Montag, 31. Dezember 2018

Regeln

In diesem Jahr soll es geschehen: DER JUNGE will ausziehen. Schließlich ist er schon ein junger Mann.
Gemeinsam mit seinen Eltern schaut er sich eine Wohngruppe an.
Alle Bewohner sind in irgendeiner Weise eingeschränkt und brauchen Unterstützung. So wie der Junge auch.
Sie haben sich an einem Samstag-Vormittag mit einem der Betreuer in der Gemeinschafts-Küche verabredet.
Der Betreuer erklärt, dass es einiges an Regeln für die Wohngruppe gibt.
Während er spricht, erscheint einer der jungen Leute und nuschelt ein bisschen undeutlich, dass er „jetzt endlich sein Handy wieder haben“ will.
Der Betreuer holt einen Schlüssel, schließt einen Metallkasten auf und holt ein Handy hervor. Dabei erklärt er: „Abends schließen wir die Handys immer ein, damit die nicht die ganze Nacht daddeln.“
Die Eltern schauen sich an. Der Junge hört kaum noch zu. Seitdem er erfahren hat, dass man keinen eigenen Fernseher auf seinem Zimmer haben darf, grummelt er vor sich hin. Was wann im Fernsehen gesehen wird, entscheide die Gruppe. So sei die Regel.
Bevor die Eltern jetzt weiter fragen können, kommt ein weiterer, etwas fülliger, junger Mann in die Küche. Er setzt sich an den Tisch und will zum Brotkorb greifen.
Doch der Betreuer schüttelt energisch den Kopf: „Nein, nein! Du kennst die Regel!“ Und er zeigt auf ein Trimm-Fahrrad in der Ecke des Raumes.
„Ja,ja…“ stöhnt der junge Mann und schlurft langsam zum Fahrrad.
„Ich glaube, wir denken noch einmal ganz in Ruhe über alles nach…“, sagt der Vater, und die Familie verabschiedet sich.
Die Geschichte vorgelesen ...

Montag, 24. Dezember 2018

Das Praktikum

DER JUNGE macht ein Schülerpraktikum.
Am ersten Tag fährt die Mutter ihn dort hin.
Der Firmenchef bittet die beiden, noch kurz auf einen Kaffee Platz zu nehmen.
Dann erklärt er ein bisschen, wie die nächsten Tage ablaufen werden.
Der Junge hört aufmerksam zu.
Dann stehen alle auf und die Mutter verabschiedet sich.
Der Junge geht zum Chef, legt ihm die Hand auf den Arm und sagt:
„Ich mag Dich!“
Der Chef zögert kurz. Dann lächelt er und sagt:
„Ich mag Dich auch!“
Die Geschichte vorgelesen ...

Montag, 17. Dezember 2018

Die Rollstuhl-Toilette

Bald ist es soweit: DAS MÄDCHEN wechselt auf die weiterführende Schule. Die Eltern haben sich schon lange erkundigt, welche denn in Frage kommt. Denn es ist klar, dass das Mädchen eine Rollstuhl-Toilette braucht.
Gut, dass in der Nähe vor ein paar Jahren eine barrierefreie Schule gebaut wurde. Bei der Anmeldung war der Rektor allerdings merkwürdig zurückhaltend und hatte die Familie aufs Schulamt verwiesen. Er könne letztlich gar nichts entscheiden.
Heute nun ruft der zuständige Schulrat endlich zurück. „Ich habe eine passende Schule gefunden“, sagt er freundlich, „die ist etwas weiter weg. Aber das ist ja kein Problem, denn Ihre Tochter hat ja zum Glück einen Anspruch auf Beförderung!“
Die Mutter ist irritiert. „Aber weshalb kann sie nicht auf die Schule hier im Viertel gehen?“, fragt sie, „dort gibt es doch eine Rollstuhl-Toilette, oder?“
„Im Prinzip ja…“. Der Schulrat druckst ein bisschen herum, „die Installationen sind in dem Raum schon alle vorhanden. Aber weil es dort noch nie einen Schüler im Rollstuhl gab, hat man die sanitären Anlagen gar nicht eingebaut, sondern den Raum als Kopierraum genutzt…“
„Ja, und…?“, fragt die Mutter.
„Und jetzt habe ich sehr lange mit dem Rektor gesprochen: Die Schule kann sich überhaupt nicht vorstellen, den Raum wieder herzugeben. Denn sie weiß dann einfach nicht, wo die Kopierer stehen sollen. Und eine Schule ohne Kopien – die können Sie sich doch sicherlich auch nicht vorstellen, oder?“
Die Geschichte vorgelesen ...

