Montag, 20. Mai 2019

Praktikum

DER JUNGE geht in die 8. Klasse einer Gemeinschaftsschule. In seiner Klasse sind noch drei weitere Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf.
Nun stehen die ersten Praktika an. Dazu gibt es heute ein Elterngespräch mit der Mutter des Jungen.
„Sie hatten ja bereits im vergangenen Schuljahr gesagt“, beginnt die Sonderpädagogin, „dass Sie ein Praktikum in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung, das wir eigentlich vorgesehen hatten, ablehnen.“ Die Lehrerin verzieht ein wenig skeptisch das Gesicht: „Ihr Sohn, so hatte ich Sie verstanden, hat Interesse für Technik und soll sich auf dem ersten Arbeitsmarkt ausprobieren.“
Die Mutter nickt.
Die Sonderpädagogin fährt fort und lächelt stolz: „Ich habe jetzt die optimale Lösung für alle gefunden: Ich werde gemeinsam mit allen vier Schülern zwei Wochen lang hier im Stadtteil im Kinderhaus hospitieren!“
Die Mutter schaut sie entgeistert an. Dann widerspricht sie energisch: „Aber mein Sohn hat null Interesse an Kinderbetreuung oder Hauswirtschaft! Außerdem soll er in seinem Praktikum so selbständig wie möglich arbeiten! Wir werden ihm selbst etwas Passendes suchen.“
Die Lehrerin reagiert verschnupft: „Wenn Ihnen das, was ich anbiete, nicht gut genug ist, können Sie das natürlich tun. Aber ich verstehe Sie, ehrlich gesagt, überhaupt nicht: Das Kinderhaus ist doch eine Einrichtung des ersten Arbeitsmarktes. Und irgendwelche handwerklichen oder technischen Aufgaben hätte ich dort für ihn schon gefunden!“
Die Geschichte vorgelesen ...

Montag, 13. Mai 2019

Selbstverteidigung

DAS MÄDCHEN lernt an einer allgemeinen Schule.
Schüler mit einer Körperbehinderung seien überhaupt kein Problem, betont die Direktorin immer wieder öffentlich.
Aber das Mädchen mit Bewegungsstörungen hat es nicht leicht. Wenn es läuft, wollen seine Arme und Beine oft nicht so, wie es das Mädchen will. „Pferd“ nennen die Mitschüler es deshalb. Einer der Jungs schleicht sich regelmäßig von hinten an das Mädchen heran und kitzelt es, bis es das Gleichgewicht verliert und zu Boden geht. Niemand hilft ihr dann wieder auf.
Deshalb möchte das Mädchen einen Selbstverteidigungskurs machen. Die Eltern suchen lange, bis sie bei einer Beratungsstelle fündig werden: Ein Selbstbehauptungskurs „für Mädchen mit und ohne Behinderung“ wird angeboten. Die Kursleiterin, erfahren sie auf Nachfrage, sei sehr erfahren.
Als die Eltern ihre Tochter nach dem Kurs wieder abholen, weint sie. Was ist los?
Sie sei das einzige Mädchen mit Behinderung gewesen, berichtet sie.
Alle hatten erzählen dürfen, warum sie im Kurs sind. Aber als sie von den Vorfällen in der Schule erzählen wollte, hatte die Leiterin gesagt: „Das gehört nicht hierher! Außerdem ist deine Redezeit schon überschritten.“
Und weil das Mädchen nicht nur langsam spricht, sondern auch einige Übungen nur langsamer oder gar nicht machen konnte, hatten die anderen gelacht. „Keiner ist irgendwie auf mich eingegangen“, schluchzt das Mädchen.
Die Mutter wartet, bis die Teilnehmerinnen gegangen sind. Dann spricht sie die Kursleiterin an.
„Na ja“, sagt diese, „ich konnte doch nicht zulassen, dass Ihre Tochter erzählt, wie sie wegen ihrer Behinderung belästigt und beleidigt wird. Da hätten sich doch die anderen Mädels gleich angegriffen gefühlt!“
Und pikiert fügt sie hinzu: „Ich gebe viele Kurse an Sonderschulen, sogar für lernschwache Mädchen. Noch nie hat mir jemand etwas Ähnliches rückgemeldet! Ich glaube, Ihre Tochter ist einfach zu anspruchsvoll – oder zu empfindlich!“
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Montag, 6. Mai 2019

Team

DAS MÄDCHEN wird eingeschult. Es hat, wie drei andere Kinder auch, andere Lernziele als die Grundschüler. Es gibt in diesem Jahr zwei erste Klassen an der Schule. In welche Klasse sollen die vier Kinder kommen? Das war eine leichte Entscheidung für die Schulleitung:
Die eine Lehrerin, für die Klassenleitung vorgesehen, war sich ganz sicher: Gemeinsam unterrichten kann nicht gutgehen! Außerdem sei ihr der Leistungsaspekt auch in der ersten Klasse sehr wichtig, betonte sie. Die andere Lehrerin freute sich auf das Arbeiten im Team mit der Sonderpädagogin.
Und so wird es dann auch umgesetzt: Zu zweit planen und organisieren sie jetzt schon im zweiten Jahr den Unterricht für alle Schüler gemeinsam. Oft sehen die Kollegen, wie sie im Lehrerzimmer zusammensitzen und sich absprechen. Immer haben sie viele unterschiedliche Unterrichtsmaterialien um sich herum liegen. Die Schulleitung ruft die Inklusion immer wieder bei Konferenzen als Tagesordnungspunkt auf. Und dann erzählen die beiden Lehrerinnen: Wie gut die Zusammenarbeit klappt, wie sehr sie es genießen, so oft zu zweit zu sein, dass alle Kinder profitieren. Und dass die Leistungen der Klasse kein bisschen schlechter sind als die der Parallelklasse.
Heute nun geht es wieder um eine erste Klasse, die Klassenleitung und wieder um Kinder, die inklusiv lernen werden. Da meldet sich die andere Lehrerin in der Konferenz und sagt: „Also, ich könnte mir wirklich gut vorstellen, das zu machen!“
Zwei Nixklusionsmännchen, die sich an Armen halten, viele Kinder, und ein Männchen, das ganz weit entfernt steht.

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Montag, 29. April 2019

Die Gruppe

DER JUNGE ist schon seit einigen Jahren in einer Jugendgruppe.
Weil sich die Leiter das nicht anders zutrauen, schickt die Mutter immer eine Begleitperson mit.
Manchmal meldet sich der junge Mann, der mitgeht, wenn sich etwas geändert hat –
Wenn sich die Gruppe zum Beispiel im Schwimmbad oder im Eiscafé trifft.
„Woher weiß er das eigentlich immer?“, überlegt die Mutter eines Tages und fragt ihn.
„Na, aus der WhatsApp-Gruppe!“, sagt er.
„Welche Gruppe?“, fragt die Mutter überrascht, „und warum ist der Junge da nicht drin?“
„Hat er denn ein Handy?“, fragt der junge Mann, „ich glaube, damit rechnet dort keiner…“
„Und warum nicht?“ Die Mutter schüttelt ungläubig den Kopf: „Ein Handy hat er schon seit Jahren! Er schreibt auch regelmäßig in die Klassengruppe und mit seinen Freunden!“
Sie mailt die Gruppenleiterin an und bittet sie, den Jungen auf die Liste der WhatsApp-gruppe zu setzen.
„Kein Problem“, schreibt diese kurz zurück.
Als der Junge auf der Liste ergänzt wird, sieht die Mutter den Eintrag:
„Liste erstellt vor 2,5 Jahren.“
Das Whatsapp Symbol in grün plus Nixklusionsmännchen
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Montag, 22. April 2019

Hausaufgaben

DER JUNGE geht auf eine besondere Schule.
Sein Zwillingsbruder geht auf eine normale Grundschule.
Der Junge lernt auf der besonderen Schule besondere Sachen: Einen Tag geht die Klasse zum Reiten.
Einen ganzen Vormittag wird Sport gemacht. Und es wird viel gekocht. Wenn er Blätter mit nach Hause bringt, dann sind es Ausmalblätter.
In der Klasse seines Bruders wird nicht gekocht. Es wird geschrieben, gerechnet und gelesen.
Und der Bruder hat immer viele Hausaufgaben auf.
Der Junge schaut ihm dann über die Schulter. „Ich auch!“, sagt er jeden Tag zu seiner Mutter. Er möchte auch solche Aufgaben machen. Manchmal nimmt er deshalb seinem Bruder die Hefte weg. Dann gibt es Streit zu Hause.
Die Mutter schildert in der Schule des Jungen das Problem. Sie ist verzweifelt.
„Ich verstehe Sie gut“, sagt die Lehrerin, „da müssen wir wirklich etwas ändern! Mein Vorschlag ist: Gehen Sie doch mit dem Jungen während dieser Zeit auf den Spielplatz oder wenigstens in ein anderes Zimmer!“
Die Zwillinge streiten um die Hefte
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Montag, 15. April 2019

Kolleginnen

DAS MÄDCHEN ist in einer ganz normalen Grundschulklasse.
Die Klassenlehrerin gibt sich große Mühe. Sie hat viele kleine extra Aufgabenheftchen für das Mädchen vorbereitet.
Immer, wenn die Sonderpädagogin in die Klasse kommt, arbeitet das Mädchen daran.
Die anderen lesen vor, hören zu, sprechen Englisch oder arbeiten an der Sachunterrichtswerkstatt.
Das Mädchen beschäftigt sich währenddessen mit seinen Heften. Oder auch nicht. Es wird immer unwilliger.
Die Klassenlehrerin ist frustriert.
„Lass es doch einfach mitmachen“, schlägt die Sonderpädagogin vor.
„Ich schaffe es aber nicht, alle Arbeitsblätter zu differenzieren“, seufzt die Klassenlehrerin.
„Das ist auch gar nicht nötig“, „erklärt die Kollegin, „oft reichen auch nur kleine Hilfen. Das Mädchen wird andere Ergebnisse liefern als die anderen. Das ist doch aber in Ordnung.“
Die beiden Lehrerinnen verständigen sich, dass jetzt erst einmal im Mittelpunkt steht, dass das Mädchen wirklich überall mitmacht. Und die Klassenlehrerin versucht es.
Als die Sonderpädagogin das nächste Mal kommt, zeigt ihr die Lehrerin mit Tränen in den Augen eine Geschichte, die das Mädchen geschrieben hat.
Und sie berichtet strahlend, dass es sich gemeldet und vor der Klasse etwas vorgelesen hat. An der Wand hängt ein Plakat aus dem Sachunterricht, zu dem auch das Mädchen etwas beigetragen hat.
Die Sonderpädagogin freut sich und ermutigt ihre Kollegin: „Weiter, so!“
„Mach ich!“, sagt diese und fügt hinzu: „Weißt du, wenn ich ehrlich bin: So schwer war das alles nicht!“
Die verzweifelte Lehrerin und die Sozialpädagogin mit Kindern
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Montag, 8. April 2019

Die Einladung

Die Patentante des MÄDCHENS ist bei einem neuen Kollegen eingeladen.
Es gibt Kaffee und Kuchen.
Eine kleine Runde, auch die Frau des Kollegen ist dabei.
Sie erzählt: Von ihren drei Kindern und ihrer vollen Stelle.
Sie ist Sonderpädagogin.
„Komm, nimm noch mal vom Kirschkuchen“, sagt sie lachend, „sonst kann ich morgen keinen neuen backen und muss noch mehr Kirschmarmelade einkochen!“
„Wie Du das alles schaffst…!“ Die Patentante ist beeindruckt. „Du musst doch sicher auch noch die ganze Unterrichtsvorbereitung am Wochenende machen!“
Sie weiß aus der Familie des Mädchens, dass es dort viel um passgenaues Fördermaterial geht und es viel Zeit und Mühe kostet, dies zu finden.
„Ach, halb so schlimm“, wehrt die Frau des Kollegen ab „weißt du: Ich mach‘ mir das Leben nicht unnötig schwer! Ich schau‘ immer, dass ich eine unserer Klassen für geistig behinderte Schüler bekomme. Ich hab da Einiges an fertigem Material für Vorschulkinder. Irgendwas davon passt immer. Und ich lasse meine Schüler viele Mandalas malen, gehe mit ihnen auf den Schulspielplatz, oder wir machen zusammen Pudding. Diese Kinder sind ja schon mit ganz einfachen Dingen so zufrieden!“
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Montag, 1. April 2019

Gute Gründe

Die Mutter des JUNGEN MANNES trifft sich endlich mal wieder mit einer guten Freundin.
„Und“, fragt sie, „wie geht es eurem Sohn? Habt ihr ihn inzwischen aus der Einrichtung abgemeldet?“
„Nein“, sagt die Freundin, „mein Mann und ich haben uns doch anders entschieden. Er hat da alles, was er braucht: Unterstützung beim Wohnen, verschiedene Freizeitangebote, eine Arbeit, die er nie verlieren kann - das ist ja wie ein ganzes Dorf: ohne Hektik, ohne Leistungszwang, so ganz anders als bei uns!“
Die Mutter wundert sich: „Aber vor ein paar Wochen wart ihr doch noch ganz sicher, dass euer Sohn dort unterfordert ist! Du meintest, mit ein bisschen Unterstützung könne er in eine eigene Wohnung ziehen und eine Stelle auf dem ersten Arbeitsmarkt bekommen.“
„Ja, das stimmt natürlich immer noch.“ Die Freundin nickt. „Aber ein Gespräch mit dem Einrichtungsleiter hat uns die Augen geöffnet. Er hat ganz klar gesagt: Sie würden unseren Sohn nur ungern gehen lassen, aus Fürsorgegründen, denn so ein selbständiger Weg beinhalte ja auch das Risiko, zu scheitern. Dort in der Werkstatt ist unser Sohn einer der leistungsstärksten. Wenn er normal arbeitet, sieht das ganz anders aus. Und die wirtschaftliche Absicherung ist natürlich auch unschlagbar. Unser Sohn verdient zwar so gut wie nichts, aber er muss ja auch nichts bezahlen. Alles was er braucht, gibt es dort! Und schon nach zwanzig Jahren kann er eine gute Rente beantragen!“
„Hmm“, sagt die Mutter nachdenklich.
„Ja, und: Unser Sohn ist der einzige Bewohner dort mit Führerschein. Er fährt immer seine ganze Außenarbeitsgruppe zum Einsatzort. Das hat der Leiter noch einmal extra betont. Das ist doch auch wirklich schön, oder?“
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Montag, 25. März 2019

Basketball

DER JUNGE liebt Sport. Trotz seiner starken Sehbehinderung probiert er alles aus. Er möchte Basketball spielen. Groß genug ist er ja.
Die Mutter ruft beim Sportverein an. „Kommen Sie einfach mal vorbei“, lädt der Trainer ein, „wir haben zwar keine Erfahrung mit Behinderungen, aber wir schauen mal.“
Beim ersten Termin hatte der Trainer einen Spieler aus der Jugendmannschaft um Unterstützung gebeten. Doch schon beim zweiten Mal macht er alles alleine. Er sagt zur Mannschaft: "Schaut, ich habe noch knallrote Leibchen gefunden, die zieht ihr bei den Wurfübungen über eure T-Shirt, dann kann der Junge euch besser erkennen." Im Spiel rufen die Spieler beim Anspiel den Namen des Jungen. Der weiß dann gleich, aus welcher Richtung der Ball kommt. Und der Trainer hat neue Basketbälle gekauft: schwarze, im Kontrast zum hellen Hallenboden.
Beim Grillfest spricht er mit den Eltern: „Ich glaube, Ihr Sohn fühlt sich bei uns sehr wohl. Ich will ihn unbedingt zum Freundschaftsturnier nächste Woche mitnehmen. Ich habe schon mit den Trainern der anderen Vereine gesprochen und ihnen erklärt, was sie beachten müssen, damit alles gut klappt.“ Die Eltern sind einverstanden und sehr glücklich.
„Nun habe ich aber noch eine Frage“, fährt der Trainer fort, „ich lese immer wieder von gesellschaftlicher Inklusion in der Zeitung. Was ist das eigentlich genau? Ich sollte das vielleicht wissen, wenn Ihr Sohn jetzt fest in meiner Mannschaft ist“, sagt er lachend.
Nun lacht auch die Mutter: „Das hier ist Inklusion“, sagt sie und zeigt auf die Jungs, die sich schon wieder Bälle zuwerfen. Und der Junge -  mittendrin im Spieler-Knäuel.
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Donnerstag, 21. März 2019

Fördern (zum Welt-DS-Tag)

Die Mütter haben sich auf einen Kaffee verabredet.
Beide haben sie Kinder mit Down-Syndrom.
„Du“, sagt die eine zur anderen, „neulich habe ich DAS MÄDCHEN wieder einmal getroffen.“
Ihre Kinder waren mit dem Mädchen gemeinsam in der Frühförderung.
„Es spricht doch immer noch kein einziges Wort“, sagt die Mutter.
„Noch immer nicht?“, fragt die andere entsetzt, „ja war es denn nicht bei der Logopädie?“
 „Doch, ich glaube schon – aber viel zu spät. Da gehen ja ganz wichtige Zeitfenster zu, wenn man sich nicht rechtzeitig kümmert.“
Die andere Mutter nickt:  „Und es ist natürlich auch wichtig, wirklich die besten Therapeuten zu finden. Ich fahre dafür jede Woche viele Kilometer. Und zu Hause muss man ja auch noch viel machen. Es gibt so viele tolle Sprachfördermaterialien, da kommt man kaum hinterher.“
„Also, wenn das Mädchen nicht spricht, dann kann man das ja mit der Inklusion auch vergessen…“
„So ist es“, bestätigt die andere Mutter, „das war auch immer mein Ziel: Meinen Sohn so fit zu machen, dass er in eine inklusive Klasse kann.“
„Dafür ist auch Ergotherapie gut. Damit er auch bewegungsmäßig mithalten kann…“, ergänzt die Mutter.
„Ja, von nichts kommt nichts“, sagt andere Mutter, „ich habe mir da nichts vorzuwerfen!“
Und dann seufzt sie zufrieden.
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Montag, 18. März 2019

Weiß

Am Elternsprechtag hört die Mutter nicht nur Positives über DEN JUNGEN.
Besserwisserisch und vorlaut sei er, findet seine Lehrerin. Und eben sehr speziell…
„Da hat er sich neulich sein T-Shirt nach dem Sportunterricht über die Augen gezogen und ist damit so herumgelaufen“, berichtet sie. „Dann hab ich ihn ermahnt: Junge, Du siehst doch gar nichts! Es ist jetzt doch alles schwarz! Nein, hat er da gesagt: Es ist jetzt alles weiß!“
Die Lehrerin schüttelt den Kopf.
Und während sie weiter erzählt, was der Junge wann gesagt oder getan hat, denkt die Mutter:
Wenn ich mir ein weißes T-Shirt über die Augen ziehe und dann sie auf mache: Dann ist wirklich alles weiß.
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Montag, 11. März 2019

Biergarten

DER JUNGE ist inzwischen ein junger Erwachsener und gerne mal abends unterwegs.
Alleine geht das nicht, denn er ist nicht mobil. Er braucht immer eine Begleitung, die ihn unterstützt – sowohl in Bussen und Bahnen, als auch beim Essen oder auf der Toilette.
Er hat für diese Assistenzleistungen ein Budget vom Sozialamt erhalten. Ein Budget für Freizeit. Damit auch er seine Freizeit so gestalten kann, wie er es möchte.
Jedes Halbjahr weist er detailliert seine Ausgaben nach.
Nun hat der Sachbearbeiter gewechselt.
Der bittet zum Gespräch. Denn er hat Nachfragen.
„Was machen Sie denn eigentlich so, wenn sie abends gemeinsam mit Ihrem Assistenten losziehen?“, will er wissen.
„Meistens essen wir irgendwo etwas“, berichtet der Junge wahrheitsgemäß, „dann bummeln wir durch die Stadt. Manchmal machen wir dann auch noch im Biergarten Halt. So auf ein zwei Bier.“
„Also“, sagt der Sachbearbeiter, „das geht natürlich gar nicht: Dass Sie auf Staatskosten saufen gehen!“
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Montag, 4. März 2019

Das Kursprogramm

Die Mutter sucht für DAS MÄDCHEN nach Freizeitaktivitäten.
Dabei stößt sie auf ein „inklusives Kursprogramm“. Auf den Fotos sind überwiegend junge Leute mit Behinderung zu sehen.
Sie blättert das Heft durch: „Wir backen gemeinsam Pizza“, „Sandwich – leicht gemacht“, „Ein Picknick im Garten unserer Einrichtung“…
Immer nur essen? Das Mädchen hat sowieso schon einige Kilo Übergewicht. Beim letzten Termin hatte auch der Arzt gesagt, dass man hier ein bisschen aufpassen solle.
Eigentlich sucht die Mutter auch etwas anderes. Etwas mit Bewegung an der frischen Luft, zum Ausgleich für die vielen Schulstunden drinnen sitzen: Wandern, klettern oder bootfahren, zum Beispiel. Das macht das Mädchen gern.
Sie ruft beim Anbieter an und fragt, ob es auch so etwas gibt.
"Nein, eigentlich nicht“, sagt die Leiterin, "so etwas wäre auch enorm aufwendig. Und ich bin skeptisch, ob das dann wirklich angenommen wird... Aber essen tun doch alle sehr gern! Da haben wir immer nur positive Rückmeldungen."

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Montag, 25. Februar 2019

Der Pfarrer

DER JUNGE ist erwachsen.
Immer wieder sterben im seinem Umfeld Menschen.
Er hat gelernt, in einfacher Sprache für sie zu beten.
Das ist inzwischen ein Ritual, das er sehr liebt.
Manchmal geht er gemeinsam mit seinem Assistenten in die Kirche zu einem Gottesdienst.
Das ist nicht immer ganz einfach.
Denn er ist sehr spontan:
Er beschwert sich lautstark über „das blöde Aufstehen“.
Wenn jemand die Kirche verlässt, ruft er ihm freundlich „Auf Wiedersehen“ hinterher.
In der vergangenen Woche ist wieder jemand gestorben, den er kannte.
Heute sitzt der Junge im Gottesdienst und wartet ungeduldig auf das Ende.
Sofort nach dem Segen rennt er nach vorne. Sein Assistent rennt hinterher.
„Ich will beten“, bestürmt er den Pfarrer, der gerade in die Sakristei gehen will.
„Gerne“, sagt der Pfarrer. Er hatte den jungen Mann zwar immer schon mal in der Kirche gesehen, aber noch nie mit ihm gesprochen.
Der Junge und sein Assistent beten jetzt laut, so wie es der Junge gelernt hat.
Derweil leert sich die Kirche.
Der Pfarrer lässt sich davon nicht beirren, sondern hört aufmerksam zu.
Als der Junge fertig ist, spricht der Pfarrer noch ein abschließendes „Vater Unser“ und sagt:
 „Der liebe Gott passt auf alle auf: auf die Toten im Himmel und die Lebenden hier auf der Erde.“
Der Junge nickt und ist sehr zufrieden.
„Auf Wiedersehen“, ruft er freundlich, dreht sich um und rennt aus der Kirche.
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Montag, 18. Februar 2019

Sportunterricht 2

DER JUNGE besucht eine allgemeine Schule.
Seine Körperbehinderung spielt im Unterricht keine große Rolle.
Ausnahme: Der Sportunterricht.
Weil er im vergangenen Halbjahr bei vielem nicht mitmachen durfte und deshalb auch nicht benotet wurde, hatte die Mutter das Gespräch mit der Lehrerin gesucht.
Die Lehrerin versprach, den Sportunterricht künftig „inklusiv“ zu gestalten.
Als die Mutter den Jungen eine Woche später fragte, ob er denn jetzt immer noch auf der Bank sitzen müsse, schüttelte der den Kopf: Nein, nein…
Die Mutter war beruhigt. Dann gab es Zeugnisse. „Sport: ausreichend“, stand da.
Eine Vier? Weshalb denn das? Die Mutter schüttelt den Kopf.
Wieder spricht sie mit der Lehrerin und lässt sich erklären, wie der Sportunterricht jetzt läuft:
Wenn die anderen Fußball spielen, schießt der Junge Soft-Bälle auf eine Torwand.
Wenn die anderen einen Parcours machen, absolviert der Junge seinen leichten Parcours am Rand.
Und wenn die anderen turnen, macht er alleine seine Übungen an der Sprossenwand.
„Na ja“, sagt die Lehrerin abschließend, „und eine Vier habe ich ihm gegeben, weil er bei all dem wirklich nicht sehr motiviert war!“
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Montag, 11. Februar 2019

Sportunterricht 1

DER JUNGE besucht eine allgemeine Schule.
Seine Körperbehinderung spielt im Unterricht keine große Rolle.
Ausnahme: Der Sportunterricht.
Denn er kann nicht richtig rennen, er kann keinen Ball fangen, und springen kann er auch nicht.
Er prellt mit einer Hand und bewegt sich sonst eher langsam und vorsichtig.
Was macht denn der Junge im Sportunterricht?
Wenn die Mutter mittags sein Sportzeug auspackt, ist es niemals durchgeschwitzt.
Manchmal ist es auch noch so gefaltet, dass man denken könnte, der Junge hat es gar nicht getragen.
Nach ein paar Wochen fragt sie den Jungen direkt.
„Naja, viel mache ich nicht mit“, sagt dieser vorsichtig.
„Was heißt das?“, fragt die Mutter nach.
„Wenn etwas gemacht wird, was ich nicht kann, muss ich mich auf die Bank setzen.“
Die Mutter ist sprachlos.
„Aber… hast du das nicht mal angesprochen? Da lässt sich doch sicherlich auch etwas finden, was du machen kannst…“
„Nein, hat die Lehrerin gesagt. Und: Damit musst du dich einfach abfinden.“
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Montag, 4. Februar 2019

Tanzen

DER JUNGE tanzt. Hip Hop. Eine nette Gruppe, eine nette Trainerin.
Aber seit den Ferien tanzt er nicht mehr mit.
Er steht nur am Rand und schaut zu.
Die Trainerin ist besorgt. Was ist denn los?
Der Junge zuckt nur mit den Achseln.
Die Mutter sagt: „Lassen Sie ihm Zeit! Das wird schon wieder…“
Auch in der Schule, bei der Musik und schon früher im Kindergarten gab es diese Phasen.
„Der ist ganz klar überfordert“, sagten damals die einen.
„Der müsste in eine Gruppe für Kinder mit speziellen Bedürfnissen“, sagten andere.
„Die Schere zu den normalen Kindern geht eben immer mehr auf“, sagten die nächsten.
Und die Mutter sagte das, was sie auch jetzt sagt: „Haben Sie bitte Geduld!“
Nun steht eine Tanzaufführung bevor.
Nur noch zweimal Tanztraining…
„Unglaublich!“, sagt die Trainerin, als die Mutter den Jungen abholt, „heute hat er sich sofort zu den anderen gestellt und alles mitgemacht! Und er konnte alles!“
Dann lacht sie: „Na ja, lange genug angeschaut hatte er sich die Tanzschritte ja auch.“
Die Mutter lächelt.
Und dann sieht sie es bei der Aufführung selbst: Wie der Junge alles fröhlich mittanzt. Nur manchmal sind seine Arme nicht da, wo sie hingehören.
Immer dann, wenn er der Mutter zuwinkt.
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Montag, 28. Januar 2019

Kleiner Bruder

Die Familie war eine Zeitlang im Ausland. Nun gehen DER JUNGE und sein kleiner Bruder wieder in eine deutsche Schule.
Der Junge besucht eine der oberen Klassen, sein kleiner Bruder wird noch einmal in die 1. Klasse gesetzt.
Das funktioniert nicht besonders gut.
Der Bruder weigert sich, noch einmal das Alphabet zu lernen. Das hatte er schon in seiner alten Schule. Außerdem kann er schon längst kleine Bücher lesen.
Auch die Mathe-Arbeitsblätter zum Zahlenraum bis 10 zerreißt er regelmäßig.
Es dauert nicht lange, da bittet die Lehrerin die Mutter zum Gespräch.
„So kann es nicht weitergehen“, sagt sie, „natürlich habe ich für seine Situation Verständnis…“
„Was meinen Sie genau?“, fragt die Mutter.
„Naja, ich weiß, dass er es nicht leicht hat. Aber ich kann ihm trotzdem nicht alles durchgehen lassen…“
Die Mutter runzelt fragend die Stirn.
„…nur weil er mit einem behinderten Bruder aufwachsen muss!“

