Montag, 9. Juli 2018

Vier Reisen, Teil 2

auf besonderen Wunsch unserer LeserInnen heute unsere erste Fortsetzungsgeschichte überhaupt:
(Fortsetzung von https://kirstenmalzwei.blogspot.com/2018/06/vier-reisen.html) 

In vier Wochen steht das Ergebnis fest: Die meisten der Schüler wollen nach Barcelona, viele auch an die Côte d' Azur oder nach Dublin. Nach Berlin will nur eine Handvoll. Die Berlin-Reise wird gestrichen.
Als die verbindlichen Anmeldezettel ausgeteilt werden, wählt DER JUNGE die Reise an die Côte d' Azur.
Am nächsten Tag wird er zum Direktor gerufen. Dort sitzt bereits die Oberstufenleiterin. „Wir hatten das doch schon besprochen“, sagt sie streng, „du kannst diese Reisen nicht buchen!“
„Meine Eltern haben schon beim Amt nachgefragt“, sagt der Junge, „ich könnte auf die Reise auch eine Schulbegleitung mitnehmen!“
„Die kann dich ja schlecht die Stufen hochtragen“, erwidert die Lehrerin, „das Quartier, in das wir schon seit Jahren fahren, ist nicht barrierefrei.“
„Ein paar aus meinem Französisch-Kurs haben angeboten, mit anzupacken, wenn es nötig ist“, antwortet der Junge.
„Nein“, mischt sich jetzt der Direktor ein, „das geht nicht. Auch versicherungstechnisch nicht. Wir haben uns da erkundigt.“
„Wo denn…?“, fragt der Junge.
„Nun hören Sie doch endlich auf“, fällt ihm der Direktor ins Wort, „nur weil wir hier jetzt einmal einen Schüler im Rollstuhl haben, können wir nicht die ganze Schule umkrempeln. So schlimm ist es doch nicht, mal eine Woche zu Hause zu bleiben. Sie müssen auch mal Rücksicht auf uns nehmen! Inklusion ist ja schließlich keine Einbahnstraße.“

Die Geschichte vorgelesen ...

22 Kommentare:

  1. Da fällt einem gar nichts mehr dazu ein :-( Einfach nur traurig und schockierend.

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  2. Da fällt mir der Satz einer Lehrerin aus einer anderen Nixklusion-Geschichte ein: "Man muss doch auch mal zufrieden sein können." Oder so ähnlich. Ist der Junge tatsächlich nicht mitgefahren?

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  3. Man kann einfach nur sagen: Einfach nicht mehr die andere Backe hinhalten. Auf die Barrikaden gehen! Was haben die denn überhaupt gemacht, für den Schüler in all den Jahren?

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  4. Das ist auch ein Fall für die Justiz! Immerhin wird der JUNGE gesiegt.

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  5. Das Verhalten des Direktors ist einfach nur empörend. Hat der Junge bzw. seine Eltern die Teilnahme an der Reise daraufhin eingeklagt?

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  6. Verbesserung zum vorigen Kommentar: "gesiezt".
    Gesiegt hat nun leider niemand.
    Was mir noch eingefallen ist: Wenn zu Hause bleiben nicht schlimm wäre, warum bezahlt dann das Amt die Fahrt, wenn finanziell nötig?

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  7. Fan des Illustrators10.07.2018, 21:43:00

    Die Fortsetzung deckt sich auch mit unseren Erfahrungen, aber die Geschichte ist immer noch nicht zu Ende...
    Jetzt braucht es jemanden, der dem Direktor und der Lehrerin sagt, dass sie nicht recht haben:
    Solange der Junge Schüler der Klasse ist, ist die Inklusion sehr wohl eine Einbahnstraße!

    ... und es wäre sicherlich empfehlenswert, sich die Verwaltungsvorschrift zu Klassenfahrten noch einmal zu vergegenwärtigen:
    „Bei der Erfüllung der erzieherischen Aufgaben der Schule kommt außerunterrichtlichen Veranstaltungen besondere Bedeutung zu. Sie dienen der Vertiefung, Erweiterung und Ergänzung des Unterrichts und tragen zur Entfaltung und Stärkung der Gesamtpersönlichkeit des einzelnen Schülers bei.“

    Die Darstellung der Lehrerin beim Anblick des Anmeldezettels des Jungen finde ich sehr gelungen.