Montag, 10. Dezember 2018

Beim Schwimmen

DER JUNGE ist in einer Schwimmgruppe. Die Mutter bringt ihn dorthin. Sich umziehen kann er ganz alleine. Weil sich aber die Schränke so schwer abschließen lassen, packt er seine Sachen immer in einem offenen Schrank direkt neben der Umkleidekabine.
Nun war eine lange Schwimmpause wegen der Ferien. Beim ersten Schwimmtag denkt die Mutter: Jetzt schau ich mal, ob das alles mit dem Umziehen noch klappt.
Als der Junge schon in der Halle ist, geht sie zur Umkleidekabine und sieht seine Schuhe dort noch stehen. Von den anderen Klamotten keine Spur. „Ich wusste es doch…“, denkt sie.
Sie geht zur Hallentür, ruft den Jungen zu sich und fragt: „Wo sind denn all Deine Sachen?“
„In 102“, sagt der Junge.
„Sicher?“, fragt die Mutter.
„Ja, sicher“, sagt der Junge, „in Schrank 102.“
Die Mutter geht wieder in den Umkleidebereich und sucht den Schrank 102. Er ist in der hintersten Ecke. Und ordentlich gefaltet liegen die Anziehsachen des Jungen darin.
Als das Schwimmen zu Ende ist, kommt ihr ein gut gelaunter Junge entgegen. Er hat alle seine Sachen wieder an, auch die Schuhe.
Sie nimmt ihn in den Arm und geht mit ihm zum Auto. Dabei schüttelt sie ein bisschen den Kopf. Über sich selbst.
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Montag, 3. Dezember 2018

Kindergärten

DER JUNGE wird bald drei Jahre alt. Die Mutter sucht für ihn einen Kindergartenplatz.
„Behinderte sind hier natürlich willkommen“, sagt die Leiterin einer immer wieder in den Medien gelobten inklusiven Einrichtung. Aber sie verweist auf die nötige Beantragung einer Integrationshilfe. Das könne lange dauern. Und 15 Stunden müssten schon mindestens bewilligt werden.
Willkommen sind Kinder mit Behinderung auch im Kinderladen eines Elternvereins. Allerdings werden dort wohl im nächsten Jahr nur Geschwisterkinder aufgenommen. Da hat der Junge Pech, denn er hat nur eine kleine Schwester.
Willkommen sind Kinder mit Behinderung auch in einem kirchlichen Kindergarten. „Allerdings“, sagt die Leiterin, „nehmen wir die grundsätzlich nur zur Probe auf. Wir wissen ja nie, wie das läuft. Ein Kind hat uns hier erst einmal das ganze Spielzeug zerlegt.“
Willkommen sind Kinder mit Behinderung auch in einem anderen Kindergarten. Drei Stunden pro Tag – das ist dort die Regel: „Die sind ja sonst auch schnell überfordert.“
Die Mutter ist jetzt ziemlich ratlos.
Nun bleibt ihr nur noch ein Kindergarten im Stadtteil.
„Kinder mit Behinderung sind hier willkommen!“, sagt die Leiterin. Die Mutter wartet, was jetzt noch kommt. Aber es kommt nichts mehr.
Die Mutter füllt die Anmeldeformulare aus und geht wieder nach draußen. Dann weint sie erst einmal sehr lange.
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