Montag, 18. Februar 2019

Sportunterricht 2

DER JUNGE besucht eine allgemeine Schule.
Seine Körperbehinderung spielt im Unterricht keine große Rolle.
Ausnahme: Der Sportunterricht.
Weil er im vergangenen Halbjahr bei vielem nicht mitmachen durfte und deshalb auch nicht benotet wurde, hatte die Mutter das Gespräch mit der Lehrerin gesucht.
Die Lehrerin versprach, den Sportunterricht künftig „inklusiv“ zu gestalten.
Als die Mutter den Jungen eine Woche später fragte, ob er denn jetzt immer noch auf der Bank sitzen müsse, schüttelte der den Kopf: Nein, nein…
Die Mutter war beruhigt. Dann gab es Zeugnisse. „Sport: ausreichend“, stand da.
Eine Vier? Weshalb denn das? Die Mutter schüttelt den Kopf.
Wieder spricht sie mit der Lehrerin und lässt sich erklären, wie der Sportunterricht jetzt läuft:
Wenn die anderen Fußball spielen, schießt der Junge Soft-Bälle auf eine Torwand.
Wenn die anderen einen Parcours machen, absolviert der Junge seinen leichten Parcours am Rand.
Und wenn die anderen turnen, macht er alleine seine Übungen an der Sprossenwand.
„Na ja“, sagt die Lehrerin abschließend, „und eine Vier habe ich ihm gegeben, weil er bei all dem wirklich nicht sehr motiviert war!“
Die Geschichte vorgelesen ...

Montag, 11. Februar 2019

Sportunterricht 1

DER JUNGE besucht eine allgemeine Schule.
Seine Körperbehinderung spielt im Unterricht keine große Rolle.
Ausnahme: Der Sportunterricht.
Denn er kann nicht richtig rennen, er kann keinen Ball fangen, und springen kann er auch nicht.
Er prellt mit einer Hand und bewegt sich sonst eher langsam und vorsichtig.
Was macht denn der Junge im Sportunterricht?
Wenn die Mutter mittags sein Sportzeug auspackt, ist es niemals durchgeschwitzt.
Manchmal ist es auch noch so gefaltet, dass man denken könnte, der Junge hat es gar nicht getragen.
Nach ein paar Wochen fragt sie den Jungen direkt.
„Naja, viel mache ich nicht mit“, sagt dieser vorsichtig.
„Was heißt das?“, fragt die Mutter nach.
„Wenn etwas gemacht wird, was ich nicht kann, muss ich mich auf die Bank setzen.“
Die Mutter ist sprachlos.
„Aber… hast du das nicht mal angesprochen? Da lässt sich doch sicherlich auch etwas finden, was du machen kannst…“
„Nein, hat die Lehrerin gesagt. Und: Damit musst du dich einfach abfinden.“
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Montag, 4. Februar 2019

Tanzen

DER JUNGE tanzt. Hip Hop. Eine nette Gruppe, eine nette Trainerin.
Aber seit den Ferien tanzt er nicht mehr mit.
Er steht nur am Rand und schaut zu.
Die Trainerin ist besorgt. Was ist denn los?
Der Junge zuckt nur mit den Achseln.
Die Mutter sagt: „Lassen Sie ihm Zeit! Das wird schon wieder…“
Auch in der Schule, bei der Musik und schon früher im Kindergarten gab es diese Phasen.
„Der ist ganz klar überfordert“, sagten damals die einen.
„Der müsste in eine Gruppe für Kinder mit speziellen Bedürfnissen“, sagten andere.
„Die Schere zu den normalen Kindern geht eben immer mehr auf“, sagten die nächsten.
Und die Mutter sagte das, was sie auch jetzt sagt: „Haben Sie bitte Geduld!“
Nun steht eine Tanzaufführung bevor.
Nur noch zweimal Tanztraining…
„Unglaublich!“, sagt die Trainerin, als die Mutter den Jungen abholt, „heute hat er sich sofort zu den anderen gestellt und alles mitgemacht! Und er konnte alles!“
Dann lacht sie: „Na ja, lange genug angeschaut hatte er sich die Tanzschritte ja auch.“
Die Mutter lächelt.
Und dann sieht sie es bei der Aufführung selbst: Wie der Junge alles fröhlich mittanzt. Nur manchmal sind seine Arme nicht da, wo sie hingehören.
Immer dann, wenn er der Mutter zuwinkt.
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Montag, 28. Januar 2019

