Montag, 15. Oktober 2018

Das Video

Die Klasse DES JUNGEN besucht eine Lungenklinik. Alle Realschulklassen machen das einmal in ihrer Schulzeit. Als Aufklärung und Abschreckung gegen das Rauchen.
Ob der Junge wohl viel verstehen wird, fragt sich die Mutter? Die Ankündigung des Ausflugs war schon in ziemlich schwerer Sprache.
Doch als er zurückkommt, ist er ganz aufgeregt. Ein tolles Video hätten sie gesehen, sagt er. Das gebe es auch im Internet, er wolle es unbedingt noch einmal sehen.
„Ein Video – worüber denn?“, fragt die Mutter.
„Da war so ein langes Ding, und dann ein Bild, und alles konnte man ganz genau sehen“, erzählt der Junge, „wie eine Fahrt durch einen Tunnel!“
Die Mutter überlegt. Dann googelt sie gemeinsam mit dem Jungen. Lungenklinik – Untersuchungen – Filme…
„Da ist es!“, ruft der Junge. Es ist der Film über eine Bronchoskopie, eine Lungenspiegelung.
Der Junge ist begeistert! Dreimal sieht er den kurzen Film.
Am nächsten Tag trifft die Mutter eines der Mädchen aus der Klasse des Jungen.
„Und wie fandst Du es in der Klinik?“, fragt sie.
„Total langweilig“, stöhnt das Mädchen.
„Aber der Film war doch ganz spannend, oder?“
„Von dem hab ich kaum was mitbekommen“, sagt das Mädchen, „ich hatte ja zum Glück mein Handy dabei!“
Die Geschichte vorgelesen ...

Montag, 8. Oktober 2018

Excel

DAS MÄDCHEN lernt an der Hauptschule in einer ausgelagerten Klasse der Sonderschule, gemeinsam mit drei Jungs und zwei anderen Mädchen. Sie sind in der Abschlussklasse.
 Ihre Lehrerin, die von der Sonderschule mitgekommen ist, legt viel Wert auf lebenspraktische Fähigkeiten. Sozusagen im Endspurt. Vor allem um diese Fähigkeiten dreht sich deshalb auch das Förderplangespräch mit der Mutter.
„Und dann möchte ich mit Ihnen noch im Zusammenhang mit der Sauberkeitserziehung über den Toilettengang sprechen“, sagt die Lehrerin ziemlich am Ende. Die Mutter nickt und antwortet: „Ja, das wollte ich auch schon ansprechen. Mir fällt auf, dass meine Tochter nie mehr in der Schule zum Klo geht. Das ist natürlich vor allem, wenn sie ihre Tage hat, nicht so günstig.“
„Das sehe ich auch so“, sagt die Lehrerin und beginnt zu erklären:
Die drei Mädchen haben, anders als die drei Jungs, in der Hauptschule eine extra Toilette. Draußen sind deren Fotos auf die Tür geklebt. Damit sie nicht aus Versehen mal auf die „normale“ Mädchen-Toilette gehen.
„Und drinnen“, erklärt die Lehrerin, „habe ich drei Excel-Tabellen an die Wand geklebt. Einen Menstruationskalender! Da trägt dann jedes Mädchen ein, wann und wie lange es seine Tage hat.“
Die Mutter ist sprachlos.
„Und meine Tochter…“, beginnt sie vorsichtig, „trägt sie da auch etwas ein?“
„Nein“, sagt die Lehrerin seufzend, „sie will nicht! Aber das kennen wir ja schon: Sie ist eben immer wieder sehr bockig!“
Die Geschichte vorgelesen ...

Montag, 1. Oktober 2018

Hilfe

Die Grundschulzeit DES JUNGEN hatte gut begonnen: Mit der Lehrerin, die er in den ersten zwei Jahre hatte, kam er gut zurecht. Vieles fiel ihm schwer, doch die Lehrerin half ihm immer, wo es nötig war.
Die Lehrerin der 3. Klasse war anders. „Jetzt müssen wir richtig loslegen!“, hatte sie gleich zu Beginn gesagt. Und es dauerte nicht lange, da kam der Junge nicht mehr richtig mit.
Die Lehrerin hatte daraufhin seine Mutter in die Schule bestellt. „Wie Sie wissen, braucht Ihr Sohn überall viel Hilfe“, hatte sie gesagt, „da gibt es eine Schule, in der er viel besser gefördert wird. Eine Förderschule. Sie müssen sich das so vorstellen: Das ist eine Schule mit ganz viel Nachhilfe!“
Die Mutter fand das gut. Denn Nachhilfestunden konnte sie sich für den Jungen bislang nicht leisten. Sie hatte mal ein paar Institute angerufen, aber die waren viel zu teuer.
Also wurde die Umschulung beschlossen. Die Mutter musste dafür nur ein paar Formulare unterschreiben.
Nach einigen Monaten trifft die Mutter zufällig die Lehrerin, die der Junge in den ersten Klassen hatte. Sie erzählt von der neuen Schule. „Dadurch ist er viel besser gerüstet für den Übergang auf die Hauptschule“, sagt sie, „oder vielleicht schafft er es dann sogar auf die Realschule!“
Die Lehrerin schluckt. Zögernd sagt sie:
„Ihr Sohn kann nach der vierten Klasse gar nicht auf die Haupt- oder Realschule wechseln. Dazu muss das Schulamt erst wieder den Förderbedarf aufheben. Aber das wird schwer, weil die Anforderungen ja jetzt sehr viel geringer sind.“
„Das stimmt“, antwortet die Mutter, „ich habe mich schon gewundert: Keine Diktate mehr, keine kleinen Aufsätze, keine Hausaufgaben…“
„… deshalb gibt es an dieser Schule auch keine regulären Schulabschlüsse, sondern später nur ein Abgangszeugnis“, fährt die Lehrerin fort.
Die Mutter schüttelt den Kopf: „Aber wie will er damit eine Lehrstelle finden?“
Die Lehrerin schweigt einen Moment. Dann fragt sie: „Hat Ihnen das alles denn noch nie jemand erklärt?“
Die Geschichte vorgelesen ...