Montag, 7. Januar 2019

Nach der Schulzeit

DAS MÄDCHEN ist im Abschlussjahr.
Aber: Wie geht es dann weiter nach der Schule?
Das Arbeitsamt sagt: Eine Ausbildung kann das Mädchen nicht schaffen.
Der Fachdienst sagt: Für eine berufsvorbereitende Maßnahme ist das Mädchen zu schwach.
Die Lehrer sagen: Auf dem ersten Arbeitsmarkt sehen sie das Mädchen nicht.
Der Schulrat sagt: Eine weitere Verlängerung der Schulzeit kommt nicht in Betracht.
Alle sagen: Das Mädchen muss in die Werkstatt!
Die Mutter berichtet dies in der Elterngruppe.
Da meldet sich eine andere Mutter zu Wort: „Du musst gar nichts!“, sagt sie, „und deine Tochter auch nicht! Sie hat ihre Schulpflicht erfüllt. Sie kann gar erst mal einfach nur abhängen, so wie viele andere Kids auch. Sie kann ein Praktikum machen. Oder ins Ausland gehen. Oder ihr nehmt sie mit auf Weltreise…!“
Die Mutter lächelt und schweigt.
Dann sagt sie stockend und leise: „Das ist mir jetzt echt ein bisschen peinlich… Aber ich habe das mit dem „sie muss…“ so oft gehört, dass ich doch tatsächlich davon ausgegangen bin, dass es in Deutschland so etwas wie eine Arbeitspflicht für Behinderte gibt!“
Die Geschichte vorgelesen ...

15 Kommentare:

  1. Eure Geschichten sind der Grund, dass ich mich auf Montag freue. Danke <

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  2. Alle sagen,dass das Mädchen in die Werkstatt muss? Es ist mal wieder typisch Deutschland. Egal wo behinderte Menschen gehen, versucht jeder sie abzuschieben. Man schiebt sie aus den Regelschulen ab und selbst in Einrichtungen für behinderte Menschen sind sie nicht erwünscht!
    Ich wünsche es dem Mädchen vom Herzen,dass sie wenigstens in einer Werkstatt aufgenommen wird! Das Problem ist,dass sogar in Werkstätten erwartet wird ,dass die behinderten Menschen leistungsorientiert arbeiten sollen. Schaffen,sie dies nicht,werden sie weiter an die Tagesstätten abgeschoben!
    Mein behindertes Kind hat ähnliche Probleme, wie das Mädchen oben in der Geschichte.Es könnte eine Ausbildung machen,es könnte eigentlich eine Menge schaffen! Es scheitert daran,weil ihm keine Assistenzhilfe finanziert wird.Da es keine eins-zu-eins Betreuung durch eine Assistenzhilfe erhält(ähnlich wie ein Schulbegleiter in der Schule),darf es auch nicht eine berufsvorbereitende Maßnahme, eine Ausbildung machen,oder sogar in einer Werkstatt arbeiten!

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    1. Das ist jetzt wirklich nicht böse gemeint und ich hoffe, dass ich nicht falsch verstanden werde. Aber Berufe sind ja keine Beschäftigungstherapie, sondern bestehen in erster Linie, weil damit Geld generiert werden soll. Wenn jemand eine Assistenzhilfe benötigt um eine Ausbildung zu machen, ist die Assistenz unter Umständen teurer als die Ausbildung. Dass dies nicht bewilliht wird, finde ich rational schon irgendwie nachvollziehbar, zumal ja zu vermuten ist, dass die Berufsausübung später auch nicht ohne Assistenz erfolgen kann?
      Inklusion ist ein wunderbares Gedankenkonstrukt und ich wünsche mir für jeden Menschen, dass ihm die Wertschätzung und Anerkennung entgegegen gebracht wird, die jedem Menschen gebührt. Aber was man in der Schule noch politisch-ideologisch durchdrücken kann, findet seine Grenzen eben auf dem Arbeitsmarkt. Eine Inklusion in eine leistungasorientierte Gesellschaft unter Aufhebung des Leistungsdrucks ist eine utopische Illusion.

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    2. Das sehe ich genauso. Selbst in der Schule kann man es nicht wirklich durchdrücken, auch das ist eine Illusion. Das weiß jeder Lehrer. Es wurde von erfahrenen Lehrern schon häufig genug thematisiert. Favorisiert wird es von Befürwortern, die selbst nie wirklich verantwortlich längere Zeit, oder überhaupt noch nie, unterrichtet haben.

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  3. Der Ratschlag der einer Mutter „und deine Tochter auch nicht! Sie hat ihre Schulpflicht erfüllt. Sie kann gar erst mal einfach nur abhängen, so wie viele andere Kids auch. Sie kann ein Praktikum machen. Oder ins Ausland gehen. Oder ihr nehmt sie mit auf Weltreise…!“,ist ironisch gemeint oder?

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  4. Ein behindertes Kind Zuhause zu halten,ist auch keine Lösung!Bei meinem behindertem Sohn wird ab April diesen Jahres auch die Hilfe gestrichen. Er würde so gerne weiterhin zur Schule gehen,eine Ausbildung machen. Es ist leider nicht möglich!
    Es bedrückt ihn sehr!
    Behinderte Menschen müssen auch unter Menschen kommen und nicht isoliert Zuhause vor sich hin vegetieren, wo sie fast nur Kontakt zu Familienmitglieder haben!
    Ist es nicht traurig,dass Eltern sich damit zufrieden geben,wenn sie einfach nur noch in Ruhe gelassen werden?!Sie sind ständig mit Ablehnung konfrontiert!