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  8. Die Leiterin eines Bremer Gymnasiums(Niedersachsen) hatte sich juristisch dagegen gewehrt, an ihrer Schule nach den Sommerferien eine Inklusionsklasse einrichten zu müssen.Sie warf behinderten Kindern vor das Leistungsniveau der Gymnasialschüler runter zu ziehen.
    Das zuständige Verwaltungsgericht hat aber die Klage nun für unzulässig erklärt.
    Betrachtet man aber die Situation in einem anderen Bundesland, da stellt man nach dem politischen Machtwechsel von 2017 fest, dass in Nordrhein Westfalen ganz andere Regeln herrschen.Sonderpädagogische Förderung soll auf Gymnasien in der Regel nur noch“zielgerecht“ stattfinden. Das heißt:Nur Kinder mit Handicap,die für das Abitur in Frage kommen,sollen dort mitunterrichtet werden.Eine zieldifferente Beschulung am Gymnasium,wird es nur noch geben,wenn die Schulleiterin das anbieten kann.Laut Politiker in Nordrhein Westfalen müssen dann die behinderte Kinder sich an die Regelschulen anpassen und nicht andersrum.

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    1. Der wichtigste Schritt wäre meiner Ansicht nach das absurd differenzierte Schulsystem in Deutschland abzuschaffen. Mit der Abschaffung der Hauptschule hatte man in Berlin kein Problem, aber das Gymnasium scheint unantastbar. Dann erübrigen sich die oben beschriebenen Diskussionen/Klagen etc.
      Genauso wichtig: Einsehen, dass gute Bildung einfach mal Geld kostet. Eine Verbesserung (als die ich Inklusion betrachten möchte) ist nicht zum Nulltarif zu haben.

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  9. Man fragt sich wie Inklusion funktionieren soll. Mit jeden politischen Machtwechsel in den Bundesländer werden behinderte Kinder nach Lust und Laune der Politiker hin und her geschoben! Jedes Bundesland setzt Inklusion, die UN Behindertenerechtskonvention, nach der Pipi Langstrumpf Einstellung ein“Ich mach mir die Welt ,wie sie mir gefällt!“.Es herrscht Unstimmigkeit in Deutschland. Pädagogen sehen keine Notwendigkeit Inklusion in ihren Schulen einzuführen. Solange es keine Solidarität in der Politik gibt, wird es in Schulen immer solche Pädagogen und Schulleiter, wie oben in der Geschichte, geben.

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    1. Sie schreiben: "Pädagog*innen sehen keine Notwendigkeit, Inklusion in ihren Schulen einzuführen." oder im vorangehenden Artikel: "Die Politiker*innen in NRW ..."
      Inklusion bedeutet, Menschen in ihrer Verschiedenheit wahrzunehmen und anzunehmen ... und allen die gleichen Rechte zuzugestehen.
      Das bedeutet, dass auch Pädagog*innen, Politiker*innen, Schulleiter*innen, Sonderpädagog*innen, die Eltern usw. das Recht haben, differenziert wahrgenommen und nicht pauschal abgekanzelt zu werden.

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    2. Allerdings ist die Auslegung der UN-BRK auch höchst umstritten! Die Abschaffung sämtlicher Sonderschulen geht nicht klar draus hervor! Ich kenne keinen Inklusionsverfechter, der wirklich selbst unterrichtet und genau sagen kann, wie Zieldifferenzierung im Unterricht für alle Schüler genau aussehen soll! Es wird nur sehr schön theoretisiert!

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    3. Die Auslegung ist überhaupt nicht umstritten. Die UN hat in ihrem Kommentarausschuss ausgeführt, dass sie ein paralleles Sonderschulsystem nicht als mit der Konvention vereinbar ist.

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    4. Antwort an Anonym, 17:55:00. Die Auslegung der UN-BRK ist höchst umstritten von Gegner der Inklusion! Es gibt auch genug Inklusionsbefürworter die selbst unterrichten!Das sind Pädagogen meines Kindes! Und warum? Weil es in meinem Bundesland Politiker gibt, die sich für Inklusion einsetzen! Wie heißt es so schön“Ein Fisch fängt von Kopf an zu stinken!“. Gibt es keine Solidarität in der Politik, so gibt es auch keine Pädagogen, die sich für Inklusion einsetzen wollen! Aufgabe der Politiker ist es Hoffnungsträger zu sein und nicht Hoffnungsnehmer!

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    5. Antwort an Anonym(17:55:00) auf“Ich kenne keinen Inklusionsverfechter, der wirklich selbst unterrichtet und genau sagen kann, wie Zieldifferenzierung im Unterricht für alle Schüler genau aussehen soll! Es wird nur sehr schön theoretisiert!“
      Ich kannte auch kein Politiker der vorher sagen konnte, wie die Wiedervereinigung in Deutschland aussehen sollte als die Mauer fiel. Hier fehlten nach der Wende auch Tausende von Pädagogen in Schulen, weil die Schüler von 12 auf 13 Schuljahren umgestellt wurden.Pädagogen wurden Fortbildungen angeboten, damit sie sich dem Schulsystem aus dem Westen anpassen sollen. Den Schülern in ganz Ostdeutschland wurden neue Schulbücher zur Verfügung gestellt. Politiker in Deutschland haben sich vorbildlich verhalten und haben immer wieder zu Solidarität aufgerufen. Es wurde sogar ein Solizuschlag eingeführt.Es wurde ALLEs aber auch ALLES getan damit es klappt. Das Traurige daran ist ,dass genau diese Politiker sich gegen Inklusion einsetzen und für die Ausgrenzung behinderter Menschen in Deutschland!

