Montag, 23. Juli 2018

Fieber

Englisch-Unterricht. Alle Kinder bereiten sich auf eine kleine Präsentation vor.
Auch DER JUNGE. Er bastelt ein Plakat, schreibt, was er kann und lernt gemeinsam mit seinem Schulbegleiter den Text von den Karteikarten.
Zu Hause sagt er zu seiner Mutter: „Ich habe Englisch-Fieber!“
Es dauert eine ganze Weile, bis klar wird, was er genau hat: Er hat Lampenfieber.
Auch seine Lehrerin spürt das.
Sie stellt eine kleine Gruppe aus sechs Schülern zusammen, die der Junge besonders mag.
Vor ihnen hat der Junge gestern seine Präsentation geübt.
Heute war er dann vor der ganzen Klasse dran.
„Ich hatte Angst“, sagt er zu Hause. Und er sagt auch: „Ich hatte viel Mut!“
Vom Schulbegleiter erfährt die Mutter, dass der Junge seine Präsentation fast ganz alleine gehalten hat.
„Und alle haben geklatscht“, erzählt der Junge. „Zweimal. Am Anfang und am Ende!“
Die Geschichte vorgelesen ...

Montag, 16. Juli 2018

Ein Detail

DER JUNGE soll nach den Sommerferien an eine weiterführende Schule wechseln.
Es war gar nicht so einfach, überhaupt eine zu finden: Die Unterrichtsräume müssen mit dem Rollstuhl erreichbar und die Verbindung mit dem öffentlichen Nahverkehr muss wenigstens zu den Hauptverkehrszeiten barrierefrei sein. Gut, dass die Familie in der Stadt wohnt. Da gibt es wenigstens eine Schule, die diese Voraussetzungen erfüllt.
Die Mutter und auch der Junge hatten sich mehrmals mit dem Schulleiter getroffen, viele Gespräche geführt und alle Details geklärt. Der Schulleiter hatte viele Bedenken, die aber nach und nach ausgeräumt werden konnten.
Endlich weiß der Junge – viel später als seine Freunde und Klassenkameraden – wo er weiter zur Schule geht. Er ist sehr erleichtert.
Morgen ist nun endlich der vereinbarte Anmeldetermin. Am Abend zuvor klingelt das Telefon. Der Schulleiter ist dran:
"Ich muss Ihnen leider sagen, dass das mit der Anmeldung morgen nichts wird“, sagt er.
"Aber warum“, fragt die Mutter völlig überrascht, "es war doch schon alles besprochen!" 
"Wir haben ein sehr wichtiges Detail übersehen", erklärt der Schulleiter, "im Brandfall dürfen die Aufzüge nicht benutzt werden. Und wie kommt Ihr Sohn dann aus dem Gebäude?"
Da ist die Mutter auch zunächst einmal überfragt. "Aber wir können ihn doch morgen anmelden, und dann machen Sie einen Termin mit der Stadt, um diese Frage zu klären. In allen öffentlichen Gebäuden gibt es doch Rettungskonzepte…“, schlägt sie vor.
"Das geht natürlich nicht“, entgegnet der Schulleiter fast empört: "Sie denken da nur an Ihr eigenes Kind! Aber ich trage die Verantwortung für alle. Wenden Sie sich an die Feuerwehr, an den Bürgermeister oder eine übergeordnete Stelle im Ministerium. Und sobald Sie eine Lösung gefunden haben, melden Sie sich wieder bei mir. Dann können wir gerne noch einmal über die Aufnahme Ihres Sohnes sprechen!"
Die Geschichte vorgelesen ...

Montag, 9. Juli 2018

Vier Reisen, Teil 2

auf besonderen Wunsch unserer LeserInnen heute unsere erste Fortsetzungsgeschichte überhaupt:
(Fortsetzung von https://kirstenmalzwei.blogspot.com/2018/06/vier-reisen.html) 

In vier Wochen steht das Ergebnis fest: Die meisten der Schüler wollen nach Barcelona, viele auch an die Côte d' Azur oder nach Dublin. Nach Berlin will nur eine Handvoll. Die Berlin-Reise wird gestrichen.
Als die verbindlichen Anmeldezettel ausgeteilt werden, wählt DER JUNGE die Reise an die Côte d' Azur.
Am nächsten Tag wird er zum Direktor gerufen. Dort sitzt bereits die Oberstufenleiterin. „Wir hatten das doch schon besprochen“, sagt sie streng, „du kannst diese Reisen nicht buchen!“
„Meine Eltern haben schon beim Amt nachgefragt“, sagt der Junge, „ich könnte auf die Reise auch eine Schulbegleitung mitnehmen!“
„Die kann dich ja schlecht die Stufen hochtragen“, erwidert die Lehrerin, „das Quartier, in das wir schon seit Jahren fahren, ist nicht barrierefrei.“
„Ein paar aus meinem Französisch-Kurs haben angeboten, mit anzupacken, wenn es nötig ist“, antwortet der Junge.
„Nein“, mischt sich jetzt der Direktor ein, „das geht nicht. Auch versicherungstechnisch nicht. Wir haben uns da erkundigt.“
„Wo denn…?“, fragt der Junge.
„Nun hören Sie doch endlich auf“, fällt ihm der Direktor ins Wort, „nur weil wir hier jetzt einmal einen Schüler im Rollstuhl haben, können wir nicht die ganze Schule umkrempeln. So schlimm ist es doch nicht, mal eine Woche zu Hause zu bleiben. Sie müssen auch mal Rücksicht auf uns nehmen! Inklusion ist ja schließlich keine Einbahnstraße.“

Die Geschichte vorgelesen ...

Montag, 2. Juli 2018

Schon lange

DER JUNGE und sein bester Freund kennen sich schon lange.
Sie waren schon gemeinsam im integrativen Kindergarten.
Inzwischen sind sie in einer Klasse der weiterführenden Schule.
Dass nur einer von ihnen eine Behinderung hat, stört sie nicht.
Auch in der Freizeit unternehmen sie immer mal wieder etwas zusammen.
Beim Blättern in den Fotoalben stößt der Junge auf ein Kindergartengruppenbild, auf dem beide zu sehen sind. Es ist von 2008. Er überredet die Mutter, es einzuscannen und auszudrucken.
Am nächsten Tag nimmt er es mit in die Schule und schenkt es seinem Freund.
Der schaut es lange an. Dann lacht er:
„Schau mal, wie klein wir da noch waren! Und wie blond!“
Beides sind sie jetzt nicht mehr.
Dann geht er mit dem Jungen zusammen ins Klassenzimmer. Er legt ihm den Arm um die Schulter und sagt: „Dieses Jahr haben wir beide Zehnjähriges!“
Die Geschichte vorgelesen ...