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  5. Bei uns sagt die Schule , sie sehen meine Tochter auf dem ersten Arbeitsmarkt mit ausrechender Unterstützung . Die Berufsberaterin sagt , sie muss diese und jene Testung bestehen und eine gewisse Selbständig zeigen wenn sie das macht was sie möchte , die WfbM sagt , es läuft eh alles über die Werkstatt , erster Arbeitsmarkt hin oder her.
    Und die Moral von der Geschichte ? Nach den Bedürfnissen meiner Tochter geht es wieder nicht . Wieder und wieder nur Steine die in den Weg gelegt werden .

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  6. Man gibt behinderten Jugendlichen nicht Mal eine Chance auf Weiterbildung!
    Von den nicht behinderten Studierenden in Deutschland verlässt knapp die Hälfte die Hochschule bereits in den ersten beiden Semestern,knapp ein Drittel im dritten und vierten Semester.
    Von den nicht behinderten Jugendlichen, die in eine Lehre gehen,sind es jeder vierte der die Lehre hinschmeißt.
    Viele dieser Jugendlichen haben trotz alledem die Chance immer und immer wieder in einer Ausbildung zu gehen. Sie können Umschulungen machen, sie können sogar auf eine private Uni gehen.
    Behinderten Jugendlichen wird diese Chance von vornherein weggenommen.Deutschland setzt sein ganzes Vertrauen in die nicht behinderten Menschen ein,auch wenn sie das eine oder andere Mal die nötige Leistung nicht bringen! Wo ist das Vertrauen auch für die behinderten Jugendlichen,damit sie eine Chance haben inmitten der Gesellschaft integriert zu werden ?!

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  7. Der Grund warum viele behinderte Jugendliche in Ausbildungsstätten nicht aufgenommen werden, ist weil sie sehr schlecht abschneiden,obwohl viele ein unglaublich großes Potenzial haben. Viele Ausbildungsstätten können deren Potenzial nicht einschätzen und erkennen,weil den behinderten Jugendlichen Berichte,Gutachten fehlen! Bei meinem behindertem Kind war es so,dass das eins der Gründe war, weswegen er so oft in Berufsschulen abgelehnt worden ist!
    Seitdem Inklusion in Deutschland eingeführt worden ist,wurden in manchen Bundesländer die Sonderschulen als Förderzentren für Diagnose und Beratung umbenannt!Angeblich wird bei jedem Schüler Jahr für Jahr der sonderpädagogische Förderbedarf überprüft! Hier müssten dabei Berichte der Schulbehörden vorgelegt werden! Dies ist aber nicht der Fall! Vielen wird bei der Einschulung nicht mal ein Gutachten über den sonderpädagogischen Förderbedarf erstellt. In den Schülerakten finden sich meist nur Zeugnisse! Und die Zeugnisse sind so formuliert,dass über die kognitive Fähigkeiten der Schüler kaum was geschrieben wird. In Zeugnisse liest man so oft Sätze wie:Das Kind hat gerne an Aktivitäten wie Kochen, Waschen,Backen, Ausflüge teilgenommen.Sie sagen kaum was aus!
    Die Förderpläne vieler behinderter Kinder in Schulen sind katastrophal!Obwohl es neue Vorschriften zur Gestaltung der Förderpläne vorgegeben sind(Ziele zur Förderung der Kinder müssen in jedem Fach in Förderpläne eingetragen werden).Es wird aber in vielen Schulen immer noch die alte Form beibehalten(maximal drei Ziele zur Förderung in einem ganzen Schuljahr).

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  8. … aber ein Recht auf Arbeit gibt es in Deutschland auch nicht. Höchstens in der WfbM. Durfte ich heute bei der Beraterin des IFD lernen. Der Dampf im Kessel kocht. Vielleicht hilft die UN BRK.

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  9. Die UN BRK hilft seit nunmehr 10 Jahren nicht . Sanktionen interessieren die Politiker nicht !

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  10. Fan des Illustrators13.01.2019, 13:12:00

    Was für eine geniale Zeichnung!
    Gefesselt! Hilflos!
    So fühle ich mich auch, wenn ich mich mit der beruflichen Zukunft unserer Tochter beschäftige.
    Ich finde es aber auch eher beunruhigend, dass es kein Recht auf Arbeit gibt und damit keine verlässliche Unterstützung bei der beruflichen Qualifizierung als die Tatsache, dass es keine Arbeitspflicht gibt.

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  11. "Abschlussjahr" :dazu mal eine Frage:Welchen Abschluß macht das Mädchen denn?? Als wir in einer inklusiven Gemeinschaftsschule anfragten, welche Art von Abschluß denn für unser Kind geplant sei, wurden wir ziemlich kariert angesehen. Abschluß ??

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    1. Das Mädchen kann keinen Hauptschulabschluss machen/schaffen, und damit keinen anerkannten "Abschluss" im Rechtssinne. Deshalb erhält es - zumindest in seinem Bundesland - lediglich ein Abgangszeugnis.

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  12. Jeder Mensch ist wertvoll. Ob er arbeitet oder nicht. In meiner Arbeit mit beeinträchtigten Menschen erlebe ich wie wichtig es ist, dass sie geschätzt, gefördert und gelobt werden für die Leistung, welche sie täglich erbringen und dies Unabhängig von der Menge oder Stückzahl. Nur weil wir 'Normalen' es nicht auf die Reihe kriegen adäquat mit den Anforderungen unserer Gesellschaft umzugehen, müssen wir unser Leistungsdenken nicht auf Menschen mit einer Beeinträchtigung projizieren. Ich denke das Personen, die keine Berührungspunkte mit Beeinträchtigten haben, dieser Diskussion lieber Fernbleiben sollen. Übrigens: Fehlende Sozialkompetenz zählt auch als Beeinträchtigung. Einfach als eine psychische.

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Danke für Ihre Anmerkung. Wir behalten uns vor, diese hier zu veröffentlichen.