß Anita
      (https://twitter.com/AnitaWorks9698)

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  7. Meine Frage ist jetzt und hier off topic, weil grundsätzlich und nicht themenbezogen.....aber sie stellt sich für mich hier, aber nicht nur heute sondern schon länger. Was ist der Hintergrund, der Sinn dieses Blogs bzw. die Erwartung der Ersteller an diesen? Öffentlichskeitsarbeit/Publicity, Diskussionsgrundlage/Meinungsaustausch? Wenn die von mir genannten Gründe erwünscht wären, dann läuft es aus meiner Sicht "unrund", einseitig. Aber vielleicht ist die Intention auch eine ganz andere. Ich weiß es nicht.

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    1. https://kirstenmalzwei.blogspot.de/p/autorinnen-kirsten-ehrhardt-und-kirsten.html?m=0

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  8. Ich fasse mal zusammen , wie ich den Text verstehe : Ein Junge soll bewacht werden in einem Abstand auf ARMLÄNGE.
    Alles woran der Junge Freude hat , wird verboten , weil man es ihm nicht zutraut.Als der Junge die Isolierung durch den Pädagogen ablehnt , will dieser die Isolation mit Gewalt , dem ZERREN AM ARM , durchsetzen . Der Junge wehrt sich gegen die Gewalt , wird aber der Sündenbock für das unqualifizierte Verhalten des Pädagogen. Was sagt mir der Text ? Inklusion klappt nur dort , wo Pädagogen auf Augenhöhe mit dem Kind zusammenarbeiten und offen für dessen Bedürfnisse sind.Wer auf Armlänge überwacht wird , gerät in die Gefahr , das der Arm tatsächlich auch Gewalt anwendet.

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    1. Ähnliches, wenn auch entschärft, habe ich damals in der 5.-7. Klasse mitgemacht. Er ging mich zwar nicht körperlich an aber der Rest....es hat einen Monat gedauert, ihn dazu zu bringen, mir nicht mehr bis aufs Klo zu folgen

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  9. Fan des Illustrators21.04.2018, 21:41:00

    Herrliche Zeichnung!
    Lustig, wie der Sonderpädagoge mit gegrätschten Beinen dasteht und unglücklich schaut. Alles purzelt durcheinander!

    Ich finde es ziemlich gut, dass der Junge deutlich zum Ausdruck bringt, dass er in den Fächern wie Sport oder Musik dabei sein möchte.

    Schade, dass ihn keiner zu verstehen scheint.
    Gerade diese Fächer könnten ihm die Chance geben, in Kontakt mit seinen Mitschülern zu kommen!

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  10. Also ich finde das jetzt nicht lustig. Die Situation ist mir zu ernst. Für alle Beteiligten.

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Danke für Ihre Anmerkung. Wir behalten uns vor, diese hier zu veröffentlichen.