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Montag, 21. Januar 2019

In der Freizeit

Die Mutter DES JUNGEN trifft eine andere Mutter. Beide haben sich lange nicht mehr gesehen.
Die Tochter der anderen Mutter war einige Zeit mit dem Jungen in einer Klasse, bis er in die allgemeine Schule wechselte.
Seit kurzem lebt sie in einem Wohnheim für Menschen mit Behinderung.
„Sie fühlt sich dort sehr wohl“, berichtet ihre Mutter, „auch in der Freizeit wird dort einiges angeboten.“
„Ach, das ist ja interessant“, fragt die Mutter des Jungen nach, „was denn so?“
„Manchmal wird gemeinsam gekocht oder ein Kinoabend organisiert. Sogar bei einem Fußballspiel waren sie neulich“, berichtet die Mutter.
„Ich weiß nicht, ob das was für meinen Sohn wäre“, gibt die Mutter des Jungen zu bedenken, „er geht ja regelmäßig ins Fitness-Studio. Und am Wochenende ist es zumindest im Winter sein größtes Glück, wenn er Ski fahren kann!“
„Ts, ts…“ – die andere Mutter legt die Stirn in Falten und schüttelt den Kopf:
„Du hast aber auch immer Ansprüche!“
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Montag, 14. Januar 2019

Der Schulranzen

DER JUNGE ist seit kurzem in einer neuen Schule.
Mittwochs ist dort AG-Tag. Dazu müssen die Kinder in ein anderes Gebäude laufen.
Davor hat der Junge große Angst. Denn er kann nur einen Arm benutzen. Und er geht etwas schleppend. Manchmal stolpert er.
„Was ist, wenn ich hinfalle?“, denkt er, „oder wenn ich mich verlaufe?“ Und dann ist da auch noch der schwere Schulranzen…
Doch nach dem ersten AG-Tag sind alle seine Ängste verflogen.
„So“, hatte eines der Mädchen aus seiner Klasse energisch gesagt, „immer einer von uns trägt deinen Ranzen. Und wir bleiben immer schön zusammen, ok?“. Alle waren einverstanden.
Lehrer waren an dieser Regelung nicht beteiligt.
Der Junge erzählt all das sofort zu Hause. „Mama“, sagt er immer noch ganz beeindruckt, „dass sie das für mich getan hat…!“
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Montag, 7. Januar 2019

Nach der Schulzeit

DAS MÄDCHEN ist im Abschlussjahr.
Aber: Wie geht es dann weiter nach der Schule?
Das Arbeitsamt sagt: Eine Ausbildung kann das Mädchen nicht schaffen.
Der Fachdienst sagt: Für eine berufsvorbereitende Maßnahme ist das Mädchen zu schwach.
Die Lehrer sagen: Auf dem ersten Arbeitsmarkt sehen sie das Mädchen nicht.
Der Schulrat sagt: Eine weitere Verlängerung der Schulzeit kommt nicht in Betracht.
Alle sagen: Das Mädchen muss in die Werkstatt!
Die Mutter berichtet dies in der Elterngruppe.
Da meldet sich eine andere Mutter zu Wort: „Du musst gar nichts!“, sagt sie, „und deine Tochter auch nicht! Sie hat ihre Schulpflicht erfüllt. Sie kann gar erst mal einfach nur abhängen, so wie viele andere Kids auch. Sie kann ein Praktikum machen. Oder ins Ausland gehen. Oder ihr nehmt sie mit auf Weltreise…!“
Die Mutter lächelt und schweigt.
Dann sagt sie stockend und leise: „Das ist mir jetzt echt ein bisschen peinlich… Aber ich habe das mit dem „sie muss…“ so oft gehört, dass ich doch tatsächlich davon ausgegangen bin, dass es in Deutschland so etwas wie eine Arbeitspflicht für Behinderte gibt!“
Die Geschichte vorgelesen ...