Montag, 28. Mai 2018

Außen


DER JUNGE soll eingeschult werden. Aber wo?
Die Mutter möchte, dass er an einer normalen Grundschule lernt. Vielleicht in einer ausgelagerten Sonderschulklasse? Die fünf Kinder bringen ihren eigenen Sonderpädagogen mit und lernen in Kooperation mit einer Grundschulklasse.
Sehen ist besser als nur davon hören, denkt sich die Mutter und macht einen Hospitationstermin in einer solchen Klasse aus.
Als sie wie verabredet um 8:30 Uhr kommt, fahren die Kinder mit Behinderung gerade mit dem Bus vor. Die Grundschulkinder lesen. Sie sind schon um 7:45 Uhr gekommen.
Die Kinder der „Außenklasse“ gehen in ihr eigenes Klassenzimmer, das neben dem der Grundschüler liegt. Sie frühstücken jetzt erst einmal. Dann holen sie ihre Arbeitsmaterialien heraus und arbeiten an ihren Förderplänen.
In der dritten Stunde gehen sie in das andere Klassenzimmer. Dort steht jetzt Religion auf dem Lehrplan – neben Sport das einzige Fach mit „gemeinsamem Unterricht“. Die Kinder mit Behinderung malen ein Bild, während die Religionslehrerin mit der Grundschulklasse über christliche Feste spricht.
Die Mutter ist ein bisschen irritiert. Die Sonderpädagogin beruhigt sie: Das sei ganz normal, schließlich sei man schon in der 4. Klasse und jetzt werde es für die Grundschüler ja bald „ernst“. Und bei den Leistungen müsse man bedenken: „Die Schere geht immer mehr auf.“
Jetzt ist erst einmal Mittagspause. Die Mutter steht auf und will in die Mensa gehen. Doch die Sonderpädagogin hält sie zurück: „Wir essen immer hier im Klassenzimmer. Die Mensa ist zu groß und laut. Da haben wir auch nicht alle Platz. Hier ist es doch viel gemütlicher!“
Die Mutter möchte nicht mehr länger bleiben. Bevor sie geht, nimmt die Sonderpädagogin sie noch einmal zur Seite: „Sie sehen nicht so begeistert aus“, sagt sie, „aber glauben Sie mir: Gerade die mongoloiden Kinder profitieren von dieser Klasse immer ganz besonders!“
Die Geschichte vorgelesen ...

Montag, 21. Mai 2018

Ruhe

DAS MÄDCHEN arbeitet an drei Nachmittagen im Altenheim.
„Arbeit kann man das ja nicht gerade nennen“, hatte die Dame vom Arbeitsamt gemurmelt. Die Mutter kennt natürlich die Einschränkungen ihrer Tochter. Trotzdem hat sie ihr dies ermöglicht.
Das Mädchen sitzt in seinem Rollstuhl im Aufenthaltsraum zwischen vielen alten Damen. Einige drücken ihm immer mal wieder die Hand. Eine Dame zeigt dem Mädchen ein Fotoalbum aus ihrer Jugend. Das tut sie jede Woche. Wer das Mädchen gut kennt, sieht, dass es auf manche Fotos besonders reagiert. Gerne bauen die Damen kleine Türme oder Figuren aus Holzklötzen. Das Mädchen hilft dabei ein bisschen, so gut es geht. Viel besser kann es allerdings die Türme zum Einsturz bringen. Das ist dann immer ein großes Hallo.
Auch beim Singkreis ist das Mädchen mit dabei. Selbst singen kann es nicht. Dafür singen die Damen rechts und links besonders laut und deutlich.
Letzte Woche war das Mädchen allerdings krank. Erst heute kann es wieder ins Altenheim kommen. Die Leiterin empfängt das Mädchen und seine Mutter schon im Eingang: „Gott sei Dank sind Sie wieder da“, sagt sie, „Sie glauben nicht, was in der Woche hier los war. Alle haben gefragt, wann Sie denn endlich kommen. Und eine Unruhe war das – nicht auszuhalten!“
Die Geschichte vorgelesen ...

Montag, 14. Mai 2018

So hübsch

Die Mutter hat sich heute kurz mit der Sonderpädagogin verabredet. Es geht um DAS MÄDCHEN, das inzwischen in der 8. Klasse ist.
In diesem Schuljahr sollte besonders das Rechnen im Hunderterraum und das Lesen kurzer Texte geübt werden. So war es vereinbart. Doch egal ob Wochenplan oder Hausaufgaben - die Mutter findet diese Übungsthemen nur sehr selten. Stattdessen gibt es immer wieder Aktivitäten, für die die Kinder mit Behinderung aus der Klasse herausgenommen werden: Für gemeinsames Kochen, Lerngänge in Zoo oder Kindermuseum oder die Proben für ein Veeh-Harfen-Musikprojekt gemeinsam mit der Sonderschule. Wenn die Mutter zuhause mit dem Mädchen üben will, schimpft es, es hätte doch schon den ganzen Tag Schule gehabt.
Das spricht die Mutter jetzt an: „Meine Tochter ist 14 Jahre alt, so viel Zeit bleibt ihr nicht mehr in der Schule, um Lesen, Schreiben und Rechnen im Rahmen ihrer Möglichkeiten zu lernen!“
Die Lehrerin beschwichtigt. Die Zusatzangebote hätten sich in der Tat in der letzten Zeit ein wenig gehäuft. Aber man müsse den Schülern mit Behinderung eben auch immer mal wieder eine Auszeit ohne Leistungsanforderungen gönnen.
Und sie klingt enttäuscht, als sie sagt: „Und ich dachte, Sie wollten mich heute sprechen, um sich zu bedanken! Ich hatte eine so aufwendige Batik-Arbeit zum Muttertag gestaltet. Wir haben so viele Stunden daran gearbeitet. Und Ihre Tochter hat Ihnen so ein hübsches Geschenk gemacht!“

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Montag, 7. Mai 2018

Reden

Förderplangespräch an der Schule DES MÄDCHENS.
Die Mutter geht nicht gerne zu diesen Gesprächen. Denn da wird immer sehr ausführlich besprochen, was ihre Tochter nicht kann und was nicht gut läuft. Manchmal kamen ihr bei diesen Gesprächen deshalb die Tränen.
Ihre Tochter war noch nie bei diesen Gesprächen dabei. Diesmal haben die Lehrerinnen sie aber mit eingeladen. Schließlich sei sie langsam alt genug dafür.
Das Mädchen sitzt also mit am Tisch und malt. Immer mal wieder beziehen die Lehrerinnen es mit ein. Hauptsächlich aber sprechen sie mit der Mutter.
Irgendwann schaut das Mädchen von seiner Zeichnung auf, wartet, bis keiner mehr spricht, und sagt zu den Lehrerinnen: „Nicht so viel reden über das Mädchen. Mama weint sonst!“
Nun kommen der Mutter schon wieder die Tränen. Aber nicht wegen der Förderplanung, sondern weil sie so gerührt ist und denkt: „Nun ist sie als geistig behindert eingestuft – und hat doch so viel vom Leben verstanden!“
Die Geschichte vorgelesen ...