Montag, 25. Februar 2019

Der Pfarrer

DER JUNGE ist erwachsen.
Immer wieder sterben im seinem Umfeld Menschen.
Er hat gelernt, in einfacher Sprache für sie zu beten.
Das ist inzwischen ein Ritual, das er sehr liebt.
Manchmal geht er gemeinsam mit seinem Assistenten in die Kirche zu einem Gottesdienst.
Das ist nicht immer ganz einfach.
Denn er ist sehr spontan:
Er beschwert sich lautstark über „das blöde Aufstehen“.
Wenn jemand die Kirche verlässt, ruft er ihm freundlich „Auf Wiedersehen“ hinterher.
In der vergangenen Woche ist wieder jemand gestorben, den er kannte.
Heute sitzt der Junge im Gottesdienst und wartet ungeduldig auf das Ende.
Sofort nach dem Segen rennt er nach vorne. Sein Assistent rennt hinterher.
„Ich will beten“, bestürmt er den Pfarrer, der gerade in die Sakristei gehen will.
„Gerne“, sagt der Pfarrer. Er hatte den jungen Mann zwar immer schon mal in der Kirche gesehen, aber noch nie mit ihm gesprochen.
Der Junge und sein Assistent beten jetzt laut, so wie es der Junge gelernt hat.
Derweil leert sich die Kirche.
Der Pfarrer lässt sich davon nicht beirren, sondern hört aufmerksam zu.
Als der Junge fertig ist, spricht der Pfarrer noch ein abschließendes „Vater Unser“ und sagt:
 „Der liebe Gott passt auf alle auf: auf die Toten im Himmel und die Lebenden hier auf der Erde.“
Der Junge nickt und ist sehr zufrieden.
„Auf Wiedersehen“, ruft er freundlich, dreht sich um und rennt aus der Kirche.
Die Geschichte vorgelesen ...

Montag, 18. Februar 2019

Sportunterricht 2

DER JUNGE besucht eine allgemeine Schule.
Seine Körperbehinderung spielt im Unterricht keine große Rolle.
Ausnahme: Der Sportunterricht.
Weil er im vergangenen Halbjahr bei vielem nicht mitmachen durfte und deshalb auch nicht benotet wurde, hatte die Mutter das Gespräch mit der Lehrerin gesucht.
Die Lehrerin versprach, den Sportunterricht künftig „inklusiv“ zu gestalten.
Als die Mutter den Jungen eine Woche später fragte, ob er denn jetzt immer noch auf der Bank sitzen müsse, schüttelte der den Kopf: Nein, nein…
Die Mutter war beruhigt. Dann gab es Zeugnisse. „Sport: ausreichend“, stand da.
Eine Vier? Weshalb denn das? Die Mutter schüttelt den Kopf.
Wieder spricht sie mit der Lehrerin und lässt sich erklären, wie der Sportunterricht jetzt läuft:
Wenn die anderen Fußball spielen, schießt der Junge Soft-Bälle auf eine Torwand.
Wenn die anderen einen Parcours machen, absolviert der Junge seinen leichten Parcours am Rand.
Und wenn die anderen turnen, macht er alleine seine Übungen an der Sprossenwand.
„Na ja“, sagt die Lehrerin abschließend, „und eine Vier habe ich ihm gegeben, weil er bei all dem wirklich nicht sehr motiviert war!“
Die Geschichte vorgelesen ...

Montag, 11. Februar 2019

Sportunterricht 1

DER JUNGE besucht eine allgemeine Schule.
Seine Körperbehinderung spielt im Unterricht keine große Rolle.
Ausnahme: Der Sportunterricht.
Denn er kann nicht richtig rennen, er kann keinen Ball fangen, und springen kann er auch nicht.
Er prellt mit einer Hand und bewegt sich sonst eher langsam und vorsichtig.
Was macht denn der Junge im Sportunterricht?
Wenn die Mutter mittags sein Sportzeug auspackt, ist es niemals durchgeschwitzt.
Manchmal ist es auch noch so gefaltet, dass man denken könnte, der Junge hat es gar nicht getragen.
Nach ein paar Wochen fragt sie den Jungen direkt.
„Naja, viel mache ich nicht mit“, sagt dieser vorsichtig.
„Was heißt das?“, fragt die Mutter nach.
„Wenn etwas gemacht wird, was ich nicht kann, muss ich mich auf die Bank setzen.“
Die Mutter ist sprachlos.
„Aber… hast du das nicht mal angesprochen? Da lässt sich doch sicherlich auch etwas finden, was du machen kannst…“
„Nein, hat die Lehrerin gesagt. Und: Damit musst du dich einfach abfinden.“
Die Geschichte vorgelesen ...

Montag, 4. Februar 2019

Tanzen

DER JUNGE tanzt. Hip Hop. Eine nette Gruppe, eine nette Trainerin.
Aber seit den Ferien tanzt er nicht mehr mit.
Er steht nur am Rand und schaut zu.
Die Trainerin ist besorgt. Was ist denn los?
Der Junge zuckt nur mit den Achseln.
Die Mutter sagt: „Lassen Sie ihm Zeit! Das wird schon wieder…“
Auch in der Schule, bei der Musik und schon früher im Kindergarten gab es diese Phasen.
„Der ist ganz klar überfordert“, sagten damals die einen.
„Der müsste in eine Gruppe für Kinder mit speziellen Bedürfnissen“, sagten andere.
„Die Schere zu den normalen Kindern geht eben immer mehr auf“, sagten die nächsten.
Und die Mutter sagte das, was sie auch jetzt sagt: „Haben Sie bitte Geduld!“
Nun steht eine Tanzaufführung bevor.
Nur noch zweimal Tanztraining…
„Unglaublich!“, sagt die Trainerin, als die Mutter den Jungen abholt, „heute hat er sich sofort zu den anderen gestellt und alles mitgemacht! Und er konnte alles!“
Dann lacht sie: „Na ja, lange genug angeschaut hatte er sich die Tanzschritte ja auch.“
Die Mutter lächelt.
Und dann sieht sie es bei der Aufführung selbst: Wie der Junge alles fröhlich mittanzt. Nur manchmal sind seine Arme nicht da, wo sie hingehören.
Immer dann, wenn er der Mutter zuwinkt.
Die Geschichte vorgelesen ...