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    6. Eine ganz tolle Geschichte kann man über eine gelungene Inklusion auf ein Gymnasium in Brandenburg. Sie erschien in der Märkische Allgemeine vom 08.04.2017 "Annika ist Autistin und geht auf Gymnasium".

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    7. Sie haben Recht, Herr Achermann!Inklusion bedeutet, Menschen in ihrer Verschiedenheit wahrzunehmen und anzunehmen ... und allen die gleichen Rechte zuzugestehen.Das ist aber vielen Politiker und Pädagogen nicht bewusst, wie man es immer wieder in den Medien lesen kann.Ich habe es oben in mein Kommentar 12:48:00 nur wiedergegeben was die Medien schreiben!(Quelle:www.sueddeutsche.de"Schulleiterin muss Inklusionsklasse anbieten und www.waz.de "NRW legt Kehrtwende bei der Inklusion in der Schule hin")Es sollte keine Kritik an Inklusion sein!

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    8. Frage zum Kommentar 11.7.2018, 22.37.00

      Wie heißt denn die entsprechende Textstelle genau, die Ihre Behauptung belegt?

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    9. Es ist nicht einfach, kurz zu Ihren Aussagen Stellung zu nehmen.
      - Die Auslegung der UN-BRK sei höchst umstritten. - Die Grundaussage aller Menschenrechte heisst: Alle Menschen haben dieselbe Würde und die gleichen Rechte. Bezogen auf Artikel 24 der BRK (Bildung) bedeutet dies: Alle Menschen haben das Recht auf inklusive Bildung, d.h. das Recht gemeinsam wohnortnah zur Schule zu gehen und dabei individuell angemessen unterstützt zu werden. Der UN-Ausschuss für die Rechte von Menschen mit Behinderungen äußert sich in seinen ‚Allgemeinen Bemerkungen‘ dazu, wie der Artikel 24 ‚Inklusive Bildung‘ verstanden werden soll. Ich finde, das sei recht klar.
      - Es wird nicht gesagt, Sonderschulen seien abzuschaffen. - Aber die BRK verpflichtet die Vertragsstaaten, ein inklusives Schulsystem einzurichten (vgl. in den Allgemeinen Bemerkungen zum Artikel 24 der BRK die Pte. 11 und 12).
      - Ich kenne wirklich viele Schulen, viele Lehrpersonen und Sonderpädagoginnen, die hoch engagiert und qualitativ hochstehend auf dem Weg sind inklusiver zu leben und zu lernen. Dass das sowohl eine tägliche Herausforderung aber auch eine große Chance für alle ist, bleibt unbestritten. vgl. dazu auch die Preisträger des Jakob Muth-Preises.
      - Zum Unterricht mit sehr heterogenen Gruppen: Kennen Sie z.B. die Praxisbücher aus der Primus-Schule Berg Fidel in Münster? Das sind Lehrpersonen, die von ihrem Unterricht berichten: Stähling/Wenders „Das können wir hier nicht leisten.“
      Es gibt kein Patentrezept für inklusive Entwicklungen. Inklusion verlangt immer wieder gemeinsame Lösungen von komplexen pädagogischen Aufgaben.

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    10. Mir stellt sich das nach umfassender Lektüre,vielseitigen eigenen Erfahrungen und Beobachtungen vollkommen anders dar. Ihre Argumente sind mir nicht neu, damit habe ich mich schon gründlich auseinandergesetzt.

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  10. Schade, ich hätte dem Jungen ein Happy End gewünscht. Und da ich die Reaktion von Lehererin/Schulleitung so erwartet habe hatte ich darauf gehofft, dass die Klassenkameraden und Klassenkameradinnen so abstimmen, dass ihr Mitschüler mit kann...

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  11. esther steinmann13.07.2018, 14:28:00

    An den Direktor und die Oberstufenleiterin dieser Geschichte: Ihr betreibt einen riesigen Aufwand für das verunmöglichen eines Ausfluges für diesen speziellen Jungen. Viel einfacher und angenehmer für alle! ist es, alle mitmachen zu lassen. Einfach so, denn es ist viel mehr möglich, als wir denken ;-) eine Treppe braucht nicht mal mehr einen Treppenlift, wenn Freundinnen helfen. die Hindernisse sind veränderbar, können gar zu Hilfen werden, nicht nur die festen gemauerten, sondern auch die in unseren Köpfen... Inklusion braucht Zeit... beginnen wir damit und machen es einfach! (inklusive Oberstufenlehrerin für integrative Förderung, Luzern, Schweiz)


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