Kleiner Bruder

Die Familie war eine Zeitlang im Ausland. Nun gehen DER JUNGE und sein kleiner Bruder wieder in eine deutsche Schule.
Der Junge besucht eine der oberen Klassen, sein kleiner Bruder wird noch einmal in die 1. Klasse gesetzt.
Das funktioniert nicht besonders gut.
Der Bruder weigert sich, noch einmal das Alphabet zu lernen. Das hatte er schon in seiner alten Schule. Außerdem kann er schon längst kleine Bücher lesen.
Auch die Mathe-Arbeitsblätter zum Zahlenraum bis 10 zerreißt er regelmäßig.
Es dauert nicht lange, da bittet die Lehrerin die Mutter zum Gespräch.
„So kann es nicht weitergehen“, sagt sie, „natürlich habe ich für seine Situation Verständnis…“
„Was meinen Sie genau?“, fragt die Mutter.
„Naja, ich weiß, dass er es nicht leicht hat. Aber ich kann ihm trotzdem nicht alles durchgehen lassen…“
Die Mutter runzelt fragend die Stirn.
„…nur weil er mit einem behinderten Bruder aufwachsen muss!“

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Montag, 21. Januar 2019

In der Freizeit

Die Mutter DES JUNGEN trifft eine andere Mutter. Beide haben sich lange nicht mehr gesehen.
Die Tochter der anderen Mutter war einige Zeit mit dem Jungen in einer Klasse, bis er in die allgemeine Schule wechselte.
Seit kurzem lebt sie in einem Wohnheim für Menschen mit Behinderung.
„Sie fühlt sich dort sehr wohl“, berichtet ihre Mutter, „auch in der Freizeit wird dort einiges angeboten.“
„Ach, das ist ja interessant“, fragt die Mutter des Jungen nach, „was denn so?“
„Manchmal wird gemeinsam gekocht oder ein Kinoabend organisiert. Sogar bei einem Fußballspiel waren sie neulich“, berichtet die Mutter.
„Ich weiß nicht, ob das was für meinen Sohn wäre“, gibt die Mutter des Jungen zu bedenken, „er geht ja regelmäßig ins Fitness-Studio. Und am Wochenende ist es zumindest im Winter sein größtes Glück, wenn er Ski fahren kann!“
„Ts, ts…“ – die andere Mutter legt die Stirn in Falten und schüttelt den Kopf:
„Du hast aber auch immer Ansprüche!“
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Montag, 14. Januar 2019

Der Schulranzen

DER JUNGE ist seit kurzem in einer neuen Schule.
Mittwochs ist dort AG-Tag. Dazu müssen die Kinder in ein anderes Gebäude laufen.
Davor hat der Junge große Angst. Denn er kann nur einen Arm benutzen. Und er geht etwas schleppend. Manchmal stolpert er.
„Was ist, wenn ich hinfalle?“, denkt er, „oder wenn ich mich verlaufe?“ Und dann ist da auch noch der schwere Schulranzen…
Doch nach dem ersten AG-Tag sind alle seine Ängste verflogen.
„So“, hatte eines der Mädchen aus seiner Klasse energisch gesagt, „immer einer von uns trägt deinen Ranzen. Und wir bleiben immer schön zusammen, ok?“. Alle waren einverstanden.
Lehrer waren an dieser Regelung nicht beteiligt.
Der Junge erzählt all das sofort zu Hause. „Mama“, sagt er immer noch ganz beeindruckt, „dass sie das für mich getan hat…!“
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Montag, 7. Januar 2019

Nach der Schulzeit

DAS MÄDCHEN ist im Abschlussjahr.
Aber: Wie geht es dann weiter nach der Schule?
Das Arbeitsamt sagt: Eine Ausbildung kann das Mädchen nicht schaffen.
Der Fachdienst sagt: Für eine berufsvorbereitende Maßnahme ist das Mädchen zu schwach.
Die Lehrer sagen: Auf dem ersten Arbeitsmarkt sehen sie das Mädchen nicht.
Der Schulrat sagt: Eine weitere Verlängerung der Schulzeit kommt nicht in Betracht.
Alle sagen: Das Mädchen muss in die Werkstatt!
Die Mutter berichtet dies in der Elterngruppe.
Da meldet sich eine andere Mutter zu Wort: „Du musst gar nichts!“, sagt sie, „und deine Tochter auch nicht! Sie hat ihre Schulpflicht erfüllt. Sie kann gar erst mal einfach nur abhängen, so wie viele andere Kids auch. Sie kann ein Praktikum machen. Oder ins Ausland gehen. Oder ihr nehmt sie mit auf Weltreise…!“
Die Mutter lächelt und schweigt.
Dann sagt sie stockend und leise: „Das ist mir jetzt echt ein bisschen peinlich… Aber ich habe das mit dem „sie muss…“ so oft gehört, dass ich doch tatsächlich davon ausgegangen bin, dass es in Deutschland so etwas wie eine Arbeitspflicht für Behinderte gibt